Der Kriegsfrieden
Im Distrikt Ituri im Ost-Kongo ist nichts wie es scheint, alle Grenzen verschwimmen – zwischen Staaten, zwischen Freund und Feind, zwischen Krieg und Frieden. Das Gebiet hat immense Reichtümer, doch die Menschen besitzen oft nicht mehr, als sie am Leib tragen. Auch die Medien unterscheiden oft nicht zwischen Wahrheit und blutigem Aufhetzen. Dritter Teil unserer Serie Vergessene Konflikte. Von Nadine Lindner
Der Himmel über Ituri ist klar und wolkenlos, die Temperaturen liegen bei knapp 30 Grad. Die Sonne scheint über zerklüftete Berghänge, in den Tälern drängt sich dichter Busch. Vogelgesang erfüllt die Luft. Die perfekte Idylle täuscht, denn: Sie ist tödlich. Plötzlich rattert in der Ferne ein Maschinengewehr. Die Vögel verstummen. In Ituri herrscht Kriegsfrieden.
Domino in Afrika
![]() |
Rebell im Kongo |
"Neue Barbarei"
Seit mehr als zehn Jahren also befindet sich dieses Gebiet im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo in einem Schwebezustand zwischen politischer Instabilität, Bürgerkrieg und der Eskalation in einem Sieben-Nationenkrieg. Der Bezirk Ituri liegt in der Provinz Orientale im äußersten Nordosten der DR Kongo.
![]() |
Geographische Lage der DR Kongo |
Nicht quantifzierbar sind dagegen die Qualen für die Zivilgesellschaft. Angst, Folter und Vertreibung bestimmen ihren Alltag, die Zustände in den Flücht-lingscamps sind elend. Frauen und Mädchen leiden besonders: Vergewalti-gungen werden als Waffe gegen die Schwächsten eingesetzt. Die Menschen hier haben kaum eine Chance sich zu schützen, denn die Front ist ständig in Bewegung. Die Schauplätze der Gewalt wechseln fast täglich, ebenso die Allianzen. In Ituri flammte die Gewalt im Jahr 2003 auf. Im März 2003 zog die ugandische Armee aus Ituri ab, ein Sicherheitsvakuum entstand. Vor den Augen der überforderten Peacekeeper wurden Hunderte Menschen ermordet und etwa 80 Prozent der Einwohner der Bezirkshauptstadt Bunia vertrieben.
"Follow the money"
![]() |
Familie in Bunia |
Auf lokaler Ebene waren es lang schwelende ethnische Ressentiments zwischen den Volksgruppen Hema und Lendu, ein Konflikt noch aus der Kolonialzeit über Landrechte, der jetzt mit Waffengewalt gelöst werden sollte. Ethnische Auseinandersetzungen wie diese sind oft keine Form der "neuen Barbarei". Lokale Machthaber heizen sie oft gezielt an, um in den Wirren des Kampfes ihre Interessen durchzusetzen. Um auf den lokalen Markt und damit auf die Schürfrechte zugreifen zu können, müssen sich externe Akteure in Ituri für eine Seite entscheiden.
Auf regionaler Ebene spielen die Interessen der Nachbarstaaten Ruanda und Uganda die entscheidende Rolle. Sie werden als "Katalysatoren" des Konfliktes bezeichnet. Absurd: Die Auseinandersetzung findet zwar auf kongolesischem Territorium statt, als Akteur spielt der Staat Kongo aber kaum eine Rolle. Obwohl Ruanda und Uganda offiziell keine Truppen mehr im Kongo haben, sind sie präsent. Durch Geschäftsmänner und ehemalige Soldaten, die sich hier niedergelassen haben. Durch die Bezirksverwaltung in Ituri, die zwar auf dem Papier die DR Kongo repräsentiert, aber durch Uganda ausgesucht wurde und somit ugandische Interessen wahrt.
Gold, Dreh- und Angelpunkt der Gewalt
Der illegale Export von Rohstoffen, in Falle von Ituri vor allem Gold, ist Dreh- und Angelpunkt aller Gewalt. Ruanda konnte zu einem der größten Goldexporteure Afrikas aufsteigen – ohne selbst eine einzige Mine zu besitzen. 90 Prozent aller Rohstoffe verlassen den Kongo illegal. Firmen aus der Schweiz, Belgien oder Südafrika kaufen diese Ware auf und speisen sie regulär in den Markt ein. Rund um diesen Schmuggel hat sich eine riesige lokale Ökonomie entwickelt. In dieser "economy of war" verdienen alle: Transportunternehmer fliegen mit Maschinen aus der Sowjetzeit Gold oder Waffen, Grenzbeamte ignorieren die Zustände oder stellen falsche Papiere aus, private Sicherheitsdienste und Milizen bieten Arbeit für viele junge, perspektivlose Männer. Eine Waffe besitzt hier jeder.
"Violent Peace"
Der einzige Unterschied zum Krieg besteht darin, dass die Gewalt heute nicht mehr von staatlichen Armeen ausgeht, sondern von privaten Milizen. Doch nicht nur die Gewalt wurde privatisiert.
![]() |
Machtlos: Präsident Kabila |
Zwischen Wahrheit und Hass – die fragwürdige Rolle der Medien
Wahrheit oder Lüge, objektiv oder subjektiv, diese Grenzen scheinen für die Medien in Ituri zu verschwimmen, glaubt man den Worten von M"Baya Tshimanga. Er ist Vorsitzender der Journaliste en Danger (JED), einer Vereinigung von unabhängigen Journalisten, die für das freie Wort im Kongo kämpfen. Auf der Nachrichtenseite allafrica.com äußert er sich kritisch über die Rolle der Medien. Der Konflikt im östlichen Kongo sei in den kongolesischen Medien sehr präsent. Allerdings sei die Berichterstattung unausgewogen und parteiisch. Die Tageszeitungen seien oft ein klarer Repräsentant einer Allianz oder eines lokalen Warlords, deren Interessen sie offensiv vertreten.
![]() |
Kämpfer im Kongo |
Friedlicher Frieden?
2003 wurde unter internationaler Beteiligung ein umfassendes Friedensabkommen geschlossen.
![]() |
Helfer der UN im Kongo |
Hier geht es zum Dossier Vergessene Konflikte.
Bilder: Backstage BBC







