Großer End-Wurf

26. Jul 2005 | von | Kategorie: Politisches Buch

Joschka Fischer überrascht in seinem Buch “Die Rückkehr der Geschichte” mit einer realistischen und differenzierten Analyse der Weltpolitik im 21. Jahrhundert. Fischers These: Die Weltprobleme machen kooperative Lösungsansätze unvermeidlich. Von Christoph Rohde

Cover_Fischer.jpgJoschka Fischers neues Buch ist eine brillante Analyse der dauerhaften und der veränderlichen Faktoren der internationalen Politik. Es ist dem (Noch?)-Außenminister zu verdanken, dass er die gegenwärtigen Weltprobleme in einen historischen Kontext stellt und aus der Sicht eines Praktikers in ihrer Komplexität schildert. Auf der anderen Seite handelt es sich hier wohl auch um den Versuch einer Besänftigung des amerikanischen Partners. In idealisierender Weise hebt Fischer Rolle und Modell der Vereinigten Staaten sowie die Bedeutung der Nation für die Ordnung der Weltpolitik hervor.

Rückgriff auf diplomatische Klassiker

Mangelnde formale Bildung kann man dem Außenminister nicht vorwerfen, wenn man seine Rückkehr der Geschichte studiert hat. Denn er analysiert globale Problemlagen und historische Entwicklungen außerordentliche profund. Überraschend ist, dass sich der einst kosmopolitisch-ideologisch argumentierende Grüne nach sieben Jahren als geläutert erweist. Anstatt seine Analyse auf windige Weltverbesserungsideen zu basieren, setzt Fischer auf die Klassiker der Diplomatiegeschichte.

Sein Kapitel "Willkommen in der Wüste des Realen” zeichnet ein nüchternes Bild der Weltpolitik, die weiter macht- und interessenbezogen geführt werde. Rückgriff nimmt Fischer auf Vertreter des Politischen Realismus wie Reinhold Niebuhr, dessen Werk "The Irony of American History” er explizit als Überschrift übernimmt, auf Hans Morgenthau, den Coburger Juden, der die erste systematische Theorie der internationalen Politik konstruierte sowie in extensiver Weise auf Henry A. Kissinger, den ehemaligen US-Außenminister. Annähernd zwanzig Mal bezieht sich Fischer auf klassische Werke Kissingers.

Dilemmata der Politik

Fischer zeichnet das Spannungsverhältnis zwischen globale Wirkungen verursachenden Weltproblemen, fischer-bbc.jpgbeginnend mit Armuts- und Abhängigkeitsverhältnissen und endend mit ökologischen Fragestellungen, in all ihrer Komplexität nach. Realistisch erkennt er, dass nationale Souveränitätsvorbehalte weiter oftmals multilaterale Lösungen blockieren. Deshalb begrüßt er die historisch einzigartige Vorherrschaft der USA im Weltsystem, die er als "objektiven Fakt” (S. 62) bezeichnet. Er erwartet von den Amerikanern in verschiedenen Politikfeldern eine führende Rolle und betont die historischen Leistungen der USA auch gerade aus der Sicht eines deutschen Politikers. Den Neidern der US-Vormacht erteilt Fischer eine Absage und weist darauf hin, dass die US-Macht nicht nur auf kruder "hard power” beruht, sondern ebenso auf der Legitimität der eigenen Herrschaft und "soft power”.

Gegen die US-Neocons

Bei allem Lob für die USA vergisst Fischer nicht, die Garde der Neokonservativen in den USA zu überführen. Er setzt sich mit Kagans "Macht und Schwäche” auseinander und verteidigt die Tatsache, dass die Europäer sich um diplomatische Lösungen bemühen, während die USA der Welt ihre sicherheitspolitisch-militärische Struktur geben. Die von Kagan vorgenommene Zweiteilung der Welt in eine hobbesianische und in eine kantianische, die unüberbrückbare transatlantische Differenzen nach sich ziehe, sei so nicht zu vertreten. Weltpolitik müsse als Weltinnenpolitik betrachtet werden, nicht mehr in alten Kategorien des Imperialismus und des Gleichgewichts der Mächte. Hier widerspricht sich Fischer jedoch, hatte er die Gültigkeit dieser "atavistischen” Prinzipien doch im einleitenden Kapitel deutlich hervor gehoben.

Die Bedeutung der europäischen Integration

Fischer wusste bei Redaktionsschluss noch nichts von der Ablehnung der europäischen Verfassung durch die Franzosen und die Niederländer, aber er ahnte es. So wartet er mit einem realistischen Europa auf, dessen Gestaltung ein offener Prozess bleibt. Seine eigene Vision eines finalen Bundesstaates Europa hat er fallen lassen. Dennoch hebt er die historische Bedeutung Europas hervor und plädiert für einen Beitritt der Türkei in die EU, wenn er dies auch an hohe Beitrittsbedingungen knüpft.

Priorität der Führung des "Westens”

Für den Außenminister darf es keine dauerhafte transatlantische Trennung geben. Denn die kulturellen und normativen Grundlagen des Westens enthalten die Ressourcen, um eine komplexe und instabile Welt per global governance zu führen. Der Westen soll deshalb Verantwortung in der Weltpolitik tragen, ohne dabei die Überlegenheit der eigenen Weltvorstellung zu proklamieren. Den Vereinten Nationen kommt dabei eine zentrale Rolle in der Lösung kollektiver Probleme zu, wenn sie auch als Instrument kollektiver Sicherheit nur bedingt geeignet ist.

Insgesamt ist Fischers Buch ein großer Wurf, der Realismus und Vision verbindet, der kritisiert und motiviert, der analysiert und auf Lösungen bedacht ist. Das Buch zeigt, dass die Strukturen der realen Politik einen Ideologen läutern und zu einem "Realisten mit Herz” machen können. Insgesamt ist eine Lektüre hochgradig zu empfehlen.


Joschka Fischer: Die Rückkehr der Geschichte. Die Welt nach dem 11. September und die Erneuerung des Westens.

Kiepenheuer & Witsch. Köln 2005., 19,90 Euro, 256 S.

ISBN 3462030353


Die Bildrechte liegen bei Kiepenheuer&Witsch (Cover) und der BBC (Fischer).

Weiterführende Links:

Europa Digital

Auswärtiges Amt

DIE ZEIT

 


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