Joghurt gegen Terror
Sicherheit ist eines der großen Themen im laufenden Wahlkampf. In Leipzig diskutierten der Grünen-Politiker Volker Beck und der Verfassungsexperte Andreas Anter über die Anti-Terror-Gesetze der Bundesregierung. Von Dominik Schottner
Die Grüne Jugend Leipzig bekam unerwünschte Unterstützung von Al-Kaida. Vier Bombenexplosionen in London töteten am 7. Juli 2005 nicht nur mindestens 50 Menschen und verletzten an die 700. Die Bomben zeigten den rund 100 Besuchern einer Podiumsdiskussion am selben Tag im Leipziger Volkshaus auch, dass der Internationale Terrorismus nicht schläft. Ob der in Anti-Terror-Gesetze gegossene Sicherheitswahn der rot-grünen Bundesregierung den Terrorismus irgendwann ermüden oder aber aufs Neue erwecken wird, darüber diskutierten Volker Beck und der Leipziger Politologe Dr. Andreas Anter.
“Streben nach Sicherheit ist Wahnsinn”
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| Politologe Dr. Andreas Anter |
Eine Wahnsinnserscheinung sind laut Anter die nach den Anschlägen vom 11.September 2001 beschlossenen Sicherheitspakete 1 und 2. Bei ihrer “sehr raschen” Ausformulierung habe die rot-grüne Regierung “keinerlei Rücksicht auf die Grundrechte genommen”. Obwohl das erste Paket noch relativ schlank sei, verdiene die Nummer 2 aufgrund der Fülle an Veränderungen bereits das Wort “Paket”: “Das Sicherheitspaket 2 hat die Denk-Architektur dauerhaft verschoben. Die Stellung des Individuums im Grundgesetz hat sich dramatisch verändert.” Die Begründung des Innenministers Otto Schily, die Regierung handele so, um das Grundrecht jedes Bürgers auf Sicherheit optimal zu erfüllen, kann Anter nicht teilen: “Nirgendwo im Grundgesetz gibt es einen Hinweis auf dieses Grundrecht. Warum auch? Man könnte es ja sonst beim Bundesverfassungsgericht einklagen. Das kann keiner wollen.”
Wahlkampf mit und gegen Schily
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| Volker Beck |
Im Gegensatz zu Andreas Anter, der sein Referat stark philosophietheoretisch unterfütterte, versteifte sich Beck auf die Verteidigung der rot-grünen Sicherheitspolitik seit den Anschlägen vom 11. September. Neues gab er, wie übrigens auch Anter, nicht preis. Auffällig war jedoch die wiederholt aufflackernde Distanz zum Koalitionspartner in Gestalt des Innenministers. Anders als Schily sei er, Beck, kein Freund biometrischer Daten im Pass. “Wir haben zwar schon welche drinnen – Körpergröße, Augenfarbe, ein Foto – aber ich wehre mich zum Beispiel gegen den Fingerabdruck, der kriminalistisch weiterverwertet werden kann.” Auch sprach sich Beck gegen eine zentrale Straftäter-Datei von Geheimdiensten und Polizei aus: “Die Trennung von Geheimdienst und Polizei wurde den Vätern des Grundgesetzes vom Alliierten Kontrollrat nicht umsonst mit auf den Weg gegeben.” An dieser Linie zieht Beck, wie er in der späteren Diskussion herausstellte, die Grenze des Machbaren im Bezug auf die Bekämpfung des Internationalen Terrorismus: “Willkürliche Eingriffe in die Grundrechte und das Aushebeln des Rechtsstaats darf es nicht geben.”
Vermeidung von Joghurt-Gesetzen
Die anschließende Diskussion zeigte vor allem eines: Der Wahlkampf ist in vollem Gange. Und: Die Zuhörer, zum Großteil Studierende, misstrauen der rot-grünen Regierung sehr, wenn es um die Auswirkungen der Sicherheitsgesetze auf das Leben jedes Einzelnen geht. Die fast schon rhetorische Frage, ob eine rot-grüne Bundesregierung sich einer Erneuerung der befristeten Anti-Terror-Gesetze glaubhaft verweigern könne, verdeutlichte dies. Volker Beck indes glaubt an den Sinn der Befristung, auch “wenn die Evaluation der Gesetze furchtbar lästig und ein hoher Arbeitsaufwand sei.” Generell sei er aber gegen “Joghurt-Gesetze mit Verfallsdatum.” Sowohl Beck als auch Anter waren sich abschließend einig, dass Sicherheit im Wahlkampf eines der wichtigsten Themen sein wird. Mit Sicherheit.
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Die Bildrechte liegen beim Deutscher Bundestag (Angelika Kohlmeier) und der Universität Leipzig
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