Der letzte deutsche Krieg
Bücher zum Zweiten Weltkrieg, dem wohl grausamsten Krieg der Menschheitsgeschichte, gibt es in Hülle und Fülle, doch das Werk von Rolf-Dieter Müller “Der letzte deutsche Krieg” ist es wert zu lesen und anzuschaffen. Von Wolfgang Mehlhausen
Der Autor hat mit seiner Veröffentlichung zum Thema 2. Weltkrieg gute Arbeit geleistet, denn es ist nicht einfach, die Ereignisse von 1939 bis 1945 in einem handlichen Buch zusammenzustellen und zu bewerten, zumal zur historisch sachgemäßen Bearbeitung des Themas auch die Vorgeschichte dieses Krieges und kurz auch die Auswirkungen abgehandelt werden müssen.
Müller geht hier nicht strikt chronologisch, sondern logisch vor und behandelt in 11 Kapiteln das, was man über den Krieg und vor allem seine politische und militärische Entwicklung wissen sollte. Wer befürchtet, hier wieder nur eine Aufzählung der Fakten vom fingierten Überfall auf den Sender Gleiwitz, den Einmarsch in Polen, Stalingrad bis zur Schlacht um Berlin und Stürmung des Reichstags zu lesen, kann beruhigt werden. Der Autor, obwohl Militärhistoriker, langweilt den Leser nicht mit Schlachten, Zahlen, Divisionsstärken, wenngleich die Ausführungen natürlich immer mit solchen Sachangaben untersetzt sind.
Der Zweite Weltkrieg – ein politischer Krieg?
Kriege sind bekanntlich immer politisch: Fortsetzung der Politik mit anderen, sprich: auch mörderischen Mitteln. Doch schon im 1. Kapitel werden Fragen an die Geschichte gestellt. Hier gibt Müller Denkanstöße, die mit klugen und überzeugenden Argumenten versehen sind, so die Frage: Wer war der härteste Gegner Hitlers: Churchill, wie er meint, oder Stalin, der eine perfide Politik betrieb. Ungeachtet der materiellen Überlegenheit der USA und der personellen Stärke der Roten Armee wird Englands Beitrag, vor allem die konsequente Politik von Churchill herausgestellt. Dabei werden auch Fragen an die Geschichte gestellt in der Form: “Was wäre gewesen… wenn”, diese werden von konservativen Historikern an sich abgelehnt und als “Spekulation” abgetan. Sie zu durchdenken jedoch hilft, Zusammenhänge zu verstehen.
Bekannte Fakten, interessante Zahlen und Neues
In verschiedenen Kapiteln werden eigentlich bekannte Fakten neu beleuchtet und mit Zahlen und Daten belegt, in einer einprägsamen Art, die eben auch im Gedächtnis noch Vorhandenes aufhellen und manchmal ganz neu beleuchten. Der Autor bedient sich einer bildhaften und verständlichen Sprache. Wie ein Blick in das Quellen- und Literaturverzeichnis zeigt, hat der Verfasser auch ganz neue Arbeiten berücksichtigt, denn längst ist nicht alles erforscht, was zum tieferen Verständnis des Themas beitragen kann, erinnert sei an den Molotow-Besuch 1941 in Berlin.
Alte Klischees überwinden – Nachdenken gefragt
Eine große Zahl von Büchern zum Thema Zweiter Weltkrieg wurde in der DDR verlegt, historisch interessierte Laien und Intellektuelle, die aus dem Osten kommen, sind in gewisser Weise vorbelastet. Der Verfasser dieser Zeilen bezieht das ausdrücklich auch auf sich. Allein durch die Tatsache, daß der Hitler-Stalin-Pakt bis 1990 von marxistischen Historikern schlicht geleugnet wurde, disqualifiziert diese und ihre Publikationen. In der sowjetischen Propaganda und in der DDR-Geschichtsdarstellung beispielsweise wurde die Rolle der Schlacht von Stalingrad stets als “Wende des Krieges” dargestellt, dies wurde mit für von Laien kaum zu prüfenden Fakten und Zahlen belegt. Dieses grausame Blutbad für beide Seiten wird vom Autor, ebenso wie andere Schlachten sachlich besprochen, so dass man nach der Lektüre eine andere Sichtweise auf viele Kriegsereignisse hat.
Globaler Krieg, Kriegsgesellschaft, Widerstand und mehr…
In ziemlich gedrängter Form versucht Professor Müller in einigen Kapiteln, die unterschiedlichsten Aspekte der Kriegsgeschichte zu behandeln, was sehr mutig ist, denn hier gibt es manchmal “dürre” Kapitel, so z.B. bei der Besatzungspolitik. Es ist dem Autor gelungen, verschiedensten Dinge mit präzisen Fakten anzusprechen und Denkanstöße zur Lektüre weiterführender Bücher zu geben. Nüchtern untersucht er auch den Widerstand gegen das NS-Regime und den Krieg. In der DDR-Literatur wurde der Widerstand des bürgerlichen Lagers kaum erwähnt oder disqualifiziert, während die Rolle der Kommunisten überbewertet wurde. Im Westen wiederum war es praktisch umgekehrt, doch Müller spricht das aus, was viele bis heute nicht wahrhaben wollen: Im bürgerlichen Lager des Widerstands überwogen keinesfalls die Kräfte, die eine wirkliche Demokratie nach Hitlers Beseitigung aufbauen wollten.
Ein kleiner Fehler hat sich allerdings eingeschlichen, denn wir erfahren, dass Hitler das Attentat in der Wolfsschanze vom 20. Juli 1944 “schwer verletzt” überlebte. Das entspricht leider nicht der Wahrheit. Er war nur leicht verletzt und konnte, wie allgemein bekannt ist, bald sogar Mussolini empfangen.
Wissenswertes über das Kriegsende und die Potsdamer Konferenz
Dem Leser wird deutlich, dass die Eröffnung der 2. Front im Sommer 1944 von großer Bedeutung für den Kriegsverlauf war und dass die Schlachten im Westen genau so bedeutungsvoll für die Alliierten waren wie die Stalingrader Schlacht. Müller führt aus, dass die Alliierten sogar ein Misslingen der Landung in der Normandie nicht ausgeschlossen hatten. Auch hier stellt sich die Frage, “was wäre gewesen, wenn”. Das Kriegsende im Pazifik gehört zwar eigentlich nicht mehr zum Thema des “deutschen Krieges”, doch der 2. Weltkrieg wurde nicht am 7. Mai, sondern erst nach der Kapitulation Japans beendet. Dass die Folgen des Krieges und die Potsdamer Konferenz nur kurz behandelt werden können, ist nachvollziehbar.
Vielleicht hätte der Autor einige der klugen Gedanken in den Kapiteln weiter ausbauen sollen, ein “dickeres Buch” wäre dabei herausgekommen. Oder er hätte einige der Aspekte weglassen sollen, denn manches kam schlichtweg zu kurz. Alles in allem ist dieses Buch ein hervorragendes Sachbuch, das sich gut liest und, was wohl der wichtigste Unterschied zu vielen anderen Werken dieses Themas ist, immer wieder zum eigenen Nachdenken anregt.
Rolf-Dieter Müller: “Der letzte deutsche Krieg 1939 – 1945″1. Auflage, Klett -Cotta, Stuttgart, 2005, 415 SeitenISBN: 3-608-94133-9, 24,50 Euro
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