Kaltgestellter Krieg
Minenfelder, Geisterstädte, Flüchtlinge in Auffanglagern: Elf Jahre ist der Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan um die kleine Region Berg-Karabach her, einen Friedensschluss gab es nie. Der Konflikt droht permanent wieder aufzuflammen. Neunter der Teil der Serie Vergessene Konflikte. Von Petra Sorge.
Seit Jahren leben sie in menschenunwürdigen Bedingungen: In den Auffanglagern in Aserbaidschan hausen zehntausende Aseri. Als Notunterkünfte dienen Wellblechhütten, Lehmhütten und sogar Zugwaggons. Die
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| Aserische Vertriebene und ihr “neues Heim”. |
Eine Bergregion als Streitobjekt
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| Aserbaidschan und die Region Berg-Karabach. |
Ausbruch des Krieges
Der Ursprung des Berg-Karabach-Konflikts liegt im 19. Jahrhundert: Mit dem Zerfall des zaristischen Reiches in Russland erhoben mehrere Mächte Anspruch auf Bergregion. Die Sowjetunion unterstellte es Aserbaidschan. Seitdem erhob Armenien immer wieder Ansprüche auf die Region, in der zum größten Teil armenische Siedler wohnen. Der schon lange im Untergrund schwelende Konflikt konnte aber auch durch die sowjetische Interventionspolitik nicht beseitigt werden.
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| Armenischer Soldat auf Wache. |
Gezerre nach Kriegsende
Doch die politisch und wirtschaftlich desaströse Lage während und nach dem Krieg führte zu einer Fluchtwelle von Armeniern: Innerhalb weniger Jahre blutete das Land aus – heute lebt mehr als die Hälfte aller Armenier verstreut in der ganzen Welt. Die armenische Diaspora, die mit 40 Prozent den größten Anteil an der Versorgung der teils bitterarmen Menschen hat, half die Kriegsfolgen zu lindern.
Trotz des unterzeichneten Waffenstillstands beharrten die Staaten auf ihren Forderungen: Armenien will die Wiedervereinigung mit Berg-Karabach, und Aserbaidschan pocht auf den Besitz der Autonomieregion. Doch die Bewohner von Berg-Karabach wollen von dem Gezerre gar nichts wissen: Die überwiegend armenische Bevölkerung lehnt eine Vereinigung mit Armenien ab. Stattdessen ging sie schon im Jahre 1994 einen dritten Weg: Das Parlament hat Berg-Karabach zur unabhängigen Republik erklärt. Das geschah mit der Nominierung des ersten Präsidenten Robert Kotscharjan – heute Armeniens Präsident. Eine eigene Armee und eigene Pässe sollen der politischen Unabhängigkeit Nachdruck verleihen. Auch die Wahlen am 19. Juni 2005 haben die Regierung gestärkt: Aus Sicht der internationalen Beobachter waren sie frei und fair, die regierungsnahe "Demokratische Partei" hat die Mehrheit erlangt
Nichtanerkannte Unabhängigkeit
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| Geisterstadt. |
Allerdings hat bisher kein Land der Welt Berg-Karabach als unabhängigen Staat anerkannt, nicht einmal Armenien. So okkupiert Armenien bis heute auch sechs aserische Städte und etwa 20 Prozent des Territoriums Aserbaidschans. In dem engen Grenzstreifen zwischen der karabachischen Enklave und der Grenze Armeniens sind die Landschaften noch vermint und vom Krieg verwüstet.
Öl ins Feuer?
Friedensbemühungen begannen erst sehr spät, da der Krieg durch den Zerfall der Sowjetunion international kaum beachtet wurde. Die OSZE, allen voran Russland und seit kurzem verstärkt die USA suchen nach Lösungen. Die zu diesem Zweck gegründete "Minsker Gruppe" brachte bisher aber kein erfolgreiches Ergebnis. Der aserbaidschanische Politikwissenschaftler Rizvan Nabiev kritisiert in seinem Plädoyer "Stabilitätspakt für den Kaukasus", dass die unterschiedlichen Interessen der Mitglieder der Minsker Gruppe auf die Region eher destabilisierend wirken. Während die USA ein besonderes Interesse am Transport der reichhaltigen Ölvorkommen am Kaspischen Meer nach Europa hätten, würde der Kreml versuchen, die Konfliktseiten gegeneinander auszuspielen. Nabiev warnt, dass Aserbaidschan mit den reichen Finanzquellen aus dem Ölhandel seine Waffenproduktion ankurbeln könnte: "So könnte der Aufschwung der Öl- und Gasproduktion im kaspischen Raum die zahlreichen ungelösten Konflikte der Region wieder neu entfachen. Die Erfahrungen der Golfstaaten legen hierfür ein bitteres Zeugnis ab."
Hier geht es zum Dossier Vergessene Konflikte.
Die Bildrechte liegen bei der Online-Wochenschrift Caucaz.com
Aserische Vertriebene vor ihrem Haus: Jeanne Gerster
Armenischer Soldat: Laurence Ritter
Verlassene Straßen (Junge): Célia Chauffour
Karte: Public Domain
Weiterführende Links:
Wochenschrift Caucaz.com zum Kaukasus
Reportage über aserische Flüchtlinge
Botschaften von Aserbaidschan und Armenien
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