Angie im Osten
Es war kein leichter Termin für die CDU-Kanzlerkandidatin Angela Merkel. Der Wahlkampfauftakt in den neuen Bundesländern wurde überschattet von den umstrittenen Äußerungen über Ostdeutsche von CSU-Chef Edmund Stoiber. Dennoch gab sich die CDU optimistisch: Vor knapp 500 Jahren sei schon einmal ein entscheidender Wechsel in Wittenberg eingeläutet worden. Von Marc Krüger
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| Angie-Fans in CDU-Orange |
Auf dem Weg von der Autobahn ins Stadtzentrum der Lutherstadt Wittenberg konnte sich die Kanzlerkandidatin selbst ins Gesicht schauen. An jedem zweiten Laternenmast an der B187 ist Angela Merkel lächelnd zu sehen. Sie trägt auf den Plakaten CDU-orange. Auf einem der großen Wahlplakate hat ihr jemand einen Schnurrbart gemalt. Es ist Wahlkampf und es ist keine leichte Zeit für die CDU. Trotz Spitzenwerten der Union bröckelt, je nach Umfrage , die gemeinsame Mehrheit mit dem Wunschkoalitionspartner FDP. Die als anti-ostdeutsch gewerteten Aussagen aus Süddeutschland, wo CSU-Chef Edmund Stoiber und auch Baden-Württembergs CDU-Ministerpräsident Günther Oettinger mit ihrer eigenen Wahlkampfstrategie auf Stimmenfang gehen, bestimmen die Überschriften in den Zeitungen.
Wahlkampf im Zentrum des Hartz IV-Protests
Jedes Wort wird deshalb beim Wahlkampfstart im Osten zählen. Besonders in Sachsen-Anhalt , wo vor einem Jahr die geschichtsträchtigen Montagsdemonstrationen reanimiert wurden im Kampf gegen Hartz IV. Die von Vielen ungeliebten Arbeitsmarktreformen werden auch der Union angelastet. Angela Merkel weiß das, als sie gegen 16.20 Uhr aus ihrer Limousine steigt. Sie trägt einen ockerfarbenen Hosenanzug, eine mit viel Haarspray befestigte Frisur und ein strahlendes Lächeln. "Nur die dümmsten Kälber wählen ihren Stoiber selber", ruft ein Passant ihr entgegen. Sie lächelt. Bei der Pressekonferenz im Wittenberger Lutherhaus zeigt sich die Kanzlerkandidatin gut gelaunt. Sie lobt den anwesenden CDU-Ministerpräsidenten Wolfgang Böhmer und seine Politik, die das Land Sachsen-Anhalt nach vorne gebracht habe. Sie umreißt die Ziele der Union im Bund, gibt sich siegesgewiss und beantwortet einige Fragen der Journalisten. Neues erzählt sie nicht. Ob sie dankbar sei, dass Edmund Stoiber ihr durch seine Äußerungen über Ostdeutsche die Chance gegeben hat, zu beweisen, dass sie mehr von gesamtdeutscher Politik verstehe als er, fragt ein Pressevertreter ironisch. Sie wolle die Kanzlerin aller Deutschen sein, lautet die zusammengefasst Antwort. Die Frage indes bleibt unbeantwortet. "Begrüßen sie das angekündigte Duell zwischen Edmund Stoiber und Oskar Lafontaine?", will ein anderer Journalist wissen. "Alles, was dem Austausch von Argumenten in diesem Wahlkampf dient und wo wir unsere Ziele deutlich machen können, findet meine Zustimmung", lautet die Antwort. Im übrigen habe sie "mit Edmund Stoiber noch nicht im Einzelnen darüber gesprochen." Es wird das einzige Mal an diesem Tag sein, dass sie den Namen Stoiber nennt.
"Walk-In" mit Volkskontakt
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| Kanzlerkandidatinnen-Knäuel |
Angie gegen Gerd
Kurz vor dem Wittenberger Marktplatz wird Angela Merkel von ihrem eigenen "teAM Zukunft" empfangen. Die jungen Menschen in den orangefarbenen T-Shirts mit den orangefarbenen "Angie"-Plakaten erklären gerne jedem, der es wissen möchte, dass die letzten beiden Buchstaben im Wort "teAM" extra groß geschrieben sind, weil das für Angela Merkel steht. Aber eigentlich nennen sie sie "Angie". Angie gegen Gerd, das klingt jugendlicher. Auf der Bühne heizt der Moderator den mehr als 2.000 Menschen ein und fordert sie auf, der "Kanzlerkandidatin der Union und künftigen Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland" den Applaus zu geben, den sie verdiene. Einige klatschen. Zu Technoklängen aus den Lautsprecherboxen wird Angela Merkel von ihren Bodyguards, ihrem "teAM Zukunft" und einigen Journalisten zur Bühne eskortiert. Nach der offiziellen Begrüßung durch Ministerpräsident Böhmer tritt die Kanzlerkandidatin um 17.18 Uhr ans Mikrofon. Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit des "teAM Zukunft". An den entscheidenden Stellen der Rede halten die Mitarbeiter ihre "Angie"-Plakate in die Höhe und nicken betont zustimmend. Sofort reißen auch einige mit Plakaten ausgestattete Zuhörer die Pappen mit "Angie" oder "Wechsel wählen" hoch. Andere klatschen.
"Ossi-Angela, du bist nur für Reiche da!"
Doch auch die Gegner sind da. Sie drücken mit immenser Energie und Durchhaltevermögen während der etwa 50-minütigen Rede mit Trillerpfeifen, Plakaten und Schlachtrufen wie "Lüge" oder schlicht "Buh!" ihren Unmut aus. Angela Merkel geht gleich zu Beginn darauf ein und fühlt sich zum Scherzen herausgefordert: "Der Unterschied zu vor 15 Jahren ist, dass sie heute freiwillig auf diesem Platz sind und die ganze Zeit brüllen dürfen. Heute kann jeder seine Meinung äußern, ohne dass er gleich hinter Gitter kommt." Jetzt brüllen vor Freude vor allem die Unions-Anhänger. Später, als es um die Bildungspolitik geht, verteilt Merkel eine weitere Spitze: "Die, die da brüllen, haben meist nichts mitgekriegt in der Schule." Wieder Applaus und lautes Lachen. Zwischendurch kommt es zu leichten Rangeleien und Tumulten zwischen den Trillerpfeifenträgern und den zustimmenden Zuhörern.
Wahlprogramm light – "Deutschlands Chancen nutzen"
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| Merkels “teAM Zukunft” |
Erst die Nationalhymne, dann die Rolling Stones
Dann ist alles vorbei. Ein paar Minuten nach 18 Uhr ertönt die Nationalhymne aus den Lautsprecherboxen. Nacheinander erscheinen die Gesichter von Ministerpräsident Wolfgang Böhmer, den CDU-Bundestagsabgeordneten aus der Region, der Kanzlerkandidatin und – im Hintergrund – einiger Mitglieder des "teAM Zukunft" auf der großen Videoleinwand. Alle sind textsicher, singen "Einigkeit und Recht und Freiheit". Während Angela Merkel die Bühne nach den letzten Tönen verlässt, folgt auf die Nationalhymne "Angie" von den Rolling Stones. Das "teAM Zukunft" singt weiter kräftig mit, verteilt Buttons, Visitenkarten und Schlüsselbänder. Die Kanzlerkandidatin freilich muss weiter. Wahlkämpfen. Es sind von diesem Montag an noch 34 Tage bis zur Bundestagswahl. Angela Merkels Terminkalender ist voll: Am Abend redet sie im sächsischen Chemnitz, während Bundeskanzler Gerhard Schröder eine Autostunde entfernt in Dresden um Stimmen buhlt.
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