SUITE HAVANNA

28. Okt 2004 | von | Kategorie: Politischer Film

Der kubanische Regisseur Fernando Pérez liefert in seinem Dokumentarfilm SUITE HAVANNA ein realistisches und zugleich poetisches Bild seiner Heimatstadt. Dass er dabei auf Dialoge verzichtet, tut dem Film keinen Abbruch. Von Daniela Recht. suite_havanna5_klein.jpg

Die Suche nach dem Glück war Pérez großes Thema seines letzten Films DAS LEBEN – EIN PFEIFEN, den der Kubaner vor sechs Jahren gedreht hatte. Mit seinem skurillen Porträt einer Stadt zwischen Traum und Wirklichkeit hat Fernando Pérez das Kuba am Ende des 20. Jahrhunderts beleuchtet. Havanna ist auch in seinem neuesten Film Schauplatz der Geschichte. Nur verzichtet er diesmal auf jegliche Fiktion und zeigt den Alltag, das Havanna der Habaneros. Pérez setzt dabei allein auf Bilder und Geräusche, wobei die Kamera in manchen Momenten so nah an die Gesichter der Menschen herankommt, dass man das Gefühl hat, live dabei zu sein. Der Zuschauer wird zu einem permanenten Beobachter des Geschehens und befindet sich mitten im Zentrum der Stadt. Dort, wo einem das Leben auf der Straße begegnet.

Kleine, aber intensive Momente

"Es ist elf Uhr morgens. Sie hören mir zu, an ihrem Arbeitsplatz, einem Ausbildungszentrum oder während sie mit Hausarbeiten beschäftigt sind, in einer Stadt, die ihren eigenen Rhythmus hat. Gibt es einen besseren Moment, um den vibrierendsten Part einer Suite zu hören, die jetzt gerade in allen von uns lebt?", ertönt eine Stimme aus dem Radio. Zu sehen ist der zehnjährige Francisquito, der am Down-Syndrom leidet. Wie jeden Tag sitzt er in der Schule und zählt gerade mit den anderen Kindern bis zwanzig. Alle sind sie fröhlich und lachen. Parallel fällt der Blick auf Ivan, 30 Jahre alt, der mit seinem Fahrrad die Straßen von Havanna durchquert. Viele andere Beispiele ließen sich so fortführen, denn jede Person in Pérez Film hat ihren Alltag zu bewältigen: Juan Carlos, Ernesto, Heriberto, Raquel… suite_havanna_2_klein.jpg Minutiös fängt die Kamera jede Bewegung ein. Wie eine alte Frau eine Zwiebel schneidet. Wie die 70-jährige Norma an der Strasse steht und Nüsse verkauft. Das sieht alles auf den ersten Blick nicht gerade spannend aus. Wer auf einen Höhepunkt wartet, auf etwas Grandioses, wird enttäuscht, denn das gibt es hier nicht. Der Film kommt ganz bescheiden daher, unaufdringlich, leise. Ein Moment, der zwei Kinder bei einer Umarmung festhält. Oder jener, in der Jorge Luis sich von seiner Familie trennt, am Flughafen. Die Mutter weint. Das sind intime Szenen, die Geschichten erzählen und bewegen. Es ist schlicht das Leben, das Fernando Pérez uns präsentiert. Es ist eine Hommage an seine Heimat, wie er sie sieht und liebt. Ob der Zuschauer die Sicht des kubanischen Regisseurs teilen kann? Es ist jedenfalls einen Versuch wert, das herauszufinden.

"Suite Havanna hat wie jeder Film einen politischen Inhalt"

suite_havanna_3_klein.jpgWer den Namen Havanna hört, wird im gleichen Atemzug auch an Armut und Kriminalität denken. Die werden jedoch in SUITE HAVANNA nicht explizit gezeigt. "Suite Havanna hat wie jeder Film einen politischen Inhalt", so der 60-jährige Pérez einmal in einem Interview, "aber ich wollte keinen politischen Diskurs führen. Es ging mir darum, das Leben in Havanna in seiner ganzen Komplexität darzustellen, mit und ohne Politik." Dass der Film ohne Szenen auskommt, in der die Armut in gewohnter Art und Weise gezeigt wird, ist gut. Denn man braucht diese Bilder nicht. Pérez Dokumentarfilm erinnert so auch mehr an eine Fotoausstellung denn an einen Dokumentarfilm. Er will in erster Linie zeigen, illustrieren, wie schön seine Stadt mit seinen Einwohnern ist. Deren Schicksal deckt er dann auch kurz am Ende des Films auf. Man erfährt , dass der kleine Francisquito seine Mutter verloren hat, als er drei Jahre alt war. Oder Ernesto Diaz, der seit dem Tod seines Vaters für die Familie sorgen muss. Die Träume dieser Menschen bilden das Schlusslicht von Pérez Havanna. "Ich will gesund sein, um zu leben", ist Waldos Traum, er ist pensionierter Professor für Marxismus. So ist das Schöne an dem Film, dass er trotz der Melancholie nichts von seinem Optimismus einbüßt, sondern in sehr kraftvollen Bildern daherkommt. So könnte der folgende Satz bestimmend für den Film sein: Die Armut in SUITE HAVANNA ist immer existent, wenn sie uns auch in einem Schmelz von Poesie begegnet.

 

SUITE HAVANNA

Start: 11. November 2004

Buch und Regie: Fernando Pérez

Produktion: Jose Maria Morales, Camilo Vives

 

Webseite zum Film:  www.kairosfilm.de

Über Kuba: www.zeit.de/2003/31/Kuba

 

Die Bildrechte liegen bei Kairosfilm.


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