Vom Versuch, Recht zu schreiben
09. Aug 2004 | von | Kategorie: Medien
Alle wollen die Verwirrung um die deutsche Rechtschreibung so schnell wie möglich beenden. Aber wer ist eigentlich warum verwirrt? Von Sebastian Fischer.
Drei große Verlage Deutschlands haben entschieden: Sie wollen zur alten Rechtschreibung zurückkehren. Am Freitag verkündeten der Spiegel- und der Axel Springer-Verlag ihre Entscheidung, die Süddeutsche Zeitung (SZ) folgte noch am selben Tag, denn, so ein Sprecher des SZ-Verlags, man sei ja auch von Anfang an dabei gewesen bei dieser Entscheidung. Diese Entscheidung ist eine Anmaßung. Drei Medienhäuser wollen der Politik diktieren, wie die Rechtschreibung zu regeln sei. Drei Verlage versuchen, Recht zu schreiben und geltende Regeln und einen Standard außer Kraft zu setzen, der vor fünf Jahren auch von ihnen mitgetragen wurde. Ein Standard, der immerhin für den gesamten deutschen Sprachraum gilt, also für Deutschland, Österreich und die Schweiz.Wer weckt Wirrwarr?
Sie wollen dem Wirrwarr um die Schreibweise ein Ende bereiten, begründen die Verlagshäuser ihre Entscheidung – und stiften doch nur selbst Verwirrung. Kinder würden in der Schule etwas anderes lernen, als sie in ihrer Freizeit lesen, sagen sie – und verkehren damit die Richtigkeit der Begründungen. Denn woran liegt das denn? Nicht am Unterricht, nicht an den Kindern, nicht an der neuen Rechtschreibung – es liegt an eben solchen Verlagen, die den geltenden Regelungen nicht folgen. Sie sind es, die Schülerinnen und Schüler verwirren, weil sie gegen geltende Regeln schreiben. In den Schulen, so berichten Lehrerinnen und Lehrer und zeigen Umfragen, gibt es keine Verwirrung.Lernfaule Alte
Weil sich Schriftsteller den neuen Schreibweisen verweigern, weil zum Beispiel Günter Grass alle seine Bücher mit alter Rechtschreibung drucken lässt. Weil die Mehrzahl der Redakteure in den eigenen Redaktionen die alte Schreibweise benutzen würde. Auch so begründen die Zeitungshäuser ihre Entscheidung. Zusammengefasst könnte man sagen: Weil alte Männer und Frauen nicht bereit sind, sich neuen, vereinfachten Regelungen zu unterwerfen. Weil diese Leute nicht bereit sind dazuzulernen.“Konservative Anarchie”
"Zivilen Ungehorsam" nennt Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust den Schritt der Verlage. Man könnte es auch mit Hans-Ulrich Jörges vom Stern, der wie alle Gruner&Jahr-Produkte weiterhin in neuer Schreibweise erscheint, "konservative Anarchie" nennen, was sich SZ, Spiegel und Axel-Springer anmaßen. Es sei, so sagte Jörges am Sonntag sinngemäß im Presseclub, als ob Tempo 30 gelte und einige jetzt einfach mal beschließen, 60 zu fahren.
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