And the Winner is …
Über einen Mangel an Demokratie-Indizes kann die Welt nicht klagen. Mit dem Bertelsmann-Transformations-Index
(BTI) kam bereits 2003 ein weiterer hinzu. Was unterscheidet ihn von anderen
Studien? Von Florian Baumann
Ansätze zur empirischen Messung politischer Systeme gibt es wie Sand am Meer.
Und jeder ist natürlich anders – vor allem besser – als die Konkurrenz. Anders
ist der BTI in
jedem Fall. Zwei Besonderheiten unterscheiden ihn grundlegend von anderen Studien:
zum Einen beschränkt sich der BTI auf die so genannten Transformations-Staaten.
Zum Anderen wird nicht nur der aktuelle Stand der Demokratisierung, sondern
auch die Performance bewertet.
Aus Zwei mach Eins
Wie die Indizes von Freedom
House oder die Polity-Reihe von
Ted Gurr und Keith Jaggers bietet der BTI zunächst ebenfalls eine Bewertung
des aktuellen Transformationsstandes. Der Status-Index analysiert anhand
verschiedener Kriterien wie politische Partizipation und Rechtsstaatlichkeit
die bisher erreichte Qualität des politischen Systemwandels. Gleichzeitig
wird die vollzogene Wandlung hin zur Marktwirtschaft beurteilt. Als Kriterien
gelten hierbei unter anderem Währungsstabilität, der Schutz des Privateigentums
und die Nachhaltigkeit des erzielten Wachstums. In beiden Bereichen wird
zusätzlich ein Trendindikator, der die Entwicklungsrichtung der vergangenen
Jahre darstellt, angegeben.
Bis dahin wäre der BTI aber nur ein weiteres Ranking, das getrost neben den
anderen Studien im Regal verstauben könnte. Was ihn jedoch ziemlich sexy macht,
ist der zusätzliche Management-Index. Dabei wird nicht das Ziel bewertet, sondern
vielmehr die zurückgelegte Wegstrecke. Staaten mit ethischen Konflikten oder
fehlenden zivilgesellschaftlichen Strukturen haben erwartungsgemäß größere
Probleme, den politischen Wandel zu forcieren, als ethisch homogene Staaten
mit einer demokratischen Vergangenheit. Beurteilt wird somit die Performance
der politischen Steuerung; unter Politologen als Good
Governance bekannt.
Teilweise überraschende Ergebnisse
Als “Topstar” des neuen BTI gilt der kleine Inselstaat Mauritius. Das afrikanische
Land – 2003 gar nicht in der Bewertung – setzte sich in diesem Jahr direkt
an die Spitze des Management-Index. Dicht gefolgt von Chile und Botswana. Olaf
Hillenbrand – einer der Väter des BTI – warnt jedoch vor dem Trugschluss,
dass Mauritius das am besten gemanagte Transformations-Land sei. Was der Index
aussage, sei einzig und allein, dass Mauritius unter den gegebenen Umständen
seine Ressourcen am effektivsten genutzt hätte.
Im Status-Index ist die Überraschung nicht ganz so groß. Unter den Top-Ten
finden sich mit Slowenien, Estland, Tschechien, Ungarn, der Slowakei und Polen
EU-Mitgliedsstaaten. Wie schon beim BTI 2003 zeigt sich hierbei wieder eine
deutliche Korrelation zwischen Demokratie und Marktwirtschaft. Daraus lässt
sich der Schluss ziehen, dass sich Demokratisierung und die Liberalisierung
der Wirtschaft gegenseitig begünstigen. Ein zwingender kausaler Zusammenhang
lässt sich daraus aber nicht ableiten. Symptomatisch hierfür seien dafür China
und Vietnam, in denen eine autoritäre Modernisierung stattfände. Dort kann
zwar eine marktwirtschaftliche Liberalisierung beobachtet werden, politisch
bleiben diese Regime jedoch relativ starr.
Methodisch komplex
Von der methodischen Konzeptionalisierung ist der BTI mit Sicherheit einer
der komplexesten Indizes. Er steht damit in keinem Vergleich zum Vanhanen-Index,
der ganz schlicht die Zahl der Wahlberechtigten in Beziehung zum Stimmanteil
der größten Partei setzt. Auch andere Demokratie-Messungen sind auf den ersten
Blick leichter nachzuvollziehen. Die Komplexität des Transformations-Index
und die daraus vermeintlich resultierende Intransparenz wird als häufigste
Kritik an der Studie angeführt. Dennoch kann auch die Logik, die hinter dem
BTI steckt, recht einfach erschlossen werden.
Ausgangspunkt ist die Beschränkung auf die Transformationsstaaten. Bei einer
Berücksichtigung der stärker entwickelten OECD-Länder käme es zu einem Gedränge
auf den vorderen Plätzen und der Index würde viel von seiner Aussagekraft verlieren.
Als normatives Leitbild für den Transformations-Index nennt Peter
Thiery vom Centrum für
angewandte Politikforschung (CAP) in München das minimalistische Konzept
einer marktwirtschaftlichen Demokratie.
Anhand von 58 Einzelfragen mit einem eindeutigen Punktesystem und einer standardisierten
qualitativen Einschätzung beurteilen 119 Gutachter den jeweiligen Staat. Die
so erstellten Ländergutachten werden
von einem zweiten Experten – meist aus dem betroffenen Staat – kommentiert
und unabhängig bepunktet. Sieben Regionalkoordinatoren sorgen dann für die
intra-regionale Stringenz der Antworten. Abschließend werden die regionalen
Ergebnisse vom so genannten BTI-Board in
Einklang gebracht. Somit handelt es sich beim BTI nicht um eine Messung von
Demokratie-Werten, sondern vielmehr um eine in Zahlen ausgedrückte qualitative
Einschätzung. Die gängige Kritik, dass die Qualität politischer Systeme nicht
messbar ist, zieht in diesem Fall also nicht.
Politik zählt
Die Ergebnisse der Studie sind sehr umfangreich. Darin liegt jedoch auch einer
der Kritikpunkte: Ein eindeutiges singuläres Ergebnis ist nicht ersichtlich.
Dafür lassen sich einige sehr interessante Aspekte verdeutlichen: Beispielsweise
gibt es immer noch den Trend hin zur Demokratie. So konnten laut BTI 18 Staaten
ihr Demokratieniveau deutlich erhöhen. Dabei ist das Verhältnis zwischen demokratischen
und autoritären Systemen gleich geblieben. Auch hartnäckige Transformationsverweigerer
wie Kuba oder Simbabwe tauchen in der aktuellen Fassung wieder auf. Das Phänomen
der Modernisierungs-Autokratien wie zum Beispiel China war ebenfalls bereits
in der Fassung von 2003 zu beobachten.
Das 1997 vom CAP und der Bertelsmann-Stiftung als Carl-Bertelsmann-Preis gestartete Projekt findet
mittlerweile ein enormes Echo in Presse und Politik. Verwendung findet der
BTI zum Beispiel bei der Beurteilung von Entwicklungshilfeprojekten und ähnlichen
Maßnahen. Dafür spricht die Haupterkenntnis, die sich aus der Studie ziehen
lässt. Politischer und wirtschaftlicher Wandel passiert nicht einfach so, sondern
müssen gesteuert werden: “Politik zählt”.
Die Bildrechte liegen bei der Bertelsmann Stiftung.
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