Der Abschalter
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| Gedenken an Rot-Grün |
Während die kommende Bundestagswahl näherrückt, kehrt auch der Gedanke an Abschied ein. Abschied von dem, was wir kennen. In der Serie “Was morgen gestern ist” greift /e-politik.de/ jeden Mittwoch das auf, was Deutschland am meisten vermissen wird, wenn morgen gestern ist.
(2) Der Abschalter
Von Roman Maruhn
Es ist kalt an diesem Morgen. Nervös, schon fast hysterisch drehen sich die Windräder im noch dunklen Westen. Im Osten, in der aufgehenden Sonne, ein anderes Bild: Gemütlich und beruhigend steht er da: Der große Kühlturm, an dessen Fuß sich schwarz-weißes Fleckvieh Wärme suchend schmiegt. Mächtig und friedlich drückt er seinen weißen Dampf in den frischen Morgenhimmel: Ewiger Kreislauf der Kernelemente. Saubere Kraft, ästhetische Reinheit, die Stabilität einer vergangenen Zeit beschwörend wird hier Energie für die fernen Kraftzentren des Herzens Europas gezaubert. Da landet der Bundesgrenzschutz-Hubschrauber am Sicherheitszaun des Kernkraftwerks. Sie hatten ihn geschmückt, den Kühlturm der fortschrittlichsten Art von Kraftwerk, Menschen mit Wärme, Schulen mit Licht, Krankenhäuser mit dem überlebensnotwendigen Strom zu versorgen. In riesigen rot-grünen Lettern steht da geschrieben: “Mission accomplished!” Missmutig steht eine Gruppe von Greenpeace-Aktivisten in Sonntagsanzügen um ein Pult mit einem großen roten Druckknopf. Das waren noch andere Zeiten, als man seine am Gardasee erworbenen Kletterkenntnisse in diesen schönen Werbeaktionen an dem alten Kühlturm ausprobieren konnte. Oder man kettete sich an irgendeinen Zaun. Es war ja doch immer ein Kamerateam da, das die Botschaft vom mutigen Widerstand gegen die Kernspaltung und einen diktatorischen Atomstaat in die Welt trug. Verstohlen huscht aus dem Staatshelikopter der einstige Aktivist, heute mit der Wirkung eines Hobbydramatikers: Der Abschalter. In ihren schwarzen Uniformen spielt die Kapelle einer Bergmannschaft aus dem Ruhrgebiet auf, stolz die Insignien des Bergbaus zur Schau stellend. Der Umweltminister fröstelt im Schatten der großen Anlage. Dann spricht er: “Großer Tag für Deutschland.” “Energiewende.” “Ausstieg aus der gefährlichsten Technologie, die der Mensch jemals erfunden hat.” “Vom Netz nehmen!” “Windkraft! Sonnenenergie! Wasserstoff!” Unvermittelt drückt er den roten Knopf. Das Surren der mächtigen Überlandleitungen verstummt. Tief im Reaktor wird es kühler, immer kühler. Fluchtartig verlässt der Abschalter die Szenerie. Die Bergmannskapelle schickt ein “Ich hatte einen Kameraden” hinterher. Die Rotorblätter des Regierungshubschraubers drehen sich schneller als die Windräder im Westen. Die Maschine hebt ab zurück in die Hauptstadt. Der Kühlturm dampft weiter. Er hatte das Land versorgt, als der übermächtige Gegner im Osten lauerte. Er wurde geehrt und geliebt, als die arabischen Scheichs die Heimat ausbluten lassen wollten. Er sprang ein für die Dreckschleudern des neuen Ostens. Er verstand sich gut mit seinen französischen Freundinnen. Und irgendwie hatten auch die Leute von Greenpeace ihren Reiz: Selten war ihm jemand so nah gekommen. Brauchte man ihn jetzt nicht mehr? Sollte es das wirklich gewesen sein?
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