Irakische Schildkröten

30. Jun 2005 | von | Kategorie: Politischer Film

Dieser Film ist sehenswert. Sehenswert schon alleine deshalb, weil er der erste Spielfilm aus dem Irak seit 26 Jahren ist. Das bereits mehrfach ausgezeichnete Werk erzählt von Flüchtlingskindern – und der Unmöglichkeit, zwischen Mienenfeldern und Kriegsbedrohung Kind zu sein. Von Barbara Stößel

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Satellit spricht zu seinen “Kindern”
Jeden Moment kann der Angriff der Amerikaner auf den Irak beginnen. In einem Lager an der Grenze des Irak zur Türkei hat sich eine Bande von verwaisten Kindern unter der unangefochtenen Führung des dreizehnjährigen Satellit zusammengeschlossen. Er ist selbstbewusster Kommandant und Wortführer – auch gegenüber den Würdenträgern der umliegenden Dörfer. Man ist auf ihn angewiesen. Denn Satellit – daher auch sein Spitzname – organisiert alte Parabolantennen für ein rauschendes amerikanisches Fernsehbild. Mit seinen holprigen Übersetzungen der Nachrichten schürt er die Hoffnung auf den Sturz Saddams durch die Amerikaner.

Der Kinderstaat als Refugium

Ihren kargen Lebensunterhalt müssen sich die Kinder durch das Aufspüren von Minen verdienen, die sie dann weiterverkaufen. Jeden Tag setzen sie sich der Gefahr aus, verstümmelt zu werden oder ihr Leben zu verlieren. Viele haben bereits ihre Hände oder Arme verloren, doch dann haben sie keine Angst mehr. Sagt zumindest Satellit. Er hält den kleinen Kinderstaat zusammen und schafft für “seine” Kinder ein relativ intaktes Refugium.

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Agrin und ihr Sohn
Traumatisiert sind alle. Besonders schlimm hat es auch das Mädchen Agrin erwischt. Ihr blinder zweijähriger Sohn Digah ist das Produkt einer Mehrfachvergewaltigung und ihrem Bruder fehlen beide Arme. Doch der Junge hat hellseherische Fähigkeiten. Seine Prophezeiungen treffen stets zu und stellen somit die gesamte mediale Kriegsführung in Frage.

Realität in poetischen Bildern

Der Regisseur Bahman Ghobadi hat mit Schildkröten können fliegen eine Geschichte aus seinem Heimatland und seiner eigenen Kindheit erzählt. Er hat dafür eine ruhige, poetische Bildsprache gefunden, die die Schicksale durch eine auffällig unspektakuläre Dramaturgie wirken lässt. Die verschiedenen Ebenen – der politische Hintergrund, das soziale Gefüge, die emotionalen Schwierigkeiten – verwebt Ghobadi in ein dichtes Situationsbild. Politische Haltungen werden weitgehend nicht thematisiert, was den Fokus noch stärker auf die persönlichen Geschichten lenkt. Gerade in dieser Reduziertheit liegt die größte Wirkungskraft des Films.

Das Leid der Laiendarsteller

Der große Realitätsgehalt ist Qualität und zugleich Problematik des Films. Knapp 100 Minuten sieht der westlich behütete Zuschauer offensichtlich verstümmelte, behinderte und traumatisierte Kinder. Ghobadi will auf die Situation im Irak aufmerksam machen, wendet sich mit seinem Film erklärterweise an die Außenwelt. Das sehr persönliche Leid der Kinder benutzt der Regisseur, um den Zuschauer emotional aufzurütteln. Dass die Laiendarsteller dabei wiederholt Extremsituationen – vielleicht auch gegenüber ihren eigenen Erinnerungen – ausgesetzt werden, scheint keine Rolle zu spielen. So haftet der ganzen Szenerie mit ihren fehlenden Gliedmaßen und der Tristesse des kurdischen Flüchtlingslagers ein fader Beigeschmack an: Darf das Leid von Kriegsopfern und besonders Kindern inszeniert werden? Authentizität um jeden Preis?

Einen glücklichen Ausgang des Films kann es nicht geben. Agrin tötet erst ihr Kind und dann sich selbst. Und selbst das Einrücken der Amerikaner am Ende erfüllt nicht die Erwartungen von Satellit. Die ersehnten Heilsbringer fahren einfach an ihm vorbei und demontieren noch die letzten Hoffnungen.

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Schildkröten können fliegen (Iran/Irak 2004)Kinostart: 05. Mai 2005 (2. Start: 23. Juni 2005) Regie und Buch: Bahman Ghobadi Produktion: Mij Film Mit: Avaz Latif (Agrin), Soran Ebrahim (Satellit), Saddam Hossein Feysal (Pashow), Hiresh Feysal Rahman (Hengov), Abdol Rahman Karim (Digah), Ajil Zibari (Shirkooh)

Verleih: m


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