Kanzler und Künste

03. Okt 2005 | von | Kategorie: Politisches Buch

cover_seitz.jpgDie Beziehung der deutschen Bundeskanzler zu den Künsten ist zum Teil komplexer und vielfältiger, als die tägliche Berichterstattung vermuten lässt. Fast jeder Kanzler hatte oder hat zu irgendeiner Form von Künsten eine ausgesprochene Affinität – sei aus Interesse oder aus Kalkül. Norbert Seitz hat diese Beziehungen untersucht. Von Beatrice Kolp

Norbert Seitz beschreibt in Die Kanzler und die Künste auf gerade 169 Seiten die schwierige Beziehung der einzelnen Bundeskanzler – von Adenauer bis Schröder – zu den Intellektuellen ihrer Zeit, gemeint sind Schriftsteller, Maler, Verleger etc. Zu Anfang der Bundesrepublik Deutschland hatten deutsche Politiker von Amts wegen Motive, für ihre kulturpolitische Zurückhaltung. Politik dürfe sich kein ästhetisches und erst recht kein politisches Urteil darüber erlauben, welche Kunst förderungsfähig sei und welche nicht. Das zweite Motiv der Distanz zur Kunst resultierte aus ihrem Missbrauch im Nationalsozialismus.

Heutzutage treffen die anfänglichen Motive, sich gegen Kunst zu verweigern, kaum noch zu. Das liegt zum einen an der Stabilisierung der Demokratie, aber auch am dramatischen Bedeutungsverlust der Politik. Eher könne man sagen, dass Kultur und Kulturpolitik heute einen hohen Wert besitzen. Diese Entwicklung sei deutlich im Verhalten der verschiedenen Kanzler zu sehen.

Kalte Beziehungen

Zwischen Konrad Adenauer und der Kunst bestand ein nahezu ignorantes Nicht-Verhältnis. Seitz nennt es die fehlende Fähigkeit zur Kommunikation mit Intellektuellen. Bei ihm herrscht – nach der ideologischen Indienstname der Künste durch die Nazis – wohl noch das Wunschbild einer politikfreien Kunst vor. Dennoch habe gerade Adenauer die Kunst gebraucht wie kein anderer. Als Nachkriegskanzler brauchte er vor allem den Frohsinn stiftenden Schauspieler, wie Seitz festhält. Erst spät in seiner Amtszeit entdeckte er seine Liebe für die Malerei. Graham Sutherland und Oskar Kokoschka porträtierten Adenauer. Zwischen den Malern und dem ersten deutschen Bundeskanzler entwickelte sich eine tiefe Freundschaft.

Ebenso wie Konrad Adenauer habe Ludwig Erhard, selbst ein "hochkarätiger Intellektueller", ein gespaltenes Verhältnis zur Kunst gehabt. Entgegen der CDU-Polemik gegen Intellektuelle versuchte Erhard das Verhältnis zu ihnen zu verbessern. Zu Beginn seiner Amtszeit lud der Kanzler Schriftsteller und Verleger zu sich ein. Dieses Gespräch scheiterte, ging es bei dem Treffen doch weniger um Literatur, als mehr um Politik. Und dennoch sagt Seitz ihm einen Hang für moderne Architektur nach, wie an seinem gläsernen Kanzlerbungalow zu sehen. In der Bevölkerung stieß er damit auf Abneigung. Er sei zu modern und vor allen zu teuer.

Schöngeister in der Politik

Als wesentlich kulturinteressierter galten Kiesinger und Brandt. Kurt Georg Kiesinger hatte aufgrund seiner Vergangenheit als ehemaliges NSDAP-Mitglied einen schwierigen Stand in der deutschen Kulturszene. Nicht selten zitierte er während der Kabinettssitzungen Plato oder Descartes. Besonders angetan hatten es ihm Dichter wie Goethe, Schiller oder Hölderlin. Deutsche Dichter und Intellektuelle versagten ihm hingegen die Gefolgschaft – anders als bei Brandt.

Mit seiner Regierungsübernahme begann für kurze Zeit der Gleichklang von Politik und Kunst. Einen besonderen Hang hatte er für Christos Verhüllungskünste. Vor allem aber habe er die Künstler für ihre subversive Freiheit bewundert, die sie so grundlegend vom Politiker unterschieden, so Seitz. Aber auch seitens der Künstler, vor allem der Schriftsteller, wurden Brandt Zuneigungen entgegengebracht. Seine Rede vor dem Verband deutscher Schriftsteller sowie seine Initiative zum Ankauf zeitgenössischer Malerei machten ihn zur Ikone linker Künstler. Damit gilt er bis heute als “Künstler-Kanzler”.

Helmut Schmidt pflegte ebenso zahlreiche Künstlerfreundschaften. Detailliert werden diese von Seitz beschrieben. Als Krönung seiner künstlerischen Ambitionen – zum Abschluss seiner Amtszeit – setzte er sich für die Künstlersozialversicherung ein. Diese wurde drei Monate nach seiner Abwahl, 1983, realisiert.

Der Ökonom

Helmut Kohl sei mehr Ökonom als Kultureller gewesen. Seitz schildert sein Verhältnis zur Kultur als zwiegespalten. Einerseits war Kohl begeisterter Leser, andererseits gestattete er der intellektuellen Elite nicht zu viel Einfluss. Einen nachhaltigen Fauxpas erlaubte sich der Einheitskanzler, als er sich weigerte, den von Christo verhüllten Reichtag zu besichtigen. Als Reaktion auf seine Ignoranz zogen sich die Künstler zurück.

Als Gerhard Schröder 1998 das Amt übernahm, hatte er zunächst einen schweren Stand in der verschrobenen Kulturszene. Um sich vom Image seines Vorgängers zu distanzieren, ließ der neue Kanzler keine Gelegenheit aus, um sein Kunstinteresse aufblitzen zu lassen. Künstler durften den Kanzler bei Staatsbesuchen und öffentlichen Auftritten begleiten. Er erhob die Kunst zum Statussymbol. Seitz attestiert Gerhard Schröder seinen eigenen Stil im Umgang mit Künstlern gefunden zu haben. Vor allem schien er von seinen Vorgängern gelernt zu haben. Wie Brandt warb er um die Literaten und wie Schmidt verschloss er sich deren partizipatorischen Wünschen.

Schwierige Beziehungen ausführlich beschrieben

Norbert Seitz beschreibt ausführlich bis detailliert das wechselvolle Verhältnis der Kanzler zu den Künsten. Besonderes Augenmerk widmet der Autor Willy Brandt. Hier hat man als Leser das Gefühl, er verliert sich in Einzelheiten. Beinahe akribisch werden Verhaltensweisen des Kanzlers beschrieben. Diese Akribie durchzieht den gesamten Band. Wenn auch auf der einen Seite die facettenreichen Beziehungen klar beschrieben werden, ist es für den Leser teilweise ermüdend. Lesenwerter gemacht hätten dem Buch ausgewählte Passagen mit tiefer gehenden Hintergrundinformationen. Alles in allem bietet Norbert Seitz einen interessanten Überblick. Für Einsteiger in das Thema sicher empfehlenswert.


Norbert Seitz: "Die Kanzler und die Künste"

Siedler Verlag, 2005, 192 Seiten

ISBN 3-88680-803-3


Die Bildrechte liegen beim Siedler Verlag.


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