Gefesselte Oromo

11. Sep 2005 | von | Kategorie: Vergessene Konflikte

Seit einem Jahrhundert kämpfen die Oromo in Äthiopien für ihre Unabhängigkeit. Die herrschenden Tigriner und Premier Zenawi unterdrücken seit 1993 stärker denn je diese Befreiungsbewegung. Die Welt ist dabei nur Zaungast. Teil sieben unserer Serie Vergessene Konflikte. Von Raili Münke

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Geographische Lage Äthiopiens

Flammen lodern hinter dem Wald auf, die Menschen aus dem nahegelegenen Dorf flüchten aus Angst, verbrannt zu werden. Sie hinterlassen ihr gesamtes Hab und Gut, die Kaffeeplantage, um ihr Leben zu retten. Doch wie kam es zu dem Feuer? Zündelnde Kinder? Mitnichten. Wieder einmal hat die äthiopische Armee systematisch ein Feuer gelegt, weil sie vermutet, dass sich im Wald Anhänger der Oromo Liberation Front (OLF) verstecken.

Die Oromo sind die größte ethnische Gruppierung in Äthiopien. Mit einem Anteil von 30 Millionen Menschen macht sie fast die Hälfte der Bevölkerung aus. Ihre Lebensweise ist egalitär und kuschitisch. Im Süden des Landes kämpfen die Oromo für ihre Selbstbestimmung und einen eigenen Staat. Im Norden dagegen leben die Abessinier, die zu etwas mehr als einem Zehntel aus den Stämmen der Amharen und Tigrinern (5% Bevölkerungsanteil) bestehen. Ihr Verständnis von Ordnung ist geprägt von Hierarchie und traditioneller Autorität.

Tage des Protests und der Demonstrationen

Der äthiopische Premierminister Meles Zenawi gehört zur Minderheit der Tigriner. Seine Regierung stützt sich auf eine Koalition und kann immer auf die Armee zurückgreifen. Von den anderen Völkern Äthiopiens wird sie als eine Besatzungsarmee empfunden, die Spannung im Land und Konflikte unter den Volksgruppen hervorruft. Sie werden unterdrückt, können ihre Menschenrechte nicht ausleben, freier Journalismus ist nicht möglich und oppositionelle Meinungen werden nicht zugelassen.

Die Koalition unter der Führung Zenawis erhält am 15. Mai 2005 bei Parlamentswahlen jedoch erneut die Mehrheit.

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Premier Meles Zenawi

Zenawi wird zum 3. Mal Premierminister. Die Opposition gewinnt zwar Sitze dazu, dennoch kommt es im Land zu Unruhen. Der Wahl folgen Tage des Protests und Demonstrationen. Bilanz des Oppositionskampfs: 40 Menschen sterben, als die Polizei in eine Demonstration schießt; oppositionelle Politiker werden verhaftet.

Nicht nur nach der Wahl werden Angehörige der Oromo unter dem Vorwand, die OLF zu unterstützen, Wochen oder Monate inhaftiert. Doch nie konnten die Regierungsstellen ihre Behauptungen beweisen. Auch wird keiner der Verhafteten vor Gericht gestellt.

Kämpfen von Geburt an bis zum Tod

Der Konflikt schwelt aber nicht erst seit der jüngsten Wahl. Bereits seit dem Ende des 19. Jahrhunderts sind die Oromo ein kolonialisiertes Volk. Seither haben sie ihrem Befreiungskampf oberste Priorität eingeräumt. Die europäischen Großmächte hatten Menelik II., Kaiser des abessinischen Reiches, aufgefordert, die Völker des Südens zu zivilisieren. Sie unterstützten ihn mit Feuerwaffen, Millionen Oromo wurden versklavt oder verkauft. Nach dem Tod Meneliks II. übernahm Haile Salassie die Macht und baute ein Sklaven- und Feudalsystem auf, bei dem die Oromo die niedrigste Schicht bildeten.

Von 1935 bis 1941 folgte die italienische Kolonialisierung. Mussolini schaffte das Kaisertum ab, doch versuchten die Italiener, die Unterdrückung der Oromo auszunutzen. Die autoritären Strukturen boten beste Voraussetzungen für die eigene Herrschaft. Mit Ankunft der Engländer übernahm Salassie wieder die Kontrolle über das Land. Die westlichen Länder unterstützen ihn und seine Politik gerne. Zur Zeit von Blockbildung und Ost-West-Konflikt war das Horn von Afrika so Hilfe bei der Eindämmung des Kommunismus.

Zerstörung der kulturellen Identität

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Flagge Äthiopiens

Streiks, Schülerproteste und Bauernaufstände führten zur Absetzung Salassies im Jahr 1974. Eine Militärkommission, die Dergue, riss die Macht an sich. Sie definierten sich als sozialistisch und konnten deshalb auf Unterstützung aus Moskau zählen. Eine Landwirtschaftsreform wurde eingeleitet, Massendeportationen vor allem der Oromo setzten ein. Die Zerstörung jeglicher kultureller Identität ethnischer Gruppen wurde fortgesetzt. Oromo, Tigriner und Somalier kämpfen gemeinsam für ihre Befreiung und nationale Unabhängigkeit. Das gelang erst 1991.

Doch der gemeinsame Kampf gegen den Sozialismus band die Völker nur kurzzeitig aneinander. Die Oromo Liberation Front gewann an Ansehen, während der militärische Flügel der OLF mehr Unterstützung bekam. Die spezifischen Interessen der Ethnien schoben sich wieder in den Vordergrund. Ziele wie Freiheit, Selbstbestimmung und Menschenrechte leiten den Kampf der Oromo. Seit Eritrea 1993 die Unabhängigkeit gewann, unterstützen eritreische Truppen die Oromo im Kampf um die Selbstständigkeit und gegen Unterdrückung.

Der Einfluss der staatlichen Medien auf das Wahlergebnis

Für die Wahlbeobachter der EU war die Wahl 2005 durchsichtig und lief geregelt ab. Die Äthiopier hätten Verantwortungsbewusstsein und Geduld bewiesen, so die Europäer. Trotzdem hatte das äthiopische National Electoral Board zehn Tage nach der Wahl erst die Ergebnisse von 121 der 547 Wahlbezirke veröffentlicht. Die staatlichen Medien feierten jedoch bereits am Wahlabend Meles Zenawi als ihren wiedergewählten Premierminister. Nicht-offizielle Ergebnisse berichteten von Teilsiegen der Ethiopian People´s Revolutionary Democratic Front (EPRDF), der Partei Zenawis. Pressekonferenzen der Opposition und Äußerungen der oppositionellen Politiker zum Wahlergebnis wurden von den Staatsorganen ignoriert.

So stehen staatliche Verfolgungen und psychologischen Druck durch Anhänger der regierenden Koalition für Oromos auf der Tagesordnung in Äthiopien. Mit Hab und Gut flohen Bauern in die Städte, um ihr Leben zu retten und sich dort zu verstecken. Entweder wurde ihnen zuvor von der regierenden Koalition der Besitz genommen oder verboten, die Felder zu düngen. So blieb die Ernte aus, sie konnten keinen Gewinn machen und fielen noch weiter in die Armut hinein.

Verschärfung der Lage durch Hungersnöte und Dürren

Hungersnöte und Dürren verschärfen deshalb den Konflikt. Allein in den Jahren zwischen 1997 und 2000 verloren 115 000 Familien ihr Vieh und ihre Ernte. Der Staat steckte das Geld lieber in militärische Interventionen in Eritrea und Somalia. Systematische Brände in Gebieten der Oromo vernichten die Lebensgrundlage der Menschen. Die Zerstörung von Flora und Fauna fördert zudem Bodenerosion und das Entstehen von Wüsten.

Doch der Volksstamm kämpft auch nach mehr als einem Jahrhundert Unterdrückung und Benachteiligung weiter: Seit 1992 ist der Kampf gegen die Tigriner wieder voll entbrannt. Die Interessen der Oromo kollidierten mit den wirtschaftlichen Planungen für die Region. Oppositionspolitiker und Zivilsten verschwinden seitdem regelmäßig spurlos. Sie werden verhaftet, inhaftiert und umgebracht. Öffentliche Hinrichtungen von Dichtern und Musikern der Minderheit sind seit Anfang der Neunziger Jahre ebenfalls an der Tagesordnung. Zwischen 1992 und 1995 begann in der Folge der Guerillakampf der OLF gegen die äthiopische Armee.

Trotz des Genozids an den Oromo behauptet sich Meles Zenawi als Verbündeter und Freund der USA. Die finanzielle Belastung durch den Krieg lässt die hungernde Bevölkerung ins Hintertreffen geraten; die Wirtschaft muss dringend stabilisiert werden. Finanzspritzen des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank in Billionenhöhe versickern bei der Regierung oder werden in Privatfirmen der Partei Zenawis, der Ethiopian People´s Revolutionary Democratic Front (EPRDF) investiert. Wirtschaftliche Enteignung und Vertreibung der oromischen Bauern von ihrem Land sind Teil des Vorgehens. Zenawi privatisiert so die Güter des Landes. Multinationale Konzerne siedeln sich an, Mafia-Familien geraten in den Genuss äthiopischen Bodens.


Hier geht es zum Dossier Vergessene Konflikte.

Bildrechte:

Karte: Public Domain

Meles Zenawi: Public Domain

Flagge: Auswärtiges Amt


Weiterführende Links:

Länderinfo des Auswärtigen Amtes

Website des Goethe-Instituts in Addis Adeba

Website des Heidelberger Instituts für Internationale Konfliktforschung

 


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