Traum von Europa

11. Okt 2004 | von Florian Baumann | Kategorie: Politisches Buch

beck.jpgIn ihrem neuen Buch “Kosmopolitisches Europa” analysieren Ulrich Beck und Edgar Grande den Prozess der Europäisierung aus einer neuen Perspektive. Damit werden Türen geöffnet, die bisher fest verschlossen schienen. Von Florian Baumann

Seit dem Vertrag von Maastricht gibt es die Unionsbürgerschaft. Die Menschen in weiten Teilen Europas sind also nicht mehr nur Spanier, Franzosen, Deutsche oder Polen, sondern eben auch Europäer. Der Clou ist, das waren sie alle auch schon vor Gründung der Europäischen Union (EU), aber eben anders. Dennoch stellt sich bis heute die Frage, ob tatsächlich eine europäische Gesellschaft existiert. Aus soziologischer Sicht “setzt [Gesellschaft] klare Grenzen voraus”. Dies bedingt eine bisher stets in Nationalstaaten denkende und analysierende Sozialwissenschaft, die Beck und Grande durch ihren kosmopolitischen Blick zu überwinden suchen. In einem wachsenden Integrationsraum, wie ihn Europa darstellt, sind diese Grenzen bereits nicht mehr gegeben.

Die Münchner Professoren Beck und Grande verstehen die Europäisierung der Nationalgesellschaften als kosmopolitischen Prozess. Kosmopolitismus im Beckschen Sinne meint die Anerkennung der Andersheit als Maxime der Politik. Dadurch löst sich der Gesellschaftsbegriff von den Fesseln des Nationalstaats und begibt sich auf eine überstaatliche Ebene. Im Zuge der zweiten Moderne, nach Beck eine neue gesellschaftliche Wirklichkeit, die die starren Leitbilder wie Vollbeschäftigung und territoriale Identität der Industriegesellschaft abgelöst hat, werden Universalismus und Nationalismus, die bis jetzt nicht vereinbar waren, zu inklusiven Dualen: Transnational sozusagen “als Integral des Nationalen”.

Europäische Finalität

Ein kosmopolitischer Blick auf Europa verleiht der Debatte um die Finalität Europas einen neuen Spin. Den intergouvernementalen und supranationalen Gebilden, die das politische Europa ausmachen, setzen Beck und Grande eine europäische Gesellschaft entgegen. Dabei werden viele Fragen aufgeworfen, jedoch wenig Antworten gegeben. Ausgangspunkt für die Autoren ist der ewige Streitpunkt, ob die EU nun Staatenbund oder Bundesstaat ist bzw. werden soll. Gegen das bisherige “Entweder-Oder” der europäischen Integration setzen sie ein bestimmtes “Sowohl-als-Auch”. In den strengen Kategorien der nationalstaatlich orientierten ersten Moderne ist dieses Europa jedoch nicht zu begreifen. Erst wenn man sich auf das postnationale Denkmuster der zweiten Moderne einlässt, kann die Einigung Europas als neuer Weg zwischen Universalismus und Nationalismus verstanden werden.

Die EU als Empire

Statt Intergouvernementalismus und Föderalismus sehen Beck und Grande Europa als Empire. Die Entstehung dieses Empires folgte jedoch keinem grand design, sie war vielmehr eine nichtintendierte Folge der politischen und wirtschaftlichen Integration der europäischen Staaten. Insbesondere die EU, als neoliberales Projekt gestartet und überwiegend mit technokratischen Maßstäben beurteilt, stößt nunmehr an ihre Grenzen. Versteht man Europa jedoch als “posthegemoniales Empire”, im Sinne von “Herrschaft über Nichtbeherrschte”, lösen sich einige Fragen von selbst. So stellen zum Beispiel die bestehenden Machtasymmetrien zwischen den Mitgliedstaaten nicht länger ein Problem dar.

Auch die Flexibilität und Offenheit des Integrationsprozesses, durch die Europa geprägt wird, passt besser in ein imperiales Schema, als in die vorherrschende nationalstaatliche Ordnung. Als Beispiel für das europäische Empire führen die beiden Autoren die EU-Osterweiterung an. Ein weiterer Vorteil des Empire-Ansatzes ist, dass die Übertragung von Kompetenzen auf die Gemeinschaft als Positivsummenspiel interpretiert werden kann. Dadurch wird die bis heute dominierende Logik des politischen Realismus ausgehebelt, die sämtliche Formen dauerhafter Kooperation strikt ablehnt.

Europa der Bürger

Neben dem Empire-Ansatz ist die Europäisierung ein weiterer zentraler Punkt der kosmopolitischen Integrations-Analyse. Europäisierung findet in zwei unterschiedlichen Richtungen statt: horizontal und vertikal. “Vertikale Europäisierung meint … die Öffnung des nationalen Containers nach oben”, die Schaffung supranationaler Institutionen und deren Rückwirkung auf nationale Bereiche. Im Gegensatz dazu steht die horizontal ausgerichtete Europäisierung als Verflechtung nationaler Gesellschaften und privater Akteure untereinander.

Wiederum gilt hierbei, dass sich beide Ebenen nicht ausschließen, sondern vielmehr sinnvoll ergänzen. In der Betrachtung der europäischen Einigung fand dieser “bottom-up” Blickwinkel bis dato wenig Beachtung. Als Beispiel für die horizontale Integration führen Beck und Grande das Erlernen von Fremdsprachen an. Denn “verschiedene Sprachen sprechen heißt, Wurzeln und Flügel haben, in mehreren Kulturen zugleich beheimatet zu sein, … aber auch Widersprüche ertragen zu müssen”.

“Doing Europe”

Europa als kosmopolitisches Empire, als neuartiges Gebilde, zwischen National- und Weltstaat erschließt der Europaforschung ganz neue Wege. Durch die Brille der zweiten Moderne, in deren Verlauf die europäischen Staaten mehr und mehr in Europa aufgehen, könnten sich ungeahnte Chancen für den Prozess der Europäisierung auftun. Aber genau hier liegen auch die Schwächen des Ansatzes. Vieles von dem, was Beck und Grande zu Papier gebracht haben, erscheint objektiv erstrebenswert. Jedoch geht durch den Enthusiasmus, mit dem die Thesen vorgebracht werden, die politische Realisierbarkeit gänzlich unter. “Kosmopolitisches Europa” wird auch von den Autoren selbst nicht als Ziel verstanden, sondern zunächst als mögliche Richtung. Weitere Schwächen zeigen sich meist, wenn es handfest wird.

Die abstrakte Behauptung, Europäisierung sei nicht gleich “EU-isierung” ist soweit richtig. Jedoch finden sich wenige Beispiele, die nicht aus dem Bereich der Union stammen. Hinzu kommen noch argumentative Ungenauigkeiten, die dem Verständnis der Theorie nicht dienlich sind. Sehr deutlich jedoch zeigen Edgar Grande und Ulrich Beck, dass Europa keinem Masterplan folgt und wohl auch deswegen den bisherigen Rahmen der Integrationsforschung sprengt. Diese Unendlichkeit drückt sich unter anderem im Verständnis der Europäisierung als “doing Europe” aus.

 

Ulrich Beck/Edgar Grande
Kosmopolitisches Europa
Suhrkamp Verlag 2004 Edition Zweite Moderne
400 Seiten. Kartoniert. � 18,- ISBN 3-518-41647-2


Weiterführende Links:

Verlagsinformationen zum Buch
Autoreninfo des Suhrkamp-Verlages
Homepage von Prof. Dr. Ulrich Beck
Homepage von Prof. Dr. Edgar Grande


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