Der Marathon-Mann

31. Aug 2005 | von Florian Baumann | Kategorie: Wahlen und Demokratie

Gedenken an Rot-Grün

Schenkt man den aktuellen Umfrageergebnissen zur Bundestagswahl glauben, kehrt der Gedanke an Abschied ein. In unserer Serie zur Bundestagswahl greift /e-politik.de/ jeden Mittwoch das auf, was Deutschland am meisten vermissen könnte, wenn morgen gestern ist.

(5) Der Marathon-Mann Von Florian Baumann

Er läuft und läuft und läuft – der Dicke von den Grünen. So richtig dick ist er ja gar nicht mehr. Nur noch ein bisschen. Das mit dem Übergewicht war früher einmal. Dann kam der lange Lauf zu sich selbst. Einsam lief er, bei Wind und Wetter und vor allem bei jeder Gelegenheit. Laufend konnte er zu sich selbst finden und musste zugleich nie wirklich ankommen. Laufend stellte er sich seinen Gegnern. Er zog von Schlacht zu Schlacht und kam nie irgendwo an. Doch auf einmal hatte er keine Zeit mehr zum Laufen. Staatsbesuche hier, Parteitage dort. Am schwersten fiel ihm wohl, dass er plötzlich für etwas sein musste. Es reichte nicht mehr dagegen zu sein.Dabei war Verteidigung noch nie seine Stärke, ihm liegt vielmehr der Angriff. Auch seine Rennerei betrieb er als Kampfsport. Doch als er Außenminister wurde, musste er stillstehen, verhandeln, Kompromisse eingehen. Der Straßenkämpfer von einst war zum friedlichen Miteinander verdonnert worden. Selbst im Wahlkampf 2002 zeigte er sich geschwächt. Beleibter, als die Jahre zuvor, müde und zahm erschien er dem Beobachter. Doch später – beim Visa-Untersuchungsausschuss zum Beispiel – demonstrierte er kurz noch einmal die alte Kraft. Er wirkte nie schwach, eher resigniert. Wie ein Tiger, der sich mit der Enge seines Käfigs abgefunden hatte. Gerade, als er mit einem lauten Paukenschlag die Kehrtwende seiner außenpolitischen   Großstrategie besiegeln wollte, machte ihm der ungeliebte Freund Schröder einen Strich durch die Rechung. Statt der Rekonstruktion des Westens gibt es Neuwahlen. Wie ein waidwundes Reh ging der Außenminister erstmal in Deckung. Mutlos und gehetzt streifte er durch die Republik. Doch plötzlich erwachte in ihm der alte Kampfgeist. Vor den Neuwahlen liegt schließlich der Wahlkampf. Sein Die-Partei-bin-ich stand dieses Mal nicht zur Debatte. So konnte der Vorzeige-Grüne direkt in den Ring steigen, um sich all den Edes, Angies und Guidos zu widmen. Je aggressiver der politische Gegner dabei wurde, desto mehr blüht der Außenminister auf. Ein strahlender Held, am rot-grünen Himmel. Während sich andere um den bundesdeutschen Froschbestand sorgen, oder um die Rente, geht es für ihn nur um die wirklich wichtigen Dinge: den Umbau der Zivilgesellschaft, die Rolle der Bundesrepublik als Global Player in einem geeinten Europa und andere Großthemen. Wie ein echter Krieger fühlt er sich nur in der Schlacht so richtig wohl, denn im Frieden können auch die Feigen überleben.


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