Diener, Führer und Vollstrecker

18. Jan 2005 | von | Kategorie: Politisches Buch

Wie konnte Stalin seine vernichtende Politik im eigenen Land umsetzen? Eine neue Studie des britischen Historikers Donald Rayfield versucht dieses Geheimnis zu lüften. Im Mittelpunkt stehen Stalins Helfer und Handlanger. Von Fabian Engelmann Cover_Rayfield.jpg

Über Jossif Dschugaschwili alias Josef Stalin ist viel geschrieben worden. Über jene Männer aber, die es ihm ermöglichten seine Macht zu halten und auszubauen ist bislang relativ wenig bekannt. Donald Rayfield, Professor für russische und georgische Geschichte am Queen Mary College der Universität London, versucht das Geheimnis Stalins Politik – umgesetzt durch "seine Henker" – zu entschlüsseln. Die Untersuchung ihrer Motive und Taten, so die These des Autors, werfe ein bezeichnendes Licht auf Stalins Tyrannei.

Der Anspruch, das "System Stalin" zu durchdringen und Erklärungsansätze für dessen grausame Effektivität zu finden, ist hoch. Im Verlauf der Lektüre wird jedoch deutlich, dass Rayfield seinem Anspruch nicht gerecht werden kann, ja scheitert. Neben Stalin werden fünf seiner Handlanger portraitiert, die Sicherheitsapparat und Geheimpolizei leiteten: Felix Dserschinski, Wjatscheslaw Menshinski, Genrich Jagoda, Nikolai Jeshow und Lawrenti Berija. Verknüpft werden die biographischen Studien mit der russischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Rayfield will zeigen, wie sich Stalin eine monolithische Machtstruktur schaffen konnte, die er vollständig kontrollierte.

Von Henkern zu Gehängten

Am Beginn steht die Tscheka (Außerordentliche Kommission), geleitet von dem Polen Felix Dserschinski, dessen Name in der DDR – das berüchtigte Wachregiment trug seinen Namen – traurige Berühmtheit erlangen sollte. Dserschinski, ein enthaltsam und diszipliniert lebender Mann, gelang es seit 1917, die Tscheka vom Wachschutz zu einer Institution auszubauen, die gegen jegliche konterrevolutionäre Aktivitäten vorging. Die Tscheka entwickelte sich in den kommenden Jahren von einem Instrument, dass nicht nur der Unterdrückung der Konterrevolution, sondern auch volkwirtschaftlichen Belangen diente.

Abgelöst wurde Dserschinski durch den Intellektuellen Wjatscheslaw Menshinski, der eine Wandlung vom dekadenten Schriftsteller zum sadistischen Chef des Sicherheitsapparates durchlief. Ihm folgte Genrich Jagoda, der sich selbst als Stalins "angeketteten Wachhund" bezeichnete und weder Dserschinskis Fanatismus noch Menshinskis Intelligenz besaß. Nach Jagodas Verhaftung und Hinrichtung, ein Schicksal, welches alle seine Nachfolger mit ihm teilten, rückte der Schlächter Nikolai Jeshow nach. Er organisierte Stalins "Großen Terror" in den Jahren 1937/38. Er war es letztendlich auch, der rund 750.000 Hinrichtungen in dieser Zeit mit zu verantworten hatte. Abgelöst wurde Jeshow schließlich durch Lawrenti Berija, der bis kurz nach Stalins Tod agierte.

Gleichschaltung, Vernichtung, Legitimität

Stalins Politik zeichnete sich vor allem dadurch aus, so Rayfield, dass er alle Politiker, die im Verdacht standen unabhängig zu agieren, vernichtete. An der Spitze stand stets Stalin, danach sein Politbüro, Geheimpolizei, Sicherheitsapparat und Parteibürokratie. Sein Land schaltete er – insbesondere in den 1930er Jahren – völlig gleich. Kollektivierung und "Großer Terror" bedeuteten nicht nur die Vernichtung von Millionen von Menschenleben, sondern auch die Veränderung der Bevölkerungsstruktur. Eine soziale Basis für Aufstände oder Opposition war nicht mehr gegeben.

Kultur und Wissenschaft mussten sich dem Diktat Stalins unterwerfen, so dass auch hier kein freies und unabhängiges Schaffen mehr möglich war. Rayfield schildert diesen Gleichschaltungs- und Vernichtungsprozess eindrucksvoll. Dennoch gelingt es ihm nicht, das "System Stalin" zu durchdringen. Mal widmet sich der Autor den Bauern und der Kollektivierung, mal den Intellektuellen. Alles wird mit allem vermengt, klare Argumentations- und Begründungszusammenhänge sind nicht nachvollziehbar. Rayfield spricht von Psychopathen und Schlächtern, die jeden ausrotteten, der sich Stalins Politik widersetzte.

Vielleicht war es so? Kann ein politisches System unter diesen Umständen so lange überleben? Wie ist es möglich, den zweiten Weltkrieg als Siegermacht zu beenden? Wie kann ein solcher Staat eine glaubhafte Außenpolitik betreiben? Warum wird Stalin als gleichberechtigter Verhandlungspartner akzeptiert? Das ist nur in einem System möglich, dass zumindest über einen gewissen Grad an innerer und äußerer Legitimität verfügt. Ob sich diese Legitimität, die Stalin ohne Zweifel besaß, allein über pathologische Persönlichkeitsstrukturen, Gewalt und systematischen Terror erklären lässt, muss bezweifelt werden.

Holocaust und Endlösung – Das Rätsel Stalin bleibt

Leider kann es der Autor auch nicht unterlassen, seine Analyse mit den Begriffen Holocaust und Endlösung zu unterlegen. Sicher, ein Vergleich mit dem NS-Staat ist möglich und auch sinnvoll, aber bitte nicht so! Stichwort Hitler: Wenn Rayfield Hitlers Helfer mit denen Stalins vergleicht, sollte er sie wenigstens korrekt benennen. So schreibt er über Erich und nicht Ernst Röhm! Alles in allem ist der Autor seinem eigenen Anspruch nicht gerecht geworden. Er liefert uns einige interessante Biographien der "Henker" Stalins, die aber nie wirklich gut in den Gesamtzusammenhang integriert werden. Unzählige Namen und Informationen finden sich im Text, die man sich hätte sparen können. Über ein detailreiches Fragment reicht der Text nicht hinaus. Die Dynamik Stalinscher Politik und die Funktion seiner Helfer bleibt ein Rätsel, an dessen Lösung auch zukünftige Historiker(generationen) arbeiten werden.

Rayfield, Donald, Stalin und seine Henker, Karl Blessing Verlag 2004, 624 Seiten, 24 Abbildungen, ISBN  3-89667-181-2, 25,- Euro.Das Copyright des Bildes liegt beim Karl Blessing Verlag.


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