Ehrlich ätzend

04. Mai 2005 | von | Kategorie: Medien

Hersher4.jpgEr ätzt gegen die Bush-Administration und trommelt für eine aggressivere Presse: Seymour Hersh. Für sein Lebenswerk hat der US-Journalist vergangene Woche den Leipziger Medienpreis erhalten. Von Dominik Schottner

Kaum zu glauben, dass der ältere Herr im roten Sessel Menschen erpresst haben soll, um an Informationen zu gelangen. Kaum zu glauben, dass derselbe Mann ein Beinahe-Terrorist in journalistischem Gewand sein soll, wie Richard Perle, Ex-Berater von US-Präsident Bush, einst behauptete. Und erst recht nicht glauben will man den Kritikern, die regelmäßig das Bild des launischen, schwer zu handhabenden Seymour M. Hersh, entstauben, als selbiger unbeholfen über den Rand seiner Brille schielt, um das Etikett einer Weinflasche zu entziffern: "Ist das portugiesischer Wein?" Es ist deutscher. Die offenkundige Seelenruhe des Journalisten des legendären Magazins The New Yorker lässt aufgestaute Legenden über ihn flugs aus dem Raum entweichen wie heiße Luft. Einzig die Sorge, die Suite im dritten Stock des Leipziger Marriott Hotels könnte jeden Moment von Hershs Schnarchen erfüllt werden, hält sich noch eine Weile in der Luft – bis Hersh schließlich wie ein Wasserfall zu plappern anfängt.

Hersher3.jpgDoch was hat Hersh nur in Leipzig verloren? Er nimmt einen Preis entgegen – mal wieder. Den Leipziger "Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien", der dieses Jahr zum fünften Mal von der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig vergeben wurde, erhält "Sy" Hersh für sein Lebenswerk – das nach 68 Lebensjahren aber keineswegs vollendet ist, wie er gerne betont. Neben Hersh wurden am 28. April 2005 drei weitere Journalisten für ihre Verdienste um die Freiheit der Presse geehrt: Hans-Martin Tillack (Stern), Anna Politkowskaja (Nowaja Gazeta/Russland) und Britta Petersen (Initiative Freie Presse/Afghanistan). Ihnen fiel – trotz der tapferen Versuche der Organisatoren, alle gleich zu behandeln – lediglich die Aufgabe zu, den Rahmen für Hersh zu bilden. Denn der US-Amerikaner, der zuletzt mit seiner Recherche über das Suchen und Finden von Angriffszielen in Iran die Bush-Administration bedrängte, war eindeutig der Star der Veranstaltung. Da half auch die Tarnung als amerikanischer Tourist mit weißen, ausgelatschten Turnschuhen, Kakihose und dünnem Baumwollpullover nichts, die erst zum abendlichen Festakt einem schlecht sitzenden schwarzen Anzug mit angepasster Krawatte wich.

"Anthrax ist eine schlechte Waffe!"

Im Handgepäck führte Hersh natürlich seine politische Botschaft mit, aus der er noch nie einen Hehl gemacht hat: Die Bush-Administration ist besessen, zwar nicht vom Teufel, dafür aber von dem Gedanken an die Demokratisierung der Arabischen Welt, die – wenn nötig – auch mit Waffengewalt vonstatten gehen dürfe. Diese Idee steckten die Betonköpfe der Bush-Administration in das hässliche Kleid des Global War On Terrorism (GWOT), ein Krieg, der, so Hersh, "keinerlei demokratische Basis" habe. Mehr noch: "Dieser Krieg (speziell im Irak) ist sinnlos. Von früheren Recherchen weiß ich sicher, dass Saddam gar keine Massenvernichtungswaffen mehr hatte (als die USA angriffen). Vielleicht spielte er ein bisschen mit Anthrax, aber das ist eine schlechte Waffe." Über das Sendungsbewusstsein der Neokonservativen um Bush, das wie im Fall Powell damals die Widerstände aus den eigenen Reihen knackte, kann Hersh denn auch nur eines sagen, das aber ziemlich oft: "It"s amazing, absolutely amazing!"

Hersher2.jpgHershs Kritik, die seine Gegner gerne als überzogen darstellen, müssen neben den Bushisten auch Journalistenkollegen, wie Maggie Gallagher oder Armstrong Williams, ertragen. Die Washington Post hatte Anfang des Jahres berichtet, dass sich die beiden Journalisten ihr Konto von der Bush Administration in den Jahren 2002 bis 2004 mit Beträgen zwischen 20.000 und 241.000 Dollar hatten füllen lassen. Ihre Gegenleistung: äußerst regierungsfreundliche Presse. Ihre Erklärung: Wir verstehen, dass wir wohl etwas falsch gemacht haben, aber eigentlich war"s doch nicht so schlimm. Und wieder ätzt Hersh: "Um ehrlich zu sein: Ich bemitleide Menschen, die so etwas machen. Diese Leute sind Randerscheinungen. Wen kümmern die schon?"

Harte Zeiten für amerikanische Journalisten

Was ist da los? Wenn von der Regierung gekaufte Artikel oder gar, wie Mitte April erst geschehen, produzierte TV-Beiträge publiziert werden als wären sie normale, redaktionelle Inhalte und nicht einmal Seymour Hersh springt erregt auf, dann muss die Frage erlaubt sein, wie es um die Freiheit der Presse im "Land of the Free" bestellt ist? Hersh: "Es ist hart zurzeit in Amerika. Die Bush-Administration beobachtet sehr genau, wer was schreibt. Bist du freundlich, bekommst du schnell ein Interview mit Condolezza Rice oder dem Vizepräsidenten." Und die Anderen? "Ich warte oft vergebens auf Rückrufe aus der Regierung", erklärt Hersh. Doch selbst wenn Journalisten vollen Zugang zur Macht haben, wie im Falle von Hershs Rivale Bob Woodward, der für sein Buch Plan of Attack sogar Kabinettssitzungen beiwohnen durfte, ist immer noch nicht gesichert, dass die Kontrolle durch die Presse auch den Hebel ansetzen kann. "Beim Lesen von Woodwards Aufzeichnungen hat mich etwas gestört. Erst ein Jahr nach der Veröffentlichung wusste ich, was es war: Kein einziges Mal taucht in den Protokollen der Sitzungen die Frage auf: `Was ist das eigentlich, ein Koran?`" Und das, sagt Hersh, sei doch wirklich mal wieder "amazing, absolutely amazing!"


Fotos: Robert Büssow


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