Kaltgestellter Krieg

25. Sep 2005 | von | Kategorie: Vergessene Konflikte

Minenfelder, Geisterstädte, Flüchtlinge in Auffanglagern: Elf Jahre ist der Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan um die kleine Region Berg-Karabach her, einen Friedensschluss gab es nie. Der Konflikt droht permanent wieder aufzuflammen. Neunter der Teil der Serie Vergessene Konflikte. Von Petra Sorge.

Seit Jahren leben sie in menschenunwürdigen Bedingungen: In den Auffanglagern in Aserbaidschan hausen zehntausende Aseri. Als Notunterkünfte dienen Wellblechhütten, Lehmhütten und sogar Zugwaggons. Die

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Aserische Vertriebene und ihr “neues Heim”.
vergessenen Flüchtlinge wurden im Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan von 1992 bis 1994 vertrieben. Der Zankapfel zwischen den beiden Kaukasusrepubliken: die etwa 12.000 Quadratkilometer große Region Berg-Karabach, eine Enklave – also ein vollständig von einem anderen Land umschlossenes Territorium. Die Enklave in Aserbaidschan ist überwiegend von Armeniern bewohnt. Seit fast 10 Jahren harren die Flüchtlinge schon fern ihrer karabachischen Heimat aus. Zum Lebensunterhalt zahlt die Regierung in Baku ein mageres "Brotgeld" von umgerechnet 4 Euro im Monat. Denn seit dem Krieg zwischen den kaukasischen Nachbarstaaten haben die Flüchtlinge alles verloren – ihre Wohnung, ihre Wurzeln, ihre Hoffnungen. Auch die Hoffnungen auf einen echten Friedensschluss: Der lässt bis heute auf sich warten.

Eine Bergregion als Streitobjekt

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Aserbaidschan und die Region Berg-Karabach.
Es scheint geradezu absurd: Ein unwirtliches, bergiges Stück Land, in dem außer Weinbau und Viehzucht nichts zu holen ist, führte zu einem Krieg mit über 35.000 Opfern und über eineinhalb Millionen Vertriebenen. Für die Armenier, die das Selbstbestimmungsrecht der Völker beschwören, ist das Gebiet ein bedeutendes christlich-religiöses und nationales Kulturland und zugleich die Wiege der Freiheitsbewegung. Aserbaidschan jedoch will auf sein Territorium nicht verzichten und verweist auf die Tatsache, dass schon vor der russischen Kolonialherrschaft zum großen Teil Muslime in der Region angesiedelt waren. Die Regierung in Baku ist lediglich bereit, Berg-Karabach einen hohen Grad an Autonomie zu gewährleisten, während die Armenier in Jerewan eine Wiedervereinigung oder zumindest die Unabhängigkeit Karabachs fordern. Zusätzlich wird der Konflikt durch nationalistische Interessen und die Frage um die "historische Gerechtigkeit" angeheizt.

Ausbruch des Krieges

Der Ursprung des Berg-Karabach-Konflikts liegt im 19. Jahrhundert: Mit dem Zerfall des zaristischen Reiches in Russland erhoben mehrere Mächte Anspruch auf Bergregion. Die Sowjetunion unterstellte es Aserbaidschan. Seitdem erhob Armenien immer wieder Ansprüche auf die Region, in der zum größten Teil armenische Siedler wohnen. Der schon lange im Untergrund schwelende Konflikt konnte aber auch durch die sowjetische Interventionspolitik nicht beseitigt werden.

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Armenischer Soldat auf Wache.
Den Kriegsanlass lieferte eine Bitte Berg-Karabachs an Moskau im Jahre 1988: Die Bergregion wollte unter armenische Republikhoheit gestellt werden. Daraufhin rief Aserbaidschan zur Blockade gegen den Nachbarstaat Armenien auf. Pogrome gegen die armenische Bevölkerung folgten. Armenien und Berg-Karabach führten einen Generalstreik durch. In den darauf folgenden Jahren kam es auf Seiten der Aseri als auch der Armenier zu Pogromen, Deportationen, Geiselnahmen und Misshandlungen von Gefangenen. Armenien schaffte den militärischen Schlag in die Bergregion und unterstellte es seiner Verwaltung. Nach Massakern an der aserbaidschanischen Bevölkerung gewann Armenien den Krieg. Und das, obwohl Aserbaidschan über die größeren finanziellen Ressourcen verfügte: Denn im Kaspischen Meer lagern reiche Erdöl- und Erdgasvorkommen. Am 25.5.1994 wurde der Waffenstillstand unterzeichnet.

Gezerre nach Kriegsende

Doch die politisch und wirtschaftlich desaströse Lage während und nach dem Krieg führte zu einer Fluchtwelle von Armeniern: Innerhalb weniger Jahre blutete das Land aus – heute lebt mehr als die Hälfte aller Armenier verstreut in der ganzen Welt. Die armenische Diaspora, die mit 40 Prozent den größten Anteil an der Versorgung der teils bitterarmen Menschen hat, half die Kriegsfolgen zu lindern.

Trotz des unterzeichneten Waffenstillstands beharrten die Staaten auf ihren Forderungen: Armenien will die Wiedervereinigung mit Berg-Karabach, und Aserbaidschan pocht auf den Besitz der Autonomieregion. Doch die Bewohner von Berg-Karabach wollen von dem Gezerre gar nichts wissen: Die überwiegend armenische Bevölkerung lehnt eine Vereinigung mit Armenien ab. Stattdessen ging sie schon im Jahre 1994 einen dritten Weg: Das Parlament hat Berg-Karabach zur unabhängigen Republik erklärt. Das geschah mit der Nominierung des ersten Präsidenten Robert Kotscharjan – heute Armeniens Präsident. Eine eigene Armee und eigene Pässe sollen der politischen Unabhängigkeit Nachdruck verleihen. Auch die Wahlen am 19. Juni 2005 haben die Regierung gestärkt: Aus Sicht der internationalen Beobachter waren sie frei und fair, die regierungsnahe "Demokratische Partei" hat die Mehrheit erlangt

Nichtanerkannte Unabhängigkeit

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Geisterstadt.

Eine Eingliederung in Aserbaidschan lehnt der Außenminister Berg-Karabachs Masis Mailian ab: "Seit 1988 sind wir de facto unabhängig von Aserbaidschan. Und wir werden nie wieder zu einer Enklave werden. Nach den Ereignissen von 1988 wissen wir, was es bedeutet, eine Enklave zu sein. Wir wurden von allen Seiten blockiert. Es war Krieg. Bomben fielen. Wir hatten nichts zu essen, kein Wasser, keine Elektrizität. Viele Leute wurden umgebracht. Auch heute noch hören wir von Aserbaidschan, dass sie uns bekämpfen wollen, wenn wir nicht nachgeben. Wie können die da glauben, dass wir aserische Staatsbürger werden wollen?"

Allerdings hat bisher kein Land der Welt Berg-Karabach als unabhängigen Staat anerkannt, nicht einmal Armenien. So okkupiert Armenien bis heute auch sechs aserische Städte und etwa 20 Prozent des Territoriums Aserbaidschans. In dem engen Grenzstreifen zwischen der karabachischen Enklave und der Grenze Armeniens sind die Landschaften noch vermint und vom Krieg verwüstet.

Öl ins Feuer?

Friedensbemühungen begannen erst sehr spät, da der Krieg durch den Zerfall der Sowjetunion international kaum beachtet wurde. Die OSZE, allen voran Russland und seit kurzem verstärkt die USA suchen nach Lösungen. Die zu diesem Zweck gegründete "Minsker Gruppe" brachte bisher aber kein erfolgreiches Ergebnis. Der aserbaidschanische Politikwissenschaftler Rizvan Nabiev kritisiert in seinem Plädoyer "Stabilitätspakt für den Kaukasus", dass die unterschiedlichen Interessen der Mitglieder der Minsker Gruppe auf die Region eher destabilisierend wirken. Während die USA ein besonderes Interesse am Transport der reichhaltigen Ölvorkommen am Kaspischen Meer nach Europa hätten, würde der Kreml versuchen, die Konfliktseiten gegeneinander auszuspielen. Nabiev warnt, dass Aserbaidschan mit den reichen Finanzquellen aus dem Ölhandel seine Waffenproduktion ankurbeln könnte: "So könnte der Aufschwung der Öl- und Gasproduktion im kaspischen Raum die zahlreichen ungelösten Konflikte der Region wieder neu entfachen. Die Erfahrungen der Golfstaaten legen hierfür ein bitteres Zeugnis ab."


Hier geht es zum Dossier Vergessene Konflikte.


Die Bildrechte liegen bei der Online-Wochenschrift Caucaz.com

Aserische Vertriebene vor ihrem Haus: Jeanne Gerster

Armenischer Soldat: Laurence Ritter

Verlassene Straßen (Junge): Célia Chauffour

Karte: Public Domain


Weiterführende Links:

Plädoyer von Rizvan Nabiev

Wochenschrift Caucaz.com zum Kaukasus

Reportage über aserische Flüchtlinge

Botschaften von Aserbaidschan und Armenien


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