Welttheater oder “Nazi-Scheiße”?
Einar Schleef gilt als einer der umstrittensten deutschen Theater-Regisseure. Erstmalig gibt eine Biographie Auskunft über Leben und Werk des 2001 verstorbenen Schleefs. Von Fabian Engelmann.
Nachdem in den letzten Monaten die Werke des Autoren, Regisseurs, Bühnenbildners und Malers Einar Schleef neu aufgelegt oder erstveröffentlicht wurden, zuletzt erschien der erste Band seiner Tagebücher, liegt nun eine erste Biographie vor. Wolfgang Behrens, Philosoph, Mathematiker und Musikwissenschaftler, unternimmt in seiner streng chronologisch geordneten Darstellung den Versuch, den Leser in die schier undurchdringbare Gedankenwelt des genialen Schleefs einzuführen. Neben umfangreichen Gesprächen mit Freunden und Weggefährten greift Behrens auf Selbstzeugnisse Schleefs und Rezensionen zu seinen Bühnenarbeiten zurück. Entstanden ist ein Buch, das den Grundstein für eine intensive Beschäftigung mit dem Werk Schleefs sowohl für den Leser als auch für die zukünftige Forschung liefert.
Von Sangerhausen nach Berlin und in den Westen
Geboren 1944 im thüringischen Sangerhausen, interessiert sich Schleef früh für die Künste. Indem er zeichnet, singt, tanzt und malt, entwickelt der Schüler bemerkenswerte künstlerische Fähigkeiten, die ihm später zu einem Malerei- und Bühnenbildstudium an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee verhelfen. Ein tiefer Einschnitt im Leben Schleefs ist ein schwerer Unfall in der Schulzeit: Er fällt aus einem fahrenden Zug und muss Monate im Krankenhaus verbringen. Dort pflegt er seine todkranken Zimmergenossen. In seinem Tagebuch schreibt er rückblickend: "Links neben mir Opa Glanz, drüben am Fenster Herr Frey, an der Tür der Russe. Vom 1. Tag, wo ich aufstehen konnte, bediente ich sie. Ente bringen, Scheiße abwischen, füttern. Das Unfallzimmer hieß Himmelfahrtskommando oder einfach, die kratzen ab." Die Erfahrungen seiner Kindheit verarbeitet Schleef in seinem späteren Werk.
Im Anschluss an seine Studentenzeit erhält Schleef die Möglichkeit, gemeinsam mit dem damals umstrittenen Regisseur und Brecht-Schüler B.K. Tragelehn, am Berliner Ensemble zu inszenieren. Für Erwin Strittmachers Katzgraben entwirft er das Bühnenbild und agiert als Ko-Regisseur. Es folgen zwei weitere Arbeiten: Frank Wedekinds Frühling Erwachen und Fräulein Julie von August Strindberg. Danach ist Schluss. Die Strindberg-Inszenierung wird abgesetzt. Sie ist politisch nicht korrekt. Schleef empfindet die Arbeitsbedingungen in der DDR als unerträglich, Arbeitsmöglichkeiten fehlen. Von einer Einladung an das Wiener Burgtheater kehrt er 1976 nicht mehr in die DDR zurück.
Doch auch im Westen ist es zunächst schwierig, Fuß zu fassen. Er inszeniert für kleinere Bühnen, arbeitet für den Hörfunk oder illustriert Bücher. Bis Mitte der Achtziger Jahre schreibt er an seinem Roman Gertrud, der das Leben seiner Mutter schildert, das eng mit der Geschichte Deutschlands (Kaiser- und Nazizeit, DDR-Diktatur) verknüpft ist. Gleichzeitig ist der Roman auch ein Heimatroman. Am Beispiel Sangerhausens schreibt Schleef über regionale, sprich thüringische, Eigenarten und Befindlichkeiten, mit denen er die Biographie der Mutter verknüpft. Gertrud wird, wie nahezu alle seine Werke, von der Kritik höchst umstritten aufgenommen.
Schleef und der Chor
In den Folgejahren gelingt Schleef der Aufstieg zum anerkannten Theaterregisseur. Er inszeniert in Frankfurt, Wien und West-Berlin. Nach der Wende folgen Theaterarbeiten in Ost-Berlin. Dort kommt es gleich zum Eklat: Schleef inszeniert Rolf Hochhuths Stück Wessis in Weimar. Da Schleef das Stück bis zur Unkenntlichkeit verändert, will Hochhuth die Aufführung verbieten lassen. Nur unter der Bedingung, den Originaltext an die Premierenbesucher zu verteilen, kommt das Stück zur Aufführung.
Am Berliner Schillertheater arbeitet Schleef an einer Faust-Inszenierung, die dort nie aufgeführt wird. Das Theater schließt 1993. Schleef führt das Stück auf den Treppen des Theaters dennoch auf. Eine besondere Bedeutung misst Schleef in seinen Inszenierungen dem Chor bei. Er lässt eine Rolle von einer Vielzahl von Schauspielern spielen, die den Text synchron sprechen und als Chor auftreten. So etwa in der Inszenierung des Brecht Stückes Herr Puntila und sein Knecht Matti 1996 am Berliner Ensemble. Die Rolle des Matti übernehmen junge Männer, die außer NS-Militärmänteln nichts auf der Haut tragen. Schleefs Inszenierungen sind auch weiter umstritten. Der Regisseur Peter Zadek bezeichnet Schleefs Arbeit als “Nazi-Scheiße”.
In den Folgejahren arbeitet Schleef mit der Schriftstellerin Elfriede Jelinek zusammen und inszeniert ihre Texte. Gleichzeitig tritt er auch selbst als Schauspieler auf. Er übernimmt die Rolle des Puntila oder trägt Nietzsches Ecce homo vor. Publizistischer Höhepunkt der Neunziger Jahre ist der Großessay Droge Faust Parsifal, der neben autobiographischen Texten Überlegungen zu den Traditionslinien des deutschen Theaters enthält. Der Essay exponiere und erkläre in einer Art Berliner Dramaturgie den Stückekanon des Theatermachers Schleef – von Aischylos bis Brecht und Müller, so die Verlagsangabe zum Buch.
Nach seinem frühen Tod nimmt die Bedeutung der Person und des Schaffens Schleefs zu. Er wird zum Klassiker. Behrens gelingt es in seinem Buch, die wesentlichen Entwicklungslinien in der Biographie Schleefs nachzuzeichnen. Die inhaltliche Beschäftigung mit dem umfangreichen Werk kommt dabei leider noch zu kurz. Behrens legt Wert darauf, eine Persönlichkeit vom Formate Schleefs zwischen zwei Buchdeckeln nicht ein für allemal deuten zu können und zu wollen. Vielleicht sollte er sich überlegen, diesen Versuch in einer späteren Biographie zu wagen. Den Grundstein dafür hat Behrens mit seiner Schleef-Darstellung gelegt, die jedem Interessierten wärmstens ans Herz gelegt werden kann.
Wolfgang Behrens Einar Schleef. Werk und Person
Theater der Zeit
Berlin, 2003, 256 Seiten
14,50,- Euro
ISBN 3934344305
Weiterführende Links:
Informationen zu Leben und Werk Einar Schleefs im Internet: http://www.einarschleef.net
Das Copyright liegt beim Theater der Zeit Verlag.
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