Erwachender Riese
China gilt als die große Unbekannte in der Gleichung der zukünftigen Weltpolitik. Ökonomisch ein kommender Riese, politisch jedoch rückständig und autoritär – gelingt dem Reich der Mitte der Spagat zwischen Modernisierung und Reaktion? Von Christoph Rohde
Die Volksrepublik China verfügt über ein Bevölkerungspotenzial von 1,3 Milliarden Menschen. Seit 1993 kann das Land auf jährliche ökonomische Wachstumsraten von mindestens 8 Prozent verweisen. Im Bereich des Textilgewerbes strebt China nach der vollständigen Öffnung des Marktes durch die Welthandelsorganisation (WTO) eine Monopolstellung an. In den Küstenprovinzen siedeln sich moderne Großkonzerne an, die sich zum Ziel gesetzt haben, die Weltmärkte erobern.
Wird China zu der kommenden Weltmacht? Versucht das Reich der Mitte, die Hegemonialmacht USA im 21. Jahrhundert abzulösen, wie dies konservative amerikanischen Think Tanks vermuten? Kay Möller gibt differenzierte Antworten auf diese Fragen in seinem Lehrbuch zur Außenpolitik der Volksrepublik China 1949-2004. Anstatt einer allgemeinen Hysterie und Übertreibung bei der Bewertung der Macht der Volksrepublik in Teilen der Publizistik zu folgen, liefert er eine auf historischen, geographischen und politisch-ökonomischen Fakten basierende wertvolle Analyse der Stärken und Schwächen des Reichs der Mitte.
Chinas Selbstverständnis
Möller eröffnet sein Lehrbuch mit einem historischen Abriss. China verstand sich im Verlaufe seiner Geschichte als überlegene Zivilisation, weniger als Nation und unterhielt bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts lediglich Tributbeziehungen zu seinen Nachbarn. Dieser Sinozentrismus beinhaltete eine äußerst selbstbezogene Ideologie.Die unfreiwillige und gewaltsame Öffnung des Landes begann mit den Opiumkriegen zur Mitte des 19. Jahrhunderts und führte zu einer Aufteilung der wehrlosen, weil kaum industrialisierten Nation durch die imperialistischen Nationen des Westens und zur Zwangsakzeptierung der sogenannten "ungleichen Verträge".
Möller gelingt es zu zeigen, dass die Demütigungen, die das Reich der Mitte im 19. Jahrhundert hinnehmen musste, das Denken der chinesischen Entscheidungsträger bis in die Gegenwart prägen. Für Studierende ist es von besonderem Nutzen, dass Möller wichtige Originalquellen zu Schlüsselphasen der chinesischen Politik in die Kapitel integriert und mit einer sinnvollen Bibliographie versieht.
Die Gründung der Volksrepublik China
Den Gründungsakt der Volksrepublik unter Mao Tse Tung zeichnet Möller in allen dramatischen Dimensionen nach. Der Bürgerkrieg zwischen der Kuomintang und den Kommunisten entschieden letztere auch gegen den Willen der Vereinigten Staaten für sich. Maos Außenpolitik zeichnete sich zunächst durch eine Annäherung an die UdSSR aus. Die unterschiedlichen Interpretationen des Kommunismus sowie geostrategische Scharmützel an der gemeinsamen Grenze führten jedoch zu einer Spaltung zwischen den kommunistischen Großmächten. Durch absurde Experimente zur Erhöhung der staatlichen Produktivität und die so genannte Kulturrevolution schwächte Mao das Land in den sechziger Jahren in erheblicher Weise.
In den siebziger Jahren kam es zur Annäherung Chinas an die Vereinigten Staaten. Mit diesem Schachzug glaubte man, die Welthegemonie der UdSSR verhindern und sich Zugang zu westlichem Knowhow verschaffen zu können. Im Jahre 1979 trafen die USA politische Entscheidungen zugunsten Rotchinas und gegen Taiwan. Die Volksrepublik kam in den Genuss der UN-Mitgliedschaft, die das Vetorecht im Sicherheitsrat impliziert. Die USA boten Taiwan jedoch eine unilaterale Sicherheitsgarantie an (Taiwan Relations Act).
Chinas Pragmatismus
Mit der Niederschlagung des Studentenaufstands auf dem Platz des Himmlischen Friedens im Jahr 1989 durch die chinesische Führung kam es zu einer Verschlechterung der amerikanisch-chinesischen Beziehungen. Doch verzichteten die USA auf lang andauernde Handelssanktionen. Die sino-amerikanischen Beziehungen wurden bereits unter Bill Clinton von einem Pragmatismus geprägt, der Menschenrechtsfragen in den Hintergrund treten ließ. Zu attraktiv erschien der chinesische Markt, um diesen durch "soft questions" zu gefährden.
Möller illustriert die globale Position Chinas anhand beeindruckender Regionalstudien, in denen Chinas Beziehungen in Asien, mit Europa, den USA und den anderen Weltregionen unter strategischen Aspekten kompetent und hochaktuell analysiert werden. Dabei wird deutlich, dass China besondere Beziehungen unterhält, um die Rohstoffimportabhängigkeit zu minimieren und seine Absatzchancen zu erhöhen.
China als fast saturierte Status Quo-Macht
Zwei Faktoren sind dafür verantwortlich, dass China mit dem Status Quo der Gegenwart unzufrieden ist. Die Taiwanfrage bleibt ungelöst – die Forderung nach Integration der Insel gehört zur historischen Identität Chinas. Auf der anderen Seite ist das Land aufgrund seiner Rohstoffabhängigkeit in einer verletzlichen Lage und versucht besonders im regionalen Umfeld strategische Rohstoffallianzen einzugehen. China ist von Exportmärkten zu stark abhängig, um eine konfrontative Außenpolitik zu führen.
Laut Möller "fehlt es China… an objektiven Möglichkeiten, Washington, seine Verbündeten und Partner militärisch herauszufordern." (S. 250). Der technologische Rückstand im Bereich der Grundlagenforschung wie im Anwendungsbereich ist so eklatant, dass selbst bei einer Bündelung von Ressourcen im Rüstungssektor keine Aussicht darauf besteht, die USA ernsthaft herauszufordern. Lediglich im Bereich der Taiwanstraße versuchen die Chinesen, die Kosten für eine amerikanische Verteidigung Taiwans im Falle eines militärischen Konflikts bedeutend zu erhöhen. Sie setzen auf das Konzept der "asymmetrischen Verteidigung" gegen eine überlegene US-Armee und konzentrieren sich auf spezifische Nischenbereiche.
China wird ein zunehmend wichtiger Faktor in der Weltpolitik, kann aber mittelfristig nicht als globaler Herausforderer der USA gesehen werden. Die Spannungen innerhalb des Landes zwischen politischer Reaktion und ökonomischer Öffnung, die sozialen Kosten des Wachstums sowie die Probleme an den Außengrenzen sind Faktoren, die die Bäume Pekings nicht in den Himmel wachsen lassen. Möllers Buch ist für einen breiten Leserkreis zu empfehlen.
Kay Möller: Die Außenpolitik der Volksrepublik China 1949-2004(2005)
Wiesbaden, VS-Verlag für Sozialwissenschaft, 280 Seiten
22,90 Euro
Die Bildrechte liegen beim VS-Verlag.


