Erinnerung an einen Unbekannten

Die DDR ist vor 15 Jahren untergegangen. Gründe, sich an sie zu erinnern gibt es genug, nicht nur in Anbetracht der aktuellen PDS-Erfolge. Ein neuer Sammelband zeichnet ein vielschichtiges Bild. Von Wolfgang Mehlhausen
Der jüngst von Rüdiger Dammann und Ulrich Plenzdorf editierte Sammelband Ein Land genannt die DDR ist ein weiteres Buch auf den 1990 verschwundenen Staat, wie es der Titel ankündigt. Im 16. Jahr der deutschen Einheit werden in Buchhandlungen und Bibliotheken danach wohl nur "Ossis" und vor allem solche, die älter als 25 Jahre sind, greifen. Im Westen war das Interesse am zweiten deutschen Staat vor 1990 eher gering – und daran hat sich bis heute nicht viel geändert.
Von Rüdiger Dammann bis Ulrich Plenzdorf …
… gibt es Erlebnisberichte zu jener DDR, so auch von Claus Leggewie, Holde-Barbara Ulrich, Erich Loest, Daniela Dahn, Alfred Roesler-Kleint und Peter Ensikat, wobei Loest und Frau Dahn auch im Westen einigen Intellektuellen bekannt sein dürften. Die Zeitreise von 1949 bis zur Wende durch das Land zwischen Elbe und Oder erfolgt nicht chronologisch, jeder Autor berichtet, was ihm über die DDR erzählenswert erschien. Hier gibt es Spaßiges, von Spreewaldgurken und dem "Ballast der Republik" bis Nachdenkliches und auch Tragisches. Claus Legewie beschreibt, "warum Deutschland geteilt wurde" und Peter Ensikat schildert, wie er im fernen Brüssel die Wende verschlief. Wie kam er nur nach Brüssel, vor der Wende? Er erklärt dies, und auch anderes.
Wer damals, in der DDR, dabei war, hat viel zum Schmunzeln, Lachen – und zum Nachdenken. Wer nicht dabei war und Phantasie besitzt, kann sich vorstellen, wie es war, damals in jenem Land, das "DDR" genannt und viele Jahre im Westen nur mit Anführungsstrichelchen geschrieben wurde. Zu Wort kommen – mit einer Ausnahme – nur ehemalige Bürger der DDR.
Kleines Wörterbuch des Realsozialismus
Eine hübsche Idee war es, dass in die Texte ein "Wörterbuch" integriert wurde, hier finden wir mit kleinerer, roter Schrift verschiedene Begriffe, Sachverhalte und Personen erklärt. So, was ein "VEG" ist, warum "Papier immer Mangelware war" oder was man unter "Führungsakte" verstand. Diese Erklärungen sind sehr sachlich gehalten und dazu gedacht, bei Insidern das Gedächtnis aufzufrischen und Leser, die keine Kenntnis der DDR-Geschichte und Terminologie haben, sachkundig zu machen. Junge Leute sollen z.B. erfahren, was ein "Westpaket" war und vor allem, dass es einen besonderen Geruch hatte. Das kann man nicht in einem Lexikon nachschlagen, während Recherchen zur DDR-Nationalhymne oder den Pionieren im Internet heute in Sekunden erfolgreich sind.
Illustrationen von Klaus Ensikat – köstlich
Viel Freude bereiten die Schwarz-Weiß-Zeichnungen, die auf den verschiedensten Seiten "eingestreut" sind. Nicht jede "Botschaft" ist sofort und für alle zu entschlüsseln. Ein Teddybär mit Kalaschnikow? Eine verregnete Maidemonstration von 1984 – oder zwei Männerköpfe, bei denen historisch Interessierte gewiss Wilhelm Pieck sofort erkennen. Die hervorragenden Zeichnungen regen zum Andenken ebenso an wie die Texte.
Warum denn noch ein DDR-Buch?
Diese Frage ist legitim, sie könnte bereits am Anfang gestellt werden. Lassen wir sie von einem der Autoren beantworten. Peter Ensikat schreibt so ziemlich zum Schluss seines Beitrags: "Dass wir im Nachhinein nicht alles schlecht finden, was in der DDR war, liegt wohl einfach daran, dass eben auch in der Bundesrepublik noch längst nicht alles gut ist. Also warten wir die nächste Wende ab".
Zur Lektüre ausdrücklich empfohlen
Als der Verlag dieses Buch in Angriff nahm, dürfte der Termin der vorgezogenen Bundestagswahl noch nicht bekannt gewesen sein. Ähnlich dürfte es sich bei den Autoren verhalten, die ihre Beiträge verfassten, als es noch kein Aktionsbündnis von "Linke-PDS" und "WASG" gab. Wenn man den Umfragen glauben darf, und ernst zu nehmen sind sie in jedem Falle, so dürfte sich am 18. September 2005 zeigen, dass es große Unterschiede im Wahlverhalten zwischen Ost und West geben wird.
Egal, wie viel Prozente die Linke-PDS im Osten diesmal erhalten wird, an bissigen Kommentaren über die "undankbaren Ossis" wird es sicher nicht fehlen. Man kann zu Gregor Gysi stehen wie man will, doch seine Aussage, dass er 1990 nicht daran dachte, dass im Jahre 2005 die "deutsche Einheit" noch ein Thema sein könnte, darf man ihm glauben. Ein Problem der "Wiedervereinigung" ist, dass sich fast alle im Osten für den Westen interessierten, vor der Wende aus der Ferne, danach zwangsläufig. Das Interesse der meisten "Westler" am Osten hingegen war, wie eingangs erwähnt, nie groß und bis heute sind 54 Prozent der Bundesbürger-West, wie Untersuchungen ergaben, noch nie im Osten gewesen, weder vor noch nach 1990.
Aus diesem Grund soll die Kritik mit der üblichen Floskel "zur Lektüre ausdrücklich empfohlen" enden. Diese Empfehlung wird für "alle Deutschen", egal welchen Alters, Geschlechts oder Geburts- und Lebensorts ausgesprochen. Dieses kleine "Geschichtsbuch" will nicht belehren und dürfte auch bei Lesern, die sonst kaum Sachbücher lesen, gut ankommen.
Ulrich Plenzdorf – Rüdiger Dammann (Hg): "Ein Land genannt die DDR"
S. Fischer- Verlag Frankfurt/Main, 2005, 204 Seiten, illustriert mit Zeichnungen von Klaus Ensikat
ISBN: 3- 10- 009645-2
Die Bildrechte liegen beim S.Fischer-Verlag


