Alles für das Kind
In Deutschland gibt es viel zu wenige Kinder. Jeder weiß das, keiner tut was. Das muss sich ändern, meint zumindest der Autor Ulrich Deupmann. Der hat sich in den letzten Jahren vor allem als Journalist einen Namen gemacht (Süddeutsche Zeitung, Der Spiegel, Bild am Sonntag). In seinem neuen Buch Die Macht der Kinder gibt er Tipps und Ratschläge an Gesellschaft, Politik und Wirtschaft. Von Frank Bruce
Ulrich Deupmann spricht gerne über Bevölkerungspolitik. Das ist sein Stichwort. Doch eben jene Politik gibt es in Deutschland nicht. Das hat viele Gründe. Zum einen ist es seit Ende der Nazi-Diktatur in Deutschland verpönt, dass sich die Politik in die Privatsphäre der Deutschen einmischt. Die negativen Assoziationen mit der Bevölkerungspolitik unter Hitler und dem Mutterkreuz der Nazis sind anscheinend noch zu stark in den deutschen Köpfen verankert. Zum anderen weigern sich auch noch heute viele Politiker, das Thema Familienpolitik ernst zu nehmen. Warum eigentlich? Motivation sollte es doch genug geben. Wenn Deutschland in den nächsten Jahren nicht wieder mehr Zuwachs erhält, sieht es schlecht aus für das Land, und zwar auf allen Ebenen. Das sollte mittlerweile jedem klar sein.
Deutschland sät, der Rest der Welt erntet
Eindringlich zeigt der Autor, dass die Ausbildung an deutschen Schulen und Universitäten zu lange dauert. Als Deutscher könne man erst sehr viel später ins Berufsleben einsteigen als andere Europäer, oder Amerikaner. In den USA oder Großbritannien nehmen die Hochschulabsolventen mit etwa 23 Jahren ihren ersten Beruf auf. In Deutschland könne es schon mal sechs bis sieben Jahre länger dauern. Die Vorteile der Amerikaner und Briten liegen auf der Hand: Durch den früheren Start ins Berufsleben haben vor allem Frauen die Chance, vor der Mutterschaft Karriere zu machen. Das komme nicht nur den Jungen, sondern auch der Volkswirtschaft zu gute. Doch der Autor straft die deutschen Ausbildungsverhältnisse nicht nur ab. Anerkennend lobt er die neu eingeführten Universitätsabschlüsse Bachelor und Master. Für Deupmann sind das die richtigen Ansätze, um Studenten schneller auszubilden und ihnen das entscheidende Rüstzeug für einen guten Einstieg in den Beruf mitzugeben.
Ulrich Deupmann vergleicht jedoch nicht nur die Bildungs-, sondern auch die Zuwanderungspolitik mit der anderer Länder. Wieder sieht er die USA als Vorreiter. Die letzte bestehende Weltmacht sei nur so weit gekommen, weil sie gut ausgebildete, hochqualifizierte Menschen in ihr Land locken konnte. Die kamen oft aus Deutschland. Nicht nur zur Zeit des "Brain Drain” in den 1930er Jahren – selbst jetzt noch schmeiße der deutsche Staat die hier ausgebildeten Einwanderer nach ihrem Studium wieder raus, in der Hoffnung sie gingen in ihre Heimatländer zurück und brächten dort den Fortschritt voran. Das Gegenteil ist häufig der Fall. Viele Absolventen gehen dahin, wo das Geld in der Forschung und Wirtschaft sitzt. Und das sind nun mal die USA, Kanada und Australien. Deutschland zahlt also die Ausbildung und andere ernten die volkswirtschaftlichen Früchte. Der Autor schlägt der BRD vor, sich ernsthaft als Einwanderungsland zu betrachten und mit Gesetzen einen vernünftigen Rahmen dafür zu schaffen, dass die Motivierten, gut Ausgebildeten und Begabten ihre Arbeitskraft in Deutschland anwenden, und nicht in Übersee.
Zeit und Platz für Kinder schaffen
Dass der Kinderwunsch der Deutschen entgegen anders lautender Berichte stark ausgeprägt ist, belegt der Autor mit eindrucksvollen und nachdenklich stimmenden Statistiken.
Das Problem sind also nicht die beischlaffaulen Menschen. Vielmehr sei es das System, in dem sich die Menschen in Deutschland bewegen. Die Betreuungsmöglichkeiten für Kinder in Deutschland sind, schlichte Wahrheit, mies. In Krippenplätzen und Ganztagsschulen sieht Deupmann die Instrumente die man brauche, um auch die Akademikerinnen zum Mutter werden zu bewegen. Umfragen haben ergeben, dass es jungen Frauen besser gefallen würde, wenn sie einen sicheren Kindergartenplatz für ihr Kind hätten, als die Erhöhung des Kindergeldes auf 300 Euro monatlich. Denn junge Frauen wollen studieren, arbeiten und trotzdem Mutter sein. Doch ohne die entsprechende Infrastruktur wird es nur schwer möglich sein, das demographische Problem zu beheben. Aufhalten lässt es sich ohnehin nicht mehr, aber es muss das Land nicht so hart treffen. Noch können wir etwas tun, so der Tenor Deupmanns.
Kinder-TÜV und Kindergarten-Pflicht
Und Ulrich Deupmann weiß auch, welcher Weg zu gehen ist. Der Autor hat gleich zwei Ziele zur Hand, die am Ende des Weges stehen könnten: Erstens die Verdopplung der öffentlichen Ausgaben für Krippen, Kitas und Schulen bis zum Jahr 2010. Zweitens eine Million neugeborene Kinder, auch bis 2010. Um diese ehrgeizigen Ziele zu verfolgen, hat er einen 10-Punkte-Plan erarbeitet. Es sind konkrete Maßnahmen, um gerade noch die Kurve zu kriegen. Zum Beispiel schlägt er einen "Kinder- und Familien- TÜV” für alle Gesetzesentwürfe vor. Fällt ein Gesetz beim "TÜV” durch, so müsse es eben überarbeitet werden, um den Ansprüchen einer vernünftigen Familienpolitik gerecht zu werden. Oder die Pflicht für Eltern, ihr Kind ab dem dritten Lebensjahr in den Kindergarten zu schicken. Der Besuch wäre kostenlos und die gezielte Frühförderung in den Kindergärten würde nicht nur allen Kindern, auch denen aus Immigranten Familien, sondern vor allem der deutschen Wirtschaft zu gute kommen.
Hoffnungsvolle Blicke über den Atlantik
Durch die Ausführlichkeit des Buches hat der Journalist und Autor einen sehr lesenswerten und gutgeschriebenen Beitrag zum wichtigsten Thema der deutschen Politik, dem demographischen Wandel und die ihn begleitenden, drastischen Folgen geleistet. Er stellt detailliert die Situation in der BRD vor und unterstreicht seine Thesen mit Statistiken. Das ist zwar gut für das Verständnis, macht das Lesen aber an ein paar Stellen sehr mühsam. Mit seinen durchdachten Lösungsvorschlägen zeigt er jedoch vernünftige Alternativen zur gegenwärtigen Politik auf. Bleibt die Frage, ob, wann und wie die Politiker seine Vorschläge in die Tat umsetzen. Denn dass etwas getan werden muss, sollte jedem klar sein, auch den konservativen Politkern, die sich gegen Ganztagsschulen und familienfreundliche Einrichtungen stellen.
Mit dem Blick über den Atlantik, zu den europäischen Nachbarn wie Frankreich und den skandinavischen Ländern, gibt Ulrich Deupmann viel Anlass zur Hoffnung. Denn diese Länder und ihre Gesellschaften machten vor, wie viel Macht Kinder wirklich haben.
Ulrich Deupmann: Die Macht der Kinder
S. Fischer Verlag, Frankfurt, 2005, 220 Seiten
16, 90 Euro
ISBN 3-10-013810-4
Die Bildrechte liegen bei Andreas Labes.
Der Verlag im Internet: S. Fischer Verlag
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