Ende des Wahnsinns
Pünktlich zum Kriegsende werden in einem aktuellen Buch die letzten Tage Adolf Hitlers im zerstörten Berlin nachgezeichnet. Autor Mario Frank hat bedrückende Dokumente in beeindruckender Form zusammengetragen. Von Bert Große
60 Jahre liegt der Zweite Weltkrieg jetzt zurück, die schlimmste Katastrophe der Neuzeit brachte Elend und Verderben über die ganze Welt. Angezettelt von Adolf Hitler und den deutschen Nationalsozialisten kosteten Holocaust und Krieg mehr als 50 Millionen Menschen das Leben. Nahezu ganz Europa lag in Schutt und Asche.
Der Untergang hat im letzten Jahr Millionen Besucher in die Kinos gelockt. Bruno Ganz erntete für seine Darstellung Adolf Hitlers großes Lob der Kritiker. Obwohl zum Untergang des "Dritten Reichs" enorm viel Literatur existiert, widersprechen sich Darstellungen und Deutungen vielfach. Auch dem Film konnten zahlreiche Fehler nachgewiesen werden.
Mario Frank hat in Der Tod im Führerbunker, Hitlers letzte Tage den Versuch unternommen, aus vorliegenden Quellen eine aktuelle Rekonstruktion der Ereignisse zu destillieren und mit Fehlern in der Geschichtsschreibung aufzuräumen.
Im April 1945 steht das "Dritte Reich" unmittelbar vor dem Zusammenbruch. Alliierte Kampfverbände rücken unaufhaltsam auf das zerstörte Berlin vor. Die Niederlage ist schon seit Monaten nicht mehr aufzuhalten, wird aber – aufgestachelt durch Goebbels Propaganda – neben den verbliebenen regulären Truppen von Volkssturm und Hitlerjugend hinausgezögert. Hitler hat sich mit seinen Gefolgsleuten längst in den Führerbunker unter der Reichskanzlei zurückgezogen. Hin und her gerissen zwischen Todesahnung und aufflackernder Hoffnung auf Entsatz weigert sich die Spitze des Dritten Reichs, dem sinnlosen Schlachten ein Ende zu bereiten.
Frank hat die Erzählform der Chronologie gewählt, um die letzten elf Tage in Adolf Hitlers Leben zu schildern. Der "Gröfaz" (Größter Führer aller Zeiten) ist zum körperlichen wie seelischen Wrack mutiert. Parkinson, schwere Verdauungsprobleme und Depressionen quälen ihn. Das Leben im Bunker tut sein übriges; in den letzten Kriegswochen liegt Berlin unter permanentem Beschuss, schon kurze Aufenthalte im Garten der zerbombten Reichskanzlei sind lebensgefährlich.
Hinzu kommt das Wissen um den bevorstehenden Tod. Entgegen landläufiger Meinungen soll Hitler nach Franks Auffassung schon früh entschlossen gewesen sein, den Bunker nicht mehr lebend zu verlassen, auch wenn seine militärischen Ratgeber ihn mehrfach geradezu bekniet haben, die Hauptstadt nach Flensburg-Mürwick oder gen Obersalzberg zu verlassen.
Berlin im Klammergriff
Franks Schilderungen der letzten Kriegstage sind beklemmend. Berlin ist zum Trümmerhaufen geschossen. Zehntausende Zivilisten sterben im Dauerfeuer, zu Tode erschöpfte Soldaten werden gegen einen übermächtigen Gegner verheizt, während fanatische Nazis in den Kellern der Hauptstadt auf der Jagd nach Deserteuren sind. Und über allem schwebt die Angst vor "dem Russen".
Im Bunker setzt sich das Muster der letzten Jahre fort. Rückratlose Militärs jubeln ihrem "Führer" zu, wenn er in optimistischen Momenten vom Zusammenschluss mit den Amerikanern fabuliert, um dem "Bolschewismus gemeinsam den Todesstoß zu versetzen". NSDAP-Funktionäre schicken skrupellos 14-jährige Hitlerjungen an die Front und die Goebbelsche Propaganda-Maschine läuft auf vollen Touren. Unter den Bunkerinsassen fällt die Disziplin fast stündlich, Ausschweifungen und Trinkgelage wechseln sich ab mit Katzenjammer und Fahnenflucht – ein Tanz auf dem Vulkan.
Der Abgang
Das Ende der Geschichte ist bekannt und oft genug erzählt. Der Einflussbereich des "Tausendjährigen Reichs" reicht am Ende kaum noch über den Garten der Reichskanzlei hinaus, die erhofften Truppen kommen nicht durch, den deutschen Kräften mangelt es an allem. Hitler ehelicht seine langjährige heimliche Verlobte Eva Braun, um sich wenige Stunden später mit ihr gemeinsam das Leben zu nehmen. Das Ehepaar Goebbels vergiftet sogar die eigenen Kinder und wählt anschließend, wie Dutzende Bunkerinsassen, den Freitod. Wenig später kapituliert das "Dritte Reich" bedingungslos.
Mario Frank ist ein gleichermaßen beeindruckendes und bedrückendes Buch gelungen. Ob er wirklich neue Erkenntnisse und Details über Hitlers letzte Tage freigelegt hat, ist jenseits der einschlägigen Fachkreise sicher gar nicht so entscheidend, auch wenn historisch fehlerhafte Darstellungen aus dem Untergang korrigiert werden. Vielmehr hat er gezeigt, dass die politischen und militärischen Vertreter eines zutiefst menschenverachtenden Systems am Ende nicht einmal davor zurück schreckten, das eigene Volk gewissenlos zu opfern.
Frank, Mario: "Der Tod im Führerbunker. Hitlers letzte Tage"
Siedler-Verlag, München, 2005, 352 Seiten
22,- Euro, ISBN 3-88680-815
Die Bildrechte liegen beim Siedler Verlag.
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