Politikers Cut
Im Fernsehen kommt nur Müll – und Politik. Dass die beiden bisweilen eine gefährliche Symbiose eingehen, zeigt die Ausstellung "Bilder und Macht" in Leipzig. Aber auch vor 100 Jahren haben Politiker schon auf die Macht der Bilder vertraut. Ein Zwiegespräch von Dominik Schottner und sich
Hitler ist unverbraucht. So richtig verheizt hat ihn Deutschland und seine Kunst seit 1945 jedenfalls nicht und deswegen ist der Schrecken vor dem Mann mit dem eigentümlichen Bart in Deutschland auch noch so groß. Behauptete jedenfalls Christoph Schlingensief einst in einem Porträt, in dem er auch zu seinem Film "100 Jahre Adolf Hitler", der lange vor "Der Untergang" des Führers letzte Stunden im Bunker thematisierte, befragt wurde.
Aber das ist doch absurd! Hitlers Greueltaten hatten ein derartiges Ausmaß, dass auch die tausendste Wiederholung der vierhundertsten Biographie den Zuschauern noch erschaudern ließe! Was erlauben Sie sich eigentlich?!
Nun, Schlingensief hatte in gewisser Weise doch Recht. Nehmen Sie diese Adenauer-Büste, die derzeit im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig im Rahmen der Wanderausstellung "Bilder und Macht" Staub und Blicke fängt – früher war dieser Adenauer mal Hitler. Ehrlich. Ein umtriebiger Steinmetz hat (analog zu seiner politischen Gesinnung vielleicht?) nach dem Krieg aus dem schweren Granitkaliber Hitler den kantigen Weltmann Adenauer gemeißelt. Blöd nur, dass das Bundeskanzleramt die Büste nicht haben wollte, weswegen sie jetzt als Teil der Ausstellung verzückt.
Stumpfer Nazi-PR-Kitsch trifft auf Kai DiekmannSie schreiben doch nur Blödsinn! Ihnen müsste man mal den Kopf waschen! Wahrscheinlich hängen auch noch Wahlplakate von Hitler in dieser Ausstellung herum und Kugelschreiber mit seinem Konterfei. Nichts als Nazi-PR-Kitsch, wenn Sie mich fragen!
Woher wissen Sie das? In der Tat ist es so, dass die Ausstellung "Bilder und Macht" von ihren Exponaten lebt, nicht von ihrer Konzeption. Bayern München ist schließlich auch kein Kollektiv, sondern eine irgendwie funktionierende Gesamtheit von einzelnen Schrauben. Aber zurück zur Macht und ihren Bildern. In dieser Ausstellung also geht es um das Verhältnis vom Bildlichen zur Politik. Vom Beginn des 20. Jahrhunderts, als Wahlplakate noch Gesichter und nur wenige Masken zeigten, bis hin zum beginnenden 21. Jahrhundert, wo Kanzler Schröder Zigarre rauchend erklärt, dass er auch mal als Mensch gesehen werden wolle, ist alles dabei, was der Bildmensch von heute zur Befriedigung seiner audiovisuellen Politgeilheit braucht: Wahlplakate, Kugelschreiber, Fernsehmitschnitte, Fotografien.
Es sind doch die Medien, BILD und die Christiansen, die in Wahrheit die Politik machen. Hören Sie mir doch auf mit diesem albernen Kram! Ich weiß doch, wie der Laden läuft!
Gemach, gemach. Der Rundgang durch die geschätzte 150 Meter lange Ausstellung legt die Entwicklung des Bildlichen in der Politik offen. Für Schulklassen als Anschauung geeignet, fehlt dem wissenschaftlich interessierten Besucher aber oft der Tiefgang. Die Hinweistafeln weisen im wahrsten Sinne des Wortes auf die Exponate hin, mehr aber auch nicht. Man wünschte sich gelegentlich kunstgeschichtlich angereicherte Informationen mit einem kleinen politikwissenschaftlichem Dreh. Mithin ist die Entwicklung des Verhältnisses Bilder-Politik nicht so rasant, wie man sich das angesichts der technischen Entwicklung des vergangenen Jahrhunderts vorstellt – und wie es die Begleitbroschüre suggeriert. 
Beispielhaft für diese Entwicklung haben die Macher der Ausstellung Politiker(vor)bilder aus der BRD, der Sowjetunion, der DDR und den USA herausgegriffen – bedeutende Staaten des vergangenen Jahrhunderts, die ihrerseits Blaupause für den Rest der Welt waren. Begrüßt einen am Eingang noch der monarchistisch anmutende Hindenburg, gestützt auf einen Anker und fixiert auf Leinwand, so endet die Ausstellung mit der Aufforderung zur Abstimmung über eben jene Gretchenfrage nach den wahren Machthabern im Lande: Medien oder Politik? Schröder oder Kai Diekmann, Chefredakteur der BILD? Dazwischen liegen Welten – bildlich, zeitlich und geographisch, nicht aber methodisch.
Nur ein Schritt von Hitler zu AngelaVon Hindenburg und Hitler ist es deswegen auch kein allzu großer Schritt zu Gerhard (Schröder) und Angela (Merkel). Gewiss, mit Vornamen wurden erstere eher selten bis gar nicht betitelt, aber die Art und Weise der
Selbstdarstellung – stark personenzentriert, telegene Ausstrahlung, einfache Parolen – offenbart, dass, egal welche Politik oder Unpolitik seit Anfang des 20. Jahrhunderts verfolgt worden ist, diese von einer einfachen Bildsprache nicht nur unterstützt, sondern auch mitgetragen werden muss. So zeigt die Ausstellung eine Serie von Hitler-Porträtaufnahmen seines Haus- und Hoffotografen Prof. Heinrich Hoffmann. Hitler in nie gesehenen, sehr weiblichen Posen, Hitler ungewohnt menschlich – Fotografien dieser Art sind es, die zwar gemacht, aber nie veröffentlicht wurden. Ein ähnliches Bild, wenn auch in Demokratiegrün, zeichnen die PR-Strategen heutiger Politiker. Schröder beim Fußball, Schröder mit Kindern, Schröder mit Hund, Schröder mit Gummistiefeln und hochgekrempeltem Hosenbein beim Elbe-Hochwasser im Jahr 2002 – die Motive haben sich zwar verändert, sie sind menschlicher geworden, aber die Grundausrichtung ist dieselbe: Einen Typ zu präsentieren, dem man vertrauen soll.
Wissen Sie? Ich vertraue sowieso nur mir selber. Diese ganzen Politiker, das ist doch alles Humbug. Überall sind sie und strecken ihre Gesichter in die Kameras…da gucke ich lieber Sportschau.
Sehen Sie? Jetzt sind wir wieder bei Herrn Schlingensief. Während man Politikern heute bewusst nur ein bis zwei Legislaturperioden einräumt, um sich und ihr Gesicht zu verheizen, dauert es bei Hitler nun schon mehr als 70 Jahre, damit sich der von ihm ausgehende Schrecken in ein leichtes Frösteln verwandelt.
_____________________________________________________________________________Die Ausstellung "Bilder und Macht" läuft noch bis zum 28.3. 2005. Der Eintritt ist frei.
Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland
Zeitgeschichtliches Forum Leipzig
Grimmaische Straße 6
04109 Leipzig
Telefon: 0341-22 20 – 0
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