Die Ruhige Hand

03. Aug 2005 | von Florian Baumann | Kategorie: Wahlen und Demokratie

Gedenken an Rot-Grün

Während die kommende Bundestagswahl näherrückt, kehrt auch der Gedanke an Abschied ein. Abschied von Rot-Grün. In der Serie “Was gestern morgen ist” greift /e-politik.de/ jeden Mittwoch bis zur Wahl das auf, was Deutschland am meisten vermissen wird, wenn morgen gestern ist.

(1) Die Ruhige Hand
von Florian Baumann

Entspannt liegt sie auf der massiven Tischplatte. Das Abendlicht scheint durchs Fenster und das Tagwerk ist vollbracht. Die Dämmerung lässt sie zarter erscheinen, als sie wirklich ist. Man sieht ihr die Tragweite ihres Tuns gerade zu an, wenn sie andere wichtige Hände schüttelt, oder Staatsverträge unterzeichnet. Aber eigentlich ist sie eine Arbeiterhand, die zupacken kann. Auch, wenn sie das schon lange nicht mehr getan hat. Manchmal – für die Kameras der Presse – da zeigt sie noch etwas von ihrer alten Stärke. Beim Hochwasser vor der Wahl war so eine Gelegenheit, oder immer dann, wenn es gilt einen Abweichler mit sanftem Druck wieder auf Kurs zu bringen.

Anfangs war das alles noch anders, da war sie noch nicht die “Ruhige Hand”. Voller Tatendrang hatte sie einst am Gitter des Bonner Kanzleramtes gerüttelt und ihren Besitzer laut schreien lassen: “Ich will hier rein”. Ebenso energisch signierte sie 1998 das Regierungsprogramm. Das Land sollte anders werden. Besser. Ein Projekt war das: Die Steinewerfer und Fäusteballer von einst hatten es in die Hand genommen, dieses Land zu regieren. Viele Steine galt es aus dem Weg zu räumen und es wurden täglich mehr. Im Laufe der Jahre war sie dabei müde geworden. Viele Hände hatte sie geschüttelt, viele Zigarren und noch mehr Gläser schweren Rotweins zum Mund geführt. Die Partei musste geleitet, der Koalitionspartner immer wieder gebremst werden. Die Energie von einst hat sie dabei verloren. Ab und zu, da spürt man noch etwas vom jugendlichen Elan der früheren Jahre. Gedankenversunken zeigt sie dann gen Osten, wo die Landschaften noch immer nicht blühen. Oder gen Westen, wo sie schon wieder welk zu werden scheinen. Zupacken möchte sie dann, anschieben, etwas bewegen. Aber meistens ist es nur ein kurzes Aufbäumen, das sich schnell wieder der gewohnten Lethargie ergibt.

Vor kurzem hat die Ruhige Hand doch noch einmal etwas bewegt. Zittrig setzte sie ihre Unterschrift auf ein Papier und besiegelte damit womöglich ihr eigenes Ende. Das Volk solle entscheiden, ob sie statt der schwach gewordenen Arbeiterhand lieber von einer anderen geführt werden wollten. Hände, die dieses Amt übernehmen wollen gibt es viele. Manche davon wirken aber schon jetzt ängstlich und schwach. Andere bedrohlich, hektisch. Vielleicht werden wir uns schon bald zurücksehnen, zum Stillstand der Ruhigen Hand. Denn Stillstand bedeutet auch, das es nicht weiter abwärts gehen kann.


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