Ex-Kanzler auf Reisen

07. Feb 2005 | von | Kategorie: Politisches Buch

Der ehemalige Bundeskanzler und Zeit-Herausgeber Helmut Schmidt legt eine außenpolitische Weltreise vor. Ihm gelingt eine gut zu lesende Bestandsaufnahme, allerdings nicht immer eine tiefgründige Analyse. Von Nina Schönmeier

Cover_Schmidt.jpg Mit seinem neuen Werk “Die Mächte der Zukunft” hat sich der Ex-Bundeskanzler und Zeit-Herausgeber Großes vorgenommen. Auf gerade 239 Seiten möchte er dem politisch interessierten Leser nicht nur die Probleme und außenpolitischen Strategien Deutschlands und Europas erklären, nein, sein Zukunftsszenario bezieht sich auf die ganze Welt. Welche wirtschaftlichen, sozialen und strategischen Fragen werden weltpolitisch das größte Gewicht erlangen? Welche Länder werden sich in der Zukunft wie positionieren und welche strategischen Optionen werden sie wählen? All diesen Fragen geht sein Werk nach.

Damit stellt sich Schmidt von Anfang an ganz bewusst in die Tradition geostrategischer Denker wie des Harvard-Professors Samuel P. Huntington. Dessen Schlagwort vom "clash of civilizations" führt Schmidt schon auf den ersten Seiten im Munde. Und empfiehlt schon dadurch nicht unbedingt als Experte der Außenpolitik. Schmidts Werk lässt sich durchaus als kursorische Einführung in weltpolitische Problemstellungen lesen und erfreut durch eine klare und verständliche Sprache. Dennoch krankt es – genau wie Huntingtons "Kampf der Kulturen"- an den typischen Malaisen simplifizierender Welterklärungsmodelle.

Gefahren und Chancen

Zunächst stellt er die aus seiner Sicht wesentlichen globalen Bedrohungen kurz dar. Die größten Gefahren sieht er in der Bevölkerungsexplosion vor allem armer Länder, den Folgen der Globalisierung sowie in den anfälligen internationalen Finanzmärkten und dem weltweiten Waffenhandel. Den Schwerpunkt des Buches widmet Schmidt jedoch der amerikanischen Außenpolitik und ihrer Tradition. Bei dem Thema, das ihm wohl am besten vertraut ist, gelingt ihm eine tiefer gehende Analyse der Psychologie und Geschichte der unilateralen US-Strategie.

Ein vernichtendes Urteil fällt Schmidt über die Orientierung der amerikanischen Außenpolitik unter den "neoconservatives". Vor allem kritisiert er die ausgeprägte Unkenntnis fremder Länder und Kulturen im Kreis der amerikanischen Polit-Elite. Diese ist seiner Ansicht nach maßgeblich verantwortlich für eine fehlgeleitete Außenpolitik. Schmidt hält es für nicht durchführbar, Ländern wie dem Irak westliche Demokratie-Modelle aufzuzwängen. Diese seien auch in Frankreich und Deutschland nicht "von oben" gekommen, sondern oftmals durch gewalttätige Revolutionen entstanden.

Für höchst unmoralisch hält Schmidt die Tatsache, dass die USA sich über völkerrechtliche Verträge hinwegsetzen und eine Interventionspolitik nach ihrem Gusto betreiben. Rhetorisch geschickt fordert er, dass die USA nicht nur als Militärmacht, sondern auch in der Umweltpolitik und der Entwicklungshilfe eine Führungsrolle übernehmen. Bisher sei allerdings keine kohärente amerikanische Strategie für die Zukunft erkennbar. Und was wird aus dem Rest der Welt? Russland und China werden den USA auf der Weltbühne in Zukunft verstärkt Konkurrenz machen. Ernsthafte Gefahr drohe der "einzigen Supermacht" von dort aber nicht, denn beide Staaten seien mit innenpolitischen Problemen viel zu stark beschäftigt.

Und die EU?

Die Geschlossenheit der Europäischen Union bildet für Schmidt einen der wichtigsten Faktoren für ein gut funktionierendes transatlantisches Verhältnis. Er mahnt dazu, das Ziel einer gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik endlich in die Tat umzusetzen. Überraschend, aber durchaus vernünftig wirkt Schmidts Plädoyer gegen die Erweiterungsmanie der EU. Aus finanziellen Gründen müsse diese vorübergehend gebremst werden. Einen Beitritt der Türkei schließt er ganz aus.

Fazit: Helmut Schmidt legt ein durchaus interessantes, gut zu lesendes Werk vor. Allerdings leidet die Analyse manchmal zugunsten von knackigen Thesen. Vielleicht hätte es dem Werk gut getan, eine eingehende Betrachtung des transatlantischen Verhältnisses und der außenpolitischen Entwicklung Europas zu geben. Beides Themen, bei denen Schmidt offenkundig über einige Expertise verfügt. Seine Ausführungen über den Nahen Osten und die asiatischen Länder können hingegen nicht immer überzeugen und wären bei Kennern dieser Räume besser aufgehoben.

Helmut Schmidt, Die Mächte der Zukunft, Gewinner und Verlierer in der Welt von morgen,

Siedler-Verlag München, 2004 239 S., 19,90 Euro

Die Bildrechte liegen beim Siedler-Verlag.


Optionen: »Ex-Kanzler auf Reisen« bewertenArtikel drucken | Artikel per E-Mail versenden

Artikel in sozialen Netzwerken teilen:

Kommentar hinterlassen

Twitter Nutzer - Mit deinem Twitteraccount bei /e-politik.de/ anmelden: