Thusnelda, auf in die Schlacht!

26. Okt 2004 | von | Kategorie: Politisches Theater

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters Berlin eröffneten die neue Spielzeit mit Heinrich von Kleists Hermannsschlacht. Nach 1945 hat sich kaum jemand an dieses umstrittene Drama gewagt. Ist die Neuinszenierung von Tom Kühnel geglückt? Von Konrad Kögler.

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Das traditionsreiche Deutsche Theater stellte die neue Saison 2004/2005 unter das Motto "Deutsche Stoffe". Das hört sich ja mal wieder schwer nach tiefgründigem Pathos und grüblerischer Selbstvergewisserung an! Und wenn als erste Inszenierung an den Kammerspielen auch noch Die Hermannsschlacht des guten, alten Heinrich von Kleist aus dem Jahr 1808 auf dem Programm steht, verdreht der durchschnittliche junge, moderne Großstadtbewohner erstmal skeptisch die Augen und lässt einen Stoßseufzer vernehmen.

Hermannsschlacht – da war doch was…

Die heldenmutigen Glückskinder, die sich in ihrer gymnasialen Laufbahn bis zum Großen Latinum durchkämpften, kamen bei ihrer langjährigen Irrfahrt entlang der aberwitzigen Satzkonstruktionen voller Gerundiv- und Gerundiums-Formen, A.c.I. und ablativi absoluti oft und oft mit dem Ausruf des römischen Kaisers Augustus nach dieser historischen Niederlage gegen die Germanen in Berührung: "Vare, Vare, redde legiones!" Für alle Leser aus rot-grün oder gar rot-rot dominierten Bundesländern, die von Edmund Stoibers humanistischem Bildungsideal bislang nur peripher tangiert wurden: Dieser klassische Beispielsatz für den Vokativ bedeutet übersetzt "Varus, Varus, gib mir meine Legionen zurück!"

 

Und diejenigen, die das besondere Vergnügen hatten, ihre prägenden Jugendjahre in der beschaulichen Idylle Ostwestfalens zu verleben, erinnern sich selbstverständlich voll schaudernder Nostalgie an die regelmäßigen Schulausflüge zum Hermannsschlachtdenkmal im Teutoburger Wald. Es ist doch immer wieder eine helle Freude für die pubertäts- und pickelgeplagten Schüler zwischen Detmold, Minden, Bielefeld und Osnabrück, im berühmt-berüchtigten Steigungsregen an den historischen Ort zu pilgern, wo im Jahr 9 nach Christi Geburt Hermann, der Cheruskerfürst, die Truppen des römischen Feldherrn Varus vernichtend schlug! Bei so viel negativen Assoziationen ist es wohl nicht weiter verwunderlich, dass die meisten Häupter im Zuschauerraum bereits ziemlich ergraut waren…

 

Umstrittene Rezeptionsgeschichte

 

Aber keine Sorge, das Stück Hermannschlacht bietet noch weitere Widerhaken. Kleist schrieb dieses Drama 1808 als politisches Manifest für die deutsche Befreiungsbewegung in ihrem Kampf gegen Napoleon. Auf den Trümmern des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation sehnte er ein neues, stolzes Nationalgefühl herbei. Mit derselben Tapferkeit, mit der einst Hermann dem römischen Imperium eine empfindliche Niederlage beigebracht hatte, sollten sich die deutschen Fürstentümer um den preußischen König scharen und Napoleons Eroberungsfeldzüge stoppen. Bei seinen Zeitgenossen stieß der Dramatiker allerdings auf ziemlich taube Ohren. Wie das Programmheft berichtet, kam dieser Aufruf zum Partisanenkrieg den einen ungelegen, weil sie gerade anfingen, sich mit den zivilisatorischen Errungenschaften der Französischen Nation anzufreunden. Den anderen erschien es angesichts der komplizierten Bündniskonstellation wohl nicht ratsam, so dezidiert gegen eine offensichtliche französische Übermacht Partei zu ergreifen.

 

Als das Wiener Burgtheater die Uraufführung des Textes abgelehnt hatte, schien es für Kleist mit seiner Hermannsschlacht ein ähnlich bitteres Ende zu nehmen, wie damals für die Römer. Das Stück konnte erst 1821 veröffentlicht werden, als Napoleon sein Waterloo bereits hinter sich hatte. Auf der Bühne war es als Premiere schließlich erst 1860 zu bewundern.

 

Nationalistische Begeisterung für den Herminator

 

In den Folgejahren erlebte das Drama aber einen ungeahnten Höhenflug, da es dem nationalistischen Zeitgeist nach der Reichsgründung von 1870/71 wie auf den Leib geschrieben schien. Der waffenklirrende Schlussappell Hermanns, dass Germanias Söhne das römische "Räubernest in einen öden Trümmerhaufen" verwandeln sollten, wirkt heute sicher nicht nur auf bekennende Pazifisten äußerst befremdlich. Während des Ersten Weltkriegs wurde dieses Zitat am Deutschen Theater aber mit hysterischen Begeisterungsstürmen aufgenommen und in einer Inszenierung von Max Reinhardt mit Triumphmeldungen von der Front unterlegt. Wie der aufmerksame Leser sicher bereits ahnt, erreichte dieses Stück wenige Jahre später schließlich den Gipfelpunkt seiner Beliebtheit: Allein in der Spielzeit 1933/34 wurde es 145mal aufgeführt.

 

Komödie im Hotel statt Schlachtenlärm

Wie kann man ein Werk mit solch prekärer Vergangenheit heutzutage auf die Bühne bringen? Nur wenige haben sich bisher überhaupt wieder daran gewagt, am bekanntesten dürfte noch die Bochumer Inszenierung von Claus Peymann aus dem Jahr 1983 sein. Tom Kühnel, der in den Neunzigern zusammen mit Robert Schuster als Leiter des TAT in Frankfurt/Main für Furore sorgte, gab dem zweistündigen Abend im Deutschen Theater durch einige Kunstgriffe eine betont komische Note: Er verlegt die Handlung kurzerhand vom Schlachtfeld in ein Zwei-Sterne-Hotel. Aus dem stolzen Cheruskerfürsten wird bei Kühnel ein serviler Hotelgeschäftsführer (Jörg Gudzuhn), der seine römischen Gäste mit geradezu speichelleckerischer Höflichkeit umgarnt und ein Scheinbündnis mit ihnen eingeht, sie letztlich aber in einer hinterhältigen Intrige voller Lügen und Verrat blutig niedermetzelt. Die Verwicklungen rund um Hermanns Frau Thusnelda (Katharina Lindner) sowie die römischen Gegenspieler Varus (Peter Beck) und Ventidius (Frank Seppler) werden vom Ensemble sehr kurzweilig und mit viel Spielfreude vorgeführt. Bewusst nicht ganz im Takt liegende Tanzeinlagen, eine gefährliche Bärin und viel, viel Blut auf den Bademänteln der jungen Römer sorgen für eine sehr abwechslungsreiche Inszenierung, die trotz des neuen Kontexts erstaunlich nah am Original bleibt.

Das Manko des Abends

In diesem wilden Reigen droht jedoch die politische Brisanz des Stücks leider in den Hintergrund zu geraten. Mit der letzten Szene setzt der Regisseur zwar einen deutlichen Kontrapunkt zu den historischen Aufführungen. Statt einem in Triumphgeschrei ausbrechenden Hermann erleben wir diesmal einen Hauptdarsteller, der mit tieftraurigen Augen, gebrochener Stimme und lädiertem Arm zur endgültigen Zerstörung des Feindes aufruft und geradezu wie ein Häuflein Elend wirkt. Fraglich ist allerdings, ob sich dem Publikum der Sinn dieser Dekonstruktion des Schlussdialogs ohne das notwendige Hintergrundwissen erschließt. Aber vielleicht kann man dieses fast vergessene Stück heute wirklich nur noch als Farce inszenieren? Ein lustiger Theaterabend lässt sich bei der Hermannsschlacht in jedem Fall verbringen!

 

Die Hermannsschlacht

Heinrich von Kleist

Kammerspiele des Deutschen Theaters Berlin

Regie: Tom Kühnel

Bühne: Katrin Hoffmann

Darsteller: Jörg Gudzuhn, Falk Rockstroh, Gabriele Heinz, Michael Prelle, Bernd Strempel, Katharina Lindner, Frank Seppeler, Peter Beck u.a.

Premiere: 29.09.2004

 

Nächste Inszenierungen der Hermannsschlacht unter: http://www.deutschestheater.de/programm/monatsplan.php


Weiterführende Links:

Das Deutsche Theater: www.deutschestheater.de

Der gesamte Text des Dramas: www.kleist-hermannsschlacht.de

Zum Autor Heinrich von Kleist: www.kleist.org


Das Copyright des Bildes liegt beim Deutschen Theater.


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