Sarah gets the blues
"Gesäubert" von Sarah Kane (1971-1999) gilt als das optimistischste Stück der englischen Dramatikerin. Es ist dieser Tage in der Inszenierung von Benedict Andrews in der Berliner Schaubühne am Lehniner Platz zu sehen. Von Christian Noß.
Grace liebt Graham und Graham liebt Grace. Alles könnte schön sein. Doch Graham bringt sich gleich zu Beginn des Stückes um. Oder genauer: Er lässt sich umbringen. Von Tinker, einem über den anderen Figuren stehenden Dealer, Doktor, Teufel oder Gott. Man weiß es nicht. Er gibt Graham eine Überdosis Heroin und lässt ihn anschließend verschwinden.
Carl liebt Rod und Rod liebt Carl. Alles könnte schön sein. Wenn da nicht Carls Verlangen nach gegenseitiger Verpflichtung wäre.
Rod What are you thinking?
Carl That I"ll always love you.
Rod (laughs)
Carl That I"ll never betray you.
Rod (laughs more)
Carl That I"ll never lie to you.
Rod You just have.
[...]
Rod (takes the ring and Carl"s hand)
Listen. I"m saying this once.
(He puts the ring on Carl"s finger)
I love you now.
I"m with you now.
I"ll do my best, moment to moment, not to betray you.
Now.
That"s it. No more. Don"t make me lie to you.
Tinker tritt hinzu und prüft wie ein alttestamentarischer Gott die Wahrhaftigkeit der Versprechen Carls, um ihn anschließend für seine Schwäche – Carl verrät Rod – drastisch zu bestrafen. Im Text trennt Tinker Carl seine Gliedmaßen ab, die von Ratten fortgetragen werden.
Der australische Regisseur Benedict Andrews hat sich an die Aufgabe gemacht, das großartige Stück Sarah Kanes für die Schaubühne zu inszenieren. Er wählt für die Folter-, Vergewaltigungs- und Verstümmelungsszenen eine stark stilisierte Körpersprache. Auf diese Weise entgeht er der Splatterfalle, tappt aber in eine andere: Es ist alles so ernst.
Liebe, Tod und Tinker
Auf dem kahlen Bühnenbild mit einem Wasserbecken im Zentrum agieren die immer wieder nackten Schauspieler und mühen sich. Andrews konzentriert sich ganz auf das Düster-Negative des Stückes und klammert die kraftvollen, positiven Momente aus. Der Reiz des Textes aus dem Nebeneinander von Todesbildern, Schocksequenzen und rührend-einfachen Liebesbildern geht dabei verloren. Bei Andrews ist jeder Liebesversuch vergeblich und endet in Qual und Krampf. Das ist bedauerlich, denn im Original ist das Stück nicht ohne Witz und Hoffnung.
Starke Momente hat die Inszenierung in den vielen guten dramaturgischen Einfällen: Regen, Schnee, das sich schwarz färbende Wasser oder die Schattenspiele. Besonders gelungen ist die Umsetzung der Verstümmelungen, die hier nicht verraten werden soll. Unangenehm wird es, wenn der englische Slang der Off-Stimmen, die Grace vergewaltigen, in deutsche Gossensprache übertragen wird.
Robin liebt Grace und Grace liebt Graham, der trotz seines Todes für Grace gegenwärtig ist. Die Gespräche zwischen Grace und dem suizidgefährdeten Robin sind zum Teil Zwiegespräche von Grace mit ihrem Bruder Graham, deren Mehrdeutigkeit vom Ensemble geschickt umgesetzt ist.
Das Stück lässt den Zuschauer nicht kalt, es beeindruckt und erzeugt ein Bluesgefühl. Ob das allein genügt, um das Berliner Publikum in die Schaubühne zu locken, muss sich erst zeigen.
Die nächsten Vorstellungen finden am 27., 29. und 30. Juni 2004 statt.
Weiterführende Links:
Die Bildrechte liegen bei der Berliner Morgenpost und der Schaubühne Berlin.
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