Bin ich Europa?
Europäische Identität – Was ist sie? Gibt es sie? Wollen wir sie? Und: Was soll das überhaupt sein? Viele Fragen, wenig Antworten. Aber Diskussion – zum Beispiel bei der Studentenorganisation AIESEC in Leipzig. Von Stefan Niklas
Die Rede von der “europäischen Identität” ist nicht erst gestern losgetreten worden. Jetzt ist die Europäische Union aber in der “Krise” und muss da wieder raus. In der Krise ist sie, weil wir, die Europäer, keine Identität haben, und raus kommt sie aus der Krise, indem wir uns eine suchen. Suchen heißt hier aber reden und deswegen wird viel über die “europäische Identität” geredet. Erstaunlich ist nur, dass irgendwie niemand so richtig zu wissen scheint, was das eigentlich sein soll, so eine Identität, die nur Europa zukommt.
So bekommt dieses seltsame Ding “Identität” auch von Fall zu Fall verschiedene Vornamen: wirtschaftliche Identität, politische Identität, gar kulturelle Identität und was man sonst noch alles so reinstecken kann, je nach dem, was man gerade so braucht. Begriffs-Soße mit wechselnden Gewürzen.
Ein weites Feld
Weil es sich hier aber doch wohl um eine ganz wichtige Sache handeln müsse und man derzeit doch so gerne “Europas Identitätskrise” postuliert, könne es zu diesem Thema nicht genug öffentliche Debatten geben. Als einen Versuch dazu organisierte die Leipziger Orts-Vertretung der Studentenorganisation AIESEC eine Podiumsdiskussion unter dem klangvollen Namen: “One Identity – Auf der Suche nach der europäischen Identität”. Eingeladen wurde in die altehrwürdige Universitätsbibliothek “Albertina”, um dort mit Experten einige Fragen zu diskutieren, die sich die AIESECer wie folgt vorgestellt hatten: “Europäische Identität – Was ist sie? Gibt es sie? Wollen wir sie?” Wer die Fragen so weit und auch so naiv stellt, kann allerdings zunächst nur eine Antwort kriegen: Keine Ahnung!
Denn unter einem derart weit gefassten Label kann ja über sehr Verschiedenes diskutiert werden: Was soll “Identität” eigentlich heißen? Bedeutet eine “europäische Identität” eine Konkurrenz zu anderen Identiäten? Muss man diese Identität irgendwo suchen, wie der Titel der Veranstaltung suggeriert, oder muss man sie vielmehr selbst konstruieren? Kaum nötig zu erwähnen, dass dieses weites Feld in zwei Stunden nicht ansatzweise abgesteckt werden konnte. Und so diskutierten der Kulturwissenschaftler Michael Hölscher, der Wirtschaftswissenschaftler Tobias Legutke, der FDP-Europaabgeordnete Holger Krahmer und das europainteressierte Publikum zusammen mit dem Moderator Wolfgang Brinkschulte (Mitteldeutscher Rundfunk) dann auch lieber über die EU und ihre trägen Institutionen, die doch irgendwie so weit weg sind und nur komisches Zeug produzieren, und darüber, ob man sich mit so etwas überhaupt identifizieren könne. Klar schien den Beteiligten jedoch, dass man sich identifizieren sollte. Es bestand hier überhaupt kein Zweifel, dass es auch ganz, ganz wichtig sei, den Menschen “Europa näher zu bringen”, damit sie sich endlich damit identifizieren könnten.
Identifikation statt Identität
Alles in allem war das nun wirklich kein großer Wurf. So richtig wollte sich keiner auf diese ominöse “Suche nach der europäischen Identität” begeben. Und doch ist hier etwas passiert, das zu einer gewissen Befriedigung zumindest der anwesenden um Europa Besorgten führte. Der Begriff der Identität ist so gallertartig, dass er einem immer wieder wegflutscht, wenn man versucht darüber etwas Sinnvolles zu sagen. Und so lässt sich auch über europäische Identität und was man damit vielleicht meinen könnte nur schwer und oft auch nur mit großem Unbehagen reden. Und so hatte sich ein anderer Begriff in die Diskussion geradezu eingeschlichen: Identifikation.
Aha! Identifikation also. Wo aber ist jetzt der Unterschied und worin soll der Vorteil dieses Begriffes liegen? Nun, mit Identität kann wie gesagt jeder etwas anderes meinen. Identifikation heißt zumindest, dass sich da jemand mit etwas identifiziert, in diesem Fall identifiziert sich eben der (europäische) Bürger mit Europa. Auf diese Weise kann man dann auch die Diskussionen, ob es eine Identität Europas gibt, erstmal ausklammern. Außerdem muss sich so auch keiner damit herumschlagen, was sie denn jetzt im Unterschied zur amerikanischen, chinesischen und sonstigen Identitäten ausmacht, was meist eh auf eine Aufzählung billiger Klischees hinausläuft. Der Vorteil ist also, dass man so genauer sagen kann, worüber man eigentlich reden will. Und mit dem Begriff der Identifikation kann man eben über das Verhältnis der so genannten EU-Bürger zur EU sprechen. Und genau dies schien auch das eigentliche Anliegen der Diskussionsteilnehmer an diesem Freitagabend zu sein, zumindest das Anliegen der Experten hinter dem Podium.
Wozu eigentlich Identifikation?
Diese und ähnliche Diskussionen zeigen letztlich also zweierlei: zum einen einmal mehr, dass es einen Bedarf an Selbstinterpretationen Europas beziehungsweise der Europäischen Union gibt. Zum anderen, dass es sich nicht lohnt, immer gleich “Identität” zu rufen, wenn es um abstrakte Zusammenhänge wie die Europäische Union geht. Immerhin ist der Bergriff aus der Individualpsychologie importiert worden.
Wenn man mal die Frage beiseite lässt, ob die Europäische Union und Europa eigentlich das gleiche sind und ob man sich nun mit dem einen oder dem anderen oder einfach mit beidem identifizieren sollte, blieb doch noch die Frage: Warum sollte ich mich eigentlich mit Europa bzw. der EU identifizieren? Dass Identifikation mit Europa irgendwie etwas Gutes sei, wird aber nicht nur bei kleinen Diskussionsrunden in Leipzig stillschweigend vorausgesetzt. Nur warum sollte das eigentlich etwas Gutes sein? Warum nur solle ich mich jetzt eigentlich mit Europa (oder der EU) identifizieren? Um der Idee willen? Um der Stabilität willen? Schade, dass dies so wenig diskutiert wird und kaum Gründe dafür angeboten werden.
Aber vielleicht kommen sie ja auch bald schon, die Plakate: “DU BIST EUROPA”!
Die Bildrechte liegen bei www.europa.int.eu
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