Interview mit Vera Lengsfeld, MdB (CDU)
Die Bundestagsabgeordnete Vera Lengsfeld hat sich seit ihrem Eintritt in die CDU/CSU- Fraktion im Jahr 1996 gegen die Männerdominanz in ihrer Partei behaupten müssen. Sie glaubt, dass im gesellschaftlichen Leben Frauen unter der Oberfläche immer noch diskriminiert werden. Ein Interview von Petra Sorge
/e-politik.de/: Frau Lengsfeld, trotz gegenteiliger Behauptungen scheinen Frauen in der Politik benachteiligt zu sein: Während auf Kommunal- und Landesebene – und durchaus auch im Bundestag – noch viele Frauen vertreten sind, sucht man sie in politischen Führungspositionen vergeblich. Was läuft da falsch?
Vera Lengsfeld: Da gibt es sicher eine ganze Reihe von Ursachen. Frauen haben es einfach viel schwerer in der Politik: Wenn beispielsweise ein Mann den Anspruch erhebt, Bundestagskandidat zu werden, wird nicht nachgefragt. Das finden alle natürlich. Bei einer Frau ist das noch lange nicht so. Da wird nachgefragt: Warum? Was will die eigentlich im Bundestag? Eine Frau muss ihre Entscheidung gut begründen können.
/e-politik.de/: Ihr Lebenslauf ist ja nun kein durchschnittlicher: Sie haben sich in der DDR als Bürgerrechtlerin engagiert, die Stationierung der Atomwaffen öffentlich kritisiert. Daraufhin folgten Berufsverbot, Verhaftung und Abschiebung nach England. Solche Biografien können sicher die wenigsten männlichen Kollegen vorweisen. Müssen Politikerinnen doppelt so gut sein wie Männer, um an die gleichen Positionen zu gelangen?
Lengsfeld: Ja, sie müssen mehr zu bieten haben. Ich bin ein Beispiel dafür, dass sich Frauen immer durchkämpfen müssen. In den Kampfkandidaturen hatte ich überwiegend gegen Männer anzutreten. Auch das ist eine Erfahrung, die vor allem Frauen in der Politik machen: Wenn sie sich für bestimmte Positionen bewerben, haben sie immer mehr Gegenkandidaten als ihre männlichen Kollegen.
/e-politik.de/: Führende Wissenschaftler und Geschlechterforscher behaupten, dass es prinzipiell nur zwei Sorten von Frauen gäbe: die mit Kindern und Familien und die Alleinstehenden. Für den unregelmäßigen Politikbetrieb seien aber nur die Alleinstehenden geeignet, da bei Müttern Zeit und Kraft nicht ausreichten. Sie haben drei Söhne – und einen Hund – und sind trotzdem eine erfolgreiche Politikerin. Wie haben Sie Familie und Politikkarriere unter einen Hut gekriegt?
Lengsfeld: In der Regel gilt diese These – ich selbst bin da eine absolute Ausnahme. Nachdem ich Politikerin wurde, war ich geschieden. Ich war also auch allein stehend und musste mir den Alltag selbst einteilen. Da die Diäten hoch genug waren, konnte ich eine Kinderfrau bezahlen, ohne die ich das alles sicher nicht geschafft hätte. Mit dem Hinweis auf mich habe ich deshalb auch immer die hohen Diäten verteidigt, damit Abgeordnete aus allen Schichten sich die Politikkarriere leisten können. Nur Ulrike Höffken von den Grünen war noch eine allein stehende Mutter von drei Kindern. Alle anderen im Bundestag sind Single-Frauen – es gibt auch viele verheiratete.
/e-politik.de/: Übernehmen diese Frauen quasi die Männerrolle, um Erfolg im Beruf zu haben?
Lengsfeld: Ja, das ist einfach die Realität. Männer in politischen Führungspositionen haben zudem meistens noch eine starke Frau an der Seite, die ihnen den Rücken freihält. Ich kenne Abgeordnete, die bringen Koffer mit, in denen die Kleidung in Fächern von Dienstag bis Freitag sortiert ist. Vom Hemd bis zu den Socken können sie alles entnehmen, was sie brauchen. Als allein stehende Frau ist das natürlich etwas ganz anderes, wenn man nach Hause kommt und noch den Haushalt und die Kinder hat.
/e-politik.de/: Glauben Sie, dass sich der Politikbetrieb durch den verstärkten Einfluss von Frauen in den letzten Jahren in irgendeiner Weise verändert hat?
Lengsfeld: Nein, denn es kommen zu viele Frauen rein, die eine Politik wie Männer machen.
/e-politik.de/: Haben Sie für sich selbst einen anderen Problemlösungsstil als bei Ihren männlichen Kollegen festgestellt?
Lengsfeld: Ja, aber das liegt nicht nur daran, dass ich eine Frau bin, sondern auch als Bürgerrechtlerin in die Politik gekommen bin. Ich selbst bin ja eher der Meinung, dass Politik etwas mit Problemlösung anstatt mit Parteitaktik zu tun hat.
/e-politik.de/: Glauben Sie, dass die Frauenquote ein geeignetes Mittel ist, um das Ungleichgewicht von Männern und Frauen in der Politik zu verändern?
Lengsfeld: Ich halte die Frauenquote für absolut falsch. Denn für die Nominierung von Kandidaten sollten die Qualitäten der Person und nicht das Geschlecht zählen. Ich bin gegen jegliche Quote – auch deswegen, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass Quotenfrauen den Frauen, die sich selbstständig durchgesetzt haben, nicht immer wohl gesonnen sind. Da werden Listenkandidatinnen aufgestellt mit dem Argument, hier müsse jetzt aber eine Frau her.
/e-politik.de/: Was sollte sich denn sonst im Politikbetrieb ändern, damit mehr Frauen eine faire Chance erhalten, in Führungspositionen zu gelangen?
Lengsfeld: Wir brauchen mehr Solidarität unter den Frauen. Es ist nicht selbstverständlich, dass sich Frauen in der Politik gegenseitig unterstützen. Wenn es jedoch eine Frau zu verhindern gilt, dann halten die Männer meistens zusammen. Auch die Wählerinnen und Wähler sind skeptischer geworden: Beispielsweise ist es zurzeit ein Phänomen in der CDU, dass seit der Nominierung von Angela Merkel als Kanzlerkandidatin Frauen massenhaft ihre Wahlkreise verlieren. Es herrscht eine Art Grundgefühl, dass eine Frau in einer Spitzenposition doch schon ausreiche. In Thüringen beispielsweise hatten nur Claudia Nolte und ich Gegenkandidaten. Sie konnte sich durchsetzen, ich wurde nicht wieder aufgestellt.
/e-politik.de/: Ist es Zufall, dass die SPD genau dann mit Gesine Schwan eine Frau als Kandidatin für den Bundespräsidenten vorgeschlagen hat, als in der CDU die Parteichefin Angela Merkel die stärkste Frau war?
Lengsfeld: Die gleiche Situation gab es doch schon bei der vorletzten Bundespräsidentenwahl: Da hatte die CDU, deren Chancen denkbar schlecht standen, auch eine Frau als Kandidatin vorgeschlagen. Als dieses Mal klar war, dass die Mehrheiten zugunsten der CDU standen, war sie weg vom Fenster. Ich frage mich, warum sie nicht eine zweite Chance erhielt – aber sie wurde nie auch nur erwähnt. Es wurde geflüstert, wenn es jetzt schon eine Kanzlerin gibt, kann das Land nicht auch noch eine Bundespräsidentin verkraften. Ich frage mich: Wieso eigentlich? Hat das Land nicht auch schon immer zwei Männer in diesen Positionen verkraftet?
/e-politik.de/: Margaret Thatcher, die "Iron Lady", war in Großbritannien aufgrund ihrer harten Reformpolitik wenig beliebt. Nun hat auch Frau Merkel als erste Kanzlerkandidatin Einschnitte in den Sozialstaat angekündigt. Muss jede führende Politikerin ein bisschen Eisen in sich haben?
Lengsfeld: Ja, sehr viel "Eisen" sogar, sonst werden sie von den Männern nicht ernst genommen. Bei mir war das aber anders, denn ich habe nie eine Führungsposition angestrebt – einerseits wegen der Kinder, andererseits wegen der zu erwartenden Schlammschlacht.
/e-politik.de/: Wie meinen Sie das?
Lengsfeld: Na, Sie brauchen sich doch nur anzuschauen, was die Presse mit Frau Merkel veranstaltet. Da wird über ihre Frisur hergezogen, der Schweißfleck auf ihrem Kleid erwähnt. Frauen müssen sich solche abwertenden Kommentare über ihr Äußeres gefallen lassen, bei Männern würde das kein Journalist erwähnen. Was da abgeht, ist nicht nur unverschämt, sondern schon fast menschenrechtsverletzend. Daran wird deutlich, dass das Eis der gesellschaftlichen Akzeptanz sehr dünn ist, im Untergrund ist die Frauenfeindlichkeit immer noch sehr stark.
/e-politik.de/: Haben Sie sich denn auch schon Bemerkungen über ihr Äußeres gefallen lassen müssen?
Lengsfeld: Da ich im Bundestag nur eine "Hinterbänklerin" bin und schon als Bürgerrechtlerin etwas vorzuweisen habe, werde ich von der Presse in dieser Hinsicht nicht so stark angegriffen – für meine inhaltlichen Positionen dafür umso mehr. Nur einmal wurde bei einer Podiumsdiskussion angemerkt, dass die Knöpfe an meiner Bluse zu groß gewesen seien. Wenn ich eine Führungsposition angestrebt hätte, dann hätte ich meinen Kleidungsstil schon noch viel stärker anpassen müssen.
/e-politik.de/: Glauben Sie denn, dass sich die Fixiertheit aufs Äußere mit einer Kanzlerin ändern wird?
Lengsfeld: Ich hoffe es zwar, aber das wird wahrscheinlich nicht geschehen. Diese Diskussion hätte ja auch schon aufhören können, als Frau Merkel Kanzlerkandidatin wurde.
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