Eine deutsche Familiengeschichte

13. Jan 2005 | von | Kategorie: Politisches Buch

Thomas Ramge erzählt in seinem Buch "Die Flicks" die Geschichte einer der interessantesten und umstrittensten Familien der Deutschen Geschichte. Der Fokus des Buches liegt auf dem Leben von Friedrich Flick, dem Konzerngründer und Patriarchen der Familie. Das Interessanteste ist allerdings die Schilderung der Verschränkung von Politik und Wirtschaft in verschiedenen Abschnitten der jüngeren deutschen Geschichte. Von Hagen Pietzcker Cover_ramge_klein.jpg

Thomas Ramge legt mit seinem Buch das erste umfassende Werk über das Leben der Familie und ihrer Mitglieder vor. Bei der Lektüre wundert man sich, dass dies nicht schon viel eher geschehen ist, ist dieser Stoff doch aus verschiedenen Gründen sehr interessant: Zum einen ist es die faszinierende Vergangenheit eines Konzerns, der zweimal – einmal Anfang des 20. Jahrhunderts, einmal nach Ende des Zweiten Weltkrieges – praktisch aus dem Nichts erschaffen wurde. Zum anderen ist es ein beeindruckendes Lehrstück über die engen, ja oft zu engen Verknüpfungen von Wirtschaft und Politik.

In Ramges chronologisch aufgebautem Buch liegt der Fokus auf Friedrich Flick, dem Gründer und Übervater des Konzerns. Doch wirkt der eindrucksvolle Gründer in dieser Darstellung merkwürdig eindimensional. Immer wieder wird die einzigartige Persönlichkeit des "FF" genannt, doch füllt sich der Begriff bei Ramge nicht wirklich: FF bleibt der schablonenhafte Superkapitalist. Die Frage, wie ein Mensch praktisch aus dem Nichts zu einem der reichsten Deutschen (nach dem Kaiser) in Kaiserreich, Weimarer Republik, Drittem Reich und der Bundesrepublik werden konnte, wird durch das Buch nur wenig erhellt. Die Geschäftsideen und -praktiken werden hier seltsam oberflächlich abgehandelt. Dies mag daran liegen, dass eine genauere Beleuchtung der Hintergründe zu sehr in den Bereich der Volks- und Betriebswirtschaft abdriften würde. Ein Kompromiss, den der Autor wohl machen musste, um das Buch lesbar zu gestalten. Nichtsdestotrotz liegen hier, in den Beschreibungen der Geschäftsaktivitäten, die eigentlichen Längen des Buches.

Flick und die Nazis – ein nicht abgeschlossenes Kapitel

Was die politisch wie auch historisch interessierte Leserschaft sicher sehr erstaunen – um nicht zu sagen schockieren – wird, sind die Formen der Einflussnahme, die vor allem FF, aber auch andere Familienmitglieder auf die politische Klasse in Deutschland ausübten. Und dies nicht erst in der Bundesrepublik. Es erscheint geradezu erstaunlich, wie FF sich unabhängig von den aktuellen politischen Verhältnissen immer einen direkten Draht zu politischen Entscheidungsträgern erhalten hat. So wird deutlich, dass FF sicher kein Nazi war, aber auch keinerlei Scheu hatte, mit ihnen Geschäfte zu machen und sich die Zeichen der Zeit zunutze zu machen. Sein Einfluss auf die Politik der Nationalsozialisten war ziemlich groß, insbesondere in der Schaffung der "Arisierungsgesetze". Doch sein Antrieb war der geschäftliche Erfolg, nicht ideologische Fragen. Wobei allerdings die Frage, ob FF nun Antisemit war, nicht geklärt wird.

Der Abschnitt über Friedrich Flicks Aktivitäten im Dritten Reich ist ein sehr interessanter Denkanstoss darüber, wie das Dritte Reich über die eigenen ideologischen Hintergründe hinaus von anderen Interessen geprägt wurde. Dieser Bereich ist in der öffentlichen Diskussion bisher über den Austausch von Schlagworten kaum hinausgekommen. Das Buch bietet hier einen wichtigen Diskussions-, wenn nicht gar Forschungsansatz, der zum Verständnis der Epoche mit ihren spezifischen Ausprägungen sicherlich weiter verfolgt werden sollte.

"Die gekaufte Republik"

Doch nicht nur unter den Nazis war der Einfluss FFs und seines Nachfolgers Friedrich-Karl Flick – FKF genannt – ungeheuerlich. Ein Kapitelname, "Die gekaufte Republik", passt als Thema für das gesamte Buch. Nicht erst in den 70er Jahren, als der so genannte "Flick-Skandal" die Bundesrepublik erschütterte, war der Einfluss der Flicks auf politische Entscheidungen der höchsten Ebene immens, die Überschneidung von Spitzenkonzern- und Spitzenpolitikpersonal wie auch deren Austauschbarkeit ein Schandmal der so oft beschworenen demokratischen Reife der Bundesrepublik. Bei geschäftlichen Problemen wurde kurz der Bundeskanzler angerufen. Im Gegenzug gab es reichlich Spenden. Übrigens nicht nur an Politiker des bürgerlichen Lagers: Auch Willy Brandt stand auf der Liste der Flicks. Selbst als nicht blauäugiger politischer Beobachter ist die Schilderung dieser Praktiken erschütternd – und hier ging es nicht nur um Verträge mit RWE, VW oder der Dresdner Bank!

Selbst unter der Voraussetzung, dass die Verhältnisse in der Bundesrepublik insgesamt andere geworden sind, dass heute Politiker, die auf Gehaltslisten von Großkonzernen stehen, um ihre politische Karriere fürchten müssen, bringt dies den Leser doch zu anderen Gedanken. Bei Lektüre des Buches drängt sich immer wieder der Name Halliburton auf und mit ihm die alte Frage, welche wirtschaftlichen Interessen hinter der Politik der amerikanischen Regierung im Irak u.ä. stehen. Wenn ein Mann wie FF die Enteignung der deutschen Juden aus ökonomischen Interessen durchsetzen konnte, kann dann ein anderer Konzern nicht aus ähnlichen Beweggründen auch einen Krieg vom Zaun brechen?

Die Schatten bis heute

Grundsätzlich ist das Buch von Thomas Ramge eine empfehlenswerte Lektüre, auch wenn es immer wieder zu Längen neigt – insbesondere an den Stellen, an denen die Geschäftspraktiken der Familie etwas lustlos dargestellt werden. Doch die Story, die er erzählt, hat es in sich. Es ist nicht die im Klappentext behauptete Geschichte der Republik, die hier neu geschrieben wird. Aber es trägt zur Erhellung bei, welche Mechanismen neben dem Willen des Souveräns, also der Wählerschaft, zur Gestaltung der Republik und der Lebensverhältnisse hier beigetragen haben – und wie viel davon meistens im Dunkeln bleibt.

Als kleines aktuelles Schmankerl sei noch bemerkt, dass die Frage der Herkunft des Vermögens von Friedrich-Christian Flick, genannt "Mick" bzw. FCF ebenfalls besprochen wird und durchaus mal von den Kritikern gelesen werden sollte, die sich immer noch hinstellen, mit dem Finger auf ihn (bzw. seine Sammlung) zeigen und ihn des "Blutgeldes", angeblich von Sklavenarbeitern im Dritten Reich erwirtschaftet, beschuldigen. Ramge geht dezidiert auf den Einsatz von Sklavenarbeitern im Konzern ein. Er zeichnet aber auch die Geschichte des Vermögens von FCF nach und kann so einigermaßen belegen, dass dieser Vorwurf gegen FCF nicht wirklich greift.

FF hatte nach dem Krieg fast sein ganzes Vermögen verloren und nach einer Haftstrafe wegen Beschäftigung von Sklavenarbeitern wieder aufgebaut. FCF hat später mit seinem ihm ausgezahlten Anteil am späten Konzern selber vernünftig gewirtschaftet, sich sein eigenes Vermögen geschaffen und z. T. in Kunst investiert. Der Autor kommt entsprechend auch nicht um ein paar Spitzen an die – zumeist zu oberflächlich, unwissend und borniert argumentierenden – Kritiker der Flick Collection in Berlin aus.

Im Zusammenhang mit der Familiengeschichte und der Person FCFs ist dies nur zu gut nachvollziehbar und berechtigt. Man wünscht sich, dass all die ungefragten Einwände Hervorbringenden zumindest ein wenig von der Vergangenheit der einzelnen Familienmitglieder und ihren jeweiligen Verstrickungen wüssten, bevor sie fordern, FCF zu enteignen. Das Buch von Ramge wäre ein sehr empfehlenswerter Anfang für diesen Denkprozess.

Ramge, Thomas: Die Flicks, eine deutsche Familiengeschichte über Geld, Macht und Politik 2004, Campus-Verlag, 288 S. ISBN 3-593-37404-8, 24.90 Euro


Die Bildrechte liegen beim Campus-Verlag.


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