Erkenntnisse eines Umdeuters

27. Nov 2005 | von freier Autor | Kategorie: Politisches Buch

cover_scheil.gifHätte der Zweite Weltkrieg bereits 1940 sein Ende finden können? Stefan Scheil sieht Churchills England in der Schuld. Doch seine Argumentation fehlt. Von Norman Gutschow

Stefan Scheil hat mit seinem neuen Buch 1940/41. Die Eskalation des Zweiten Weltkriegs eine Diplomatiegeschichte des Zweiten Weltkriegs vorgelegt, die sich speziell mit dem Zeitraum von 1940/1941 auseinandersetzt und die Ausweitung von einem europäischen hin zu einem Weltkrieg nachzeichnet.

Der Autor hatte bereits 1999 in Logik der Mächte die Vorgeschichte des Konflikts untersucht und 2003 mit Fünf plus Zwei über die “vereinte Entfesselung” des Zweiten Weltkriegs geschrieben. Wie in seinen bisherigen Büchern vertritt Stefan Scheil, der als freiberuflicher Historiker bei Mannheim lebt, auch diesmal wieder Thesen, die in der Historiographie äußerst umstritten sind und zu vielen Kontoversen über sein bisheriges Werk geführt haben.

So konnte selbst der als konservativ geltende Hans-Adolf Jacobsen dem Buch Fünf plus Zwei nichts abgewinnen. Im August 2003 führte er in der FAZ aus, dass Scheil zeigen wolle, nicht ein einseitiges deutsches Machtstreben habe den Beginn des Zweiten Weltkrieges verursacht, sondern die wachsende “Eskalation der innereuropäischen Konflikte” zwischen den fünf wichtigsten miteinander verstrickten Nationalstaaten Europas: Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Polen und Italien. So drängt sich für Jacobsen der Verdacht auf, beim Autor handle es sich “um einen jener schwer Belehrbaren, die vor allem Hitler und seine Helfershelfer exkulpieren und etwas von der drückenden Hypothek der Deutschen nach 1945 abtragen wollen”.

Dies ist sicherlich falsch und es bleibt fraglich, ob man einen Autor einfach in die rechte Ecke stellen sollte, weil einem seine Thesen nicht passen, aber die Methodik, die Scheil anwendet, ist durchaus dazu angetan Missverständnisse zu fördern und falsche Eindrücke entstehen zu lassen. Seine weitgehend auf die “Mächte” und ihre Auseinandersetzungen in einer bestimmten Situation und in einem bestimmten Zeitraum bedachte Analyse will bewusst auf moralische Wertungen verzichten und nur nach den Interessen der einzelnen Akteure fragen.

Eigene Ziele verfehlt

Die Folge wäre eine sachliche, auf Machtpolitik und Militärstrategie konzentrierte Arbeit, die sich Werturteilen und moralischer Implikationen enthielte. Leider hält sich der Autor nicht daran. An einer Stelle kritisiert er die moderne Geschichtsschreibung dafür, eine wichtige Rolle der Moral vorauszusetzen und z.B. für einige Akteure die Handlungsmaxime “Frieden” als Wert an sich zu setzen, dabei aber anderen Akteuren Kriegspolitik zu unterstellen.

Gleichzeitig wird im gesamten Text dem Willen Hitlers zu einem Frieden mit England das Wort geredet und die Politik Churchills und Edens kritisiert, die “Europa in Brand stecken” und den Konflikt zu einem Weltkrieg eskalieren wollen. Die Inkonsequenz, einerseits für Deutschland eine reine machtpolitische und militärstrategische Sicht der Dinge zu fordern, dann aber England und die UdSSR nach den zuvor kritisierten Kriterien zu behandeln, ist die größte Schwäche seiner Argumentation.

Man kann natürlich die These aufstellen, dass es im Interesse Hitlerdeutschlands war, den Krieg mit England 1940 zu beenden. Man kann auch sagen, dass die Politik Großbritanniens auf die Ausweitung des Konflikts zielte und sich die Befürworter eines Kompromissfriedens nicht durchsetzen konnten. Aber durch die reine Beschränkung auf den Zeitraum 1940/41 wird – auf moralische Weise argumentierend – der Eindruck erweckt, die Briten betrieben Kriegspolitik, allen voran Winston Churchill, der nicht nur keinen Frieden mit dem zu “großzügigen Zugeständnissen” bereiten Deutschland will, sondern auch noch die Strategie der Eskalation verfolgte.

Scheil blendet dabei völlig aus, dass Deutschland zu diesem Zeitpunkt seinen Kredit längst verspielt hatte. Der mehrfache Bruch des Versailler Vertrages durch die Besetzung des Rheinlands, den “Anschluss” Österreichs und die “Zerschlagung” der Tschechei wurden von den Briten toleriert, doch mit dem Überfall auf Polen waren auch Appeasement-Politiker wie Neville Chamberlain nicht mehr länger bereit, Hitlers Worten Glauben zu schenken. Es mag das konkrete Angebot für den Frieden via Washington gegeben haben, aber sich zu wundern, dass die Briten den Deutschen nicht mehr trauten, ist doch etwas merkwürdig.

Anpassung statt Quellenkritik

Für viele mögliche Gänge der Geschichte mag es Quellen geben, aber die Glaubwürdigkeit der verschiedenen Äußerungen wird von Scheil oftmals nicht kritisch hinterfragt, sondern in sein Modell eingepasst. Quellenkritik, mithin die wichtigste Aufgabe des Historikers, wird leider vernachlässigt und viele Aussagen werden unkritisch und unkommentiert in die Argumentationsketten des Autors eingefügt.

Deshalb wirken auch viele Thesen – die Großmächte USA und UdSSR hätten seit 1939 massiv auf Einfluss in Europa gedrängt, 1940 hätte es Frieden geben können, aber da die beiden Großmächte nicht bereit waren, blieb dieser aus – eher bemüht und erwecken den Eindruck einer Apologie für die deutsche Politik der Jahre 1940/41.

Die Darstellung ist dabei durchaus komplex und umfangreich; es fehlen keine Treffen, Besprechungen oder Konferenzen, doch die Ein- und vor allem Unterordnung aller Fakten und Aussagen in sein “Eskalationsmodell” lassen das Buch doch eher zu einem provozierenden Leseerlebnis werden, das sicherlich die kritische Auseinandersetzung lohnt, geradezu notwendig und viel Widerspruch provozieren wird und auch verdient hat.


Scheil, Stefan: “1940/41. Die Eskalation des Zweiten Weltkriegs”Olzog Verlag, München (2005), 450 SeitenISBN 3-7892-8151-4, 34 Euro

Die Bildrechte liegen beim Olzog Verlag.


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