Gesundheit als Markt?

30. Aug 2005 | von | Kategorie: Politisches Buch

Cover_Specke.jpgWie stellt sich in Deutschland das Gesundheitswesen heute dar? Wer sind die Akteure, die das deutsche Gesundheitssystem gestalten beeinflussen und weiterentwickeln? Welche Veränderungen sind notwendig und beabsichtigt. Helmut K. Specke gibt Antworten. Von Fabian Engelmann

Das deutsche Gesundheitswesen ist ein zuweilen recht undurchsichtiges Gebilde, in dem sich eine Vielzahl von Akteuren tummeln. Schlägt man in Helmut K. Speckes lexikalischer Darstellung “Der Gesundheitsmarkt in Deutschland” nach, so lernen wir: “Ein prägendes Merkmal des deutschen Gesundheitswesens ist die Selbstverwaltung. Der Gesundheitsmarkt gehört zu den größten Dienstleistungs- und Wirtschaftsbereichen”. Der Autor hat es sich zum einen zur Aufgabe gemacht, das komplexe Institutionen- und Akteursgefüge übersichtlich und überwiegend deskriptiv darzustellen. Zum anderen verweist der Begriff Gesundheitsmarkt auf die seit Jahren andauernde Debatte um einen verstärkten Wettbewerb im Gesundheitswesen.

Wertvoller Wegbegleiter für alle Interessierten

Zwei wesentliche Pluspunkte machen das Buch zu einem wertvollem Wegbegleiter für all jene, die sich mit dem Gesundheitswesen beschäftigen. Egal ob sie nun im gesundheitspolitischen oder gesundheitswissenschaftlichen Bereich tätig oder als Dienstleister im Medizinbetrieb beschäftigt sind. Das Buch erläutert die Grundbegriffe des Gesundheitswesens und der Krankenversicherung, zeigt Entwicklungen in Politik, Recht und Praxis auf und veranschaulicht den Stand der gesundheitlichen Versorgung durch Daten, Fakten und Grafiken. Damit genügt das Buch dem Anspruch einer gut geschriebenen Einführung in das deutsches Gesundheitssystem und kann mit Darstellungen, wie Michael Simons Einführung ohne Bedenken konkurrieren. Dankenswerterweise hat der Autor neben den klassischen Charakteristika (Krankenkassen, ambulante und stationäre Versorgung etc.) auch neueste Entwicklungen berücksichtigt.

Europäische Gesundheitspolitik – Prävention – Gesundheitsziele

So erfährt der Leser viel wissenswertes über die Bedeutung neuer Versorgungsformen, wie hausärztlicher und integrierter Versorgung, oder Disease-Management-Programmen. Richtig und wichtig ist auch, dass Specke die im Gesundheits- und Sozialbereich bedeutender werdende Europäische Gesundheitspolitik berücksichtigt hat. Zwar liegt die Zuständigkeit für die Gestaltung der Gesundheitssysteme innerhalb der Europäischen Union bei den Mitgliedstaaten. Für die Anbieter von Gesundheitsleistungen und zunehmend auch für die Versicherten besteht jedoch weitgehend Freizügigkeit. Ein verstärkter Wettbewerb unter den Anbietern von Gesundheitsleistungen zeichnet sich – auch auf Europäischer Ebene – zunehmend ab.

Erfreulicherweise finden wir auch ein Kapitel zum Thema Prävention. Hier hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan. Die gesellschaftliche Bedeutung von Prävention und Gesundheitsförderung haben zuletzt wichtige Akteure erkannt. So vergibt etwa die Bertelsmann-Stiftung einen jährlichen Deutschen Präventionspreis. Zudem wird die Bedeutung einer soziallagenbezogenen Gesundheitsförderung zunehmend erkannt. Ziel soziallagenbezogener Interventionen ist es, die sozial bedingte Ungleichheit von Gesundheitschancen zu verringern. Ansätze und Projekte gibt es hinreichend, wie der Autor mit Blick auf eine bundesweite Projektdatenbank deutlich macht. Das alles hilft jedoch nichts, wenn der politische Rückhalt fehlt. Ein seit langem geplantes und bereits vom Bundestag verabschiedetes Präventionsgesetz scheiterte im Frühsommer am Veto des Bundesrates.

Gleichsam positiv zu bewerten ist die Mitberücksichtung eines Kapitels zu Gesundheitszielen. Bei den überwiegend versorgungs- und fiskalpolitisch geführten Debatten, geraten normative Fragestellungen aus dem Blickfeld. Dazu gehört auch die Diskussion um Gesundheitsziele, das heißt die Frage, welche Krankheits- und gesundheitsbezogenen Vereinbarungen von Bund, Ländern und anderen wichtigen Organisationen in welchem Zeitraum eigentlich erreicht werden sollen. Gesundheitsziele sind vereinbarte Ziele, die in einem festgelegten Zeitraum zu erreichen sind. Sie können direkt auf die Verbesserung der Gesundheit in definierten Bereichen oder auf bestimmte Gruppen ausgerichtet sein, aber auch auf verbesserte Strukturen, die Einfluss auf die Gesundheit der Bevölkerung und die Krankenversorgung haben.

Die Beispiele (Europäische Gesundheitspolitik – Prävention – Gesundheitsziele) verdeutlichen den innovativen Charakter von Speckes gut recherchierter und mit aktuellen Internetadressen versehenen Darstellung. Unklar bleibt indessen, warum der Autor den Gesundheitsmarkt und nicht schlicht und einfach das Gesundheitswesen beschreibt.

Gesundheitsmarkdebatte überflüssig

In seinem Vorwort macht Specke zurecht darauf aufmerksam, dass das Gesundheitswesen kein Markt wie jeder andere ist. Auch die von einigen Marktapologeten vertretene Auffassung Patienten, Versicherte, Verbraucher – oder wie man sie auch immer nennen mag – könnten sich zu autonomen Marksubjekten entwickeln, ändert nichts an der Tatsache eines angebotinduzierten Gesundheitswesens. Specke weis das natürlich und deutet diese Entwicklung an. Aber was ist die Quintessenz? Das Gesundheitswesen ist ein Wachstumsmarkt der Zukunft! Diese Erkenntnis ist nicht zielführend und trägt zu Speckes sehr guter Gesamtdarstellung nichts aber auch gar nichts bei. Wenn dem Autor das Thema so wichtig ist, sollte er sich an anderer Stelle darüber ergießen. Für die vorliegende und ansonsten sehr empfehlenswerte Darstellung ist diese Debatte leider überflüssig.


Helmut K. Specke: Der Gesundheitsmarkt in Deutschland. Daten – Fakten – Akteure, (3. Auflage 2005), Verlag Hans Huber, 632, ISBN: 3-456-84143-4. 49,95 Euro

Die Bildrechte liegen beim Hans Huber Verlag.

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