Mit Ché durch die Pampa

16. Nov 2004 | von Konrad Kögler | Kategorie: Politischer Film

Der zweite junge Überflieger ist Gael García Bernal. Er verkörpert die Revolutionsikone Ché Guevara in dem Roadmovie Die Reise des jungen Ché. Von Konrad Kögler.

Che_07_klein.jpgDiesen verträumten Blick kennt bestimmt (fast) jeder – die in die Ferne gerichteten Augen, die wallenden schwarzen Locken, der tiefrote Hintergrund des Plakats: Der kubanische Revolutionsführer Ché Guevara, dessen Konterfei auf keiner Demo im Mai 1968 fehlen durfte und der einen immer noch von vielen Wänden pubertierender Möchtegern-Rebellen entgegenblickt. Sein Porträt ist längst ins kulturelle Bildergedächtnis eingegangen.

Und diesen jungen Mann sollte man dringend kennen lernen, wenn man sich für beeindruckende Schauspielkunst interessiert: den mexikanischen Nachwuchsstar Gael García Bernal, der in wenigen Tagen 26 Jahre alt wird. Die Interviewerin der New York Times ertrank schier in ihrer Bewunderung des “Göttlichen”. Ganz so weit wollen wir es bei /e-politik.de/ nicht treiben, da wir glücklicherweise nicht unter derartigen unkontrolliert auftretenden hormonellen Schüben leiden.

Völlig Unrecht hat sie nicht

Aber unbestreitbar ist: Gael García Bernal ist ein Meister seines Fachs. In der vor Lebensfreude überschäumenden Komödie Y tu mamá también spielte er seine Kollegen so unbekümmert an die Wand, dass der Film in einigen tiefkatholischen Ländern Probleme mit der Freigabe bekam. Auch in Deutschland war er erst ab 16 zu sehen. Und in Pedro Almodóvars La mala educación brilliert er in gleich drei Rollen – ein eindrucksvoller Beleg für seine Wandlungsfähigkeit. Mithin dürfte es also ein Leichtes für ihn sein, die große Ikone Ché darzustellen!

Biographie eines verehrten Helden

Als der Brasilianer Walter Salles einen Film über die Jugend des Idols der Linken plante, fiel seine erste Wahl auf Bernal – eine gewisse Ähnlichkeit zwischen den beiden ist auch tatsächlich unverkennbar. Der Traum des Regisseurs war es, der Entwicklung des jungen Medizinstudenten Ernesto Guevara de la Serna vom sensiblen Sprössling einer Oberschichtsfamilie zum Berufsrevolutionär nachzuspüren. In seiner Filmbiographie “Die Reise des jungen Che” beschränkt er sich aber bewusst auf eine sehr kurze Zeitspanne: Er schildert eine mehrmonatige Abenteuerreise des damals 23-Jährigen mit seinem besten Freund quer durch Südamerika im Jahr 1952. Che_12_klein.jpg Das Drehbuch basiert auf zwei authentischen Quellen: Chés Tagebuchaufzeichnungen dieses Trips, die ebenso wie der Film im englischen Titel Motorcycle Diaries heißen, sowie einem Buch seines Freundes Alberto Granado, With the Che through Latin America. Dieser mittlerweile ziemlich betagte Mann krönt auch mit einem Statement die Schlusseinstellung des Films.

Selige Träume von besseren Zeiten

Naja, “krönen” ist doch wohl etwas zu hochgegriffen. Ich würde eher sagen: Er setzt ihm ein Ende. Bis dahin plätschert dieses Werk nämlich gute zwei Stunden ohne allzu viele Höhepunkte vor sich hin. Sicher: Die Landschaftsaufnahmen aus Chile, Argentinien und Peru sind eindrucksvoll. Wer sich für Roadmovies oder Dokumentationen aus Lateinamerika interessiert, wird daran seine helle Freude haben. Und für den Seelenhaushalt unserer Freundin von der New York Times ist dies sicher auch die schonendere Alternative. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, zu welch emotionalen Ausbrüchen sie in ihrer Begeisterung für Gael sonst noch fähig wäre! Che_56_klein.jpg

Wer sich aber neue, spannende Einblicke zu Ché erhofft, wird das Kino eher enttäuscht verlassen. Wir erleben einen jungen, kränklichen Mann, der unter seinen Asthmaattacken leidet und zum ersten Mal mit dem sozialen Elend seines Kontinents konfrontiert wird. So weit, so gut und vor allem aus jeder Biographie über ihn hinreichend bekannt. Wann immer es mal psychologisch interessant zu werden verspricht, nimmt uns die Regie wieder auf eine endlose Kamerafahrt mit. Zwischendurch darf Bernal einige sehr gefühlvolle Sätze aus dem Tagebuch der Ikone aufsagen.

Charismatisches Alphatierchen oder graue Maus?

Überhaupt dieser Ché: Er wird uns als ein sehr unbeholfener junger Mann vorgeführt. Auf einer rauschenden Party erinnert er am ehesten an einen tapsigen Tanzbären. Mag sein, dass der Revolutionär in jungen Jahren tatsächlich so wenig Charisma hatte. Aber Gael García Bernal ist nicht mehr wieder zu erkennen. Seine Leichtigkeit wird im strengen Korsett des Regisseurs regelrecht eingeschnürt. In diesem maximal mittelmäßigen Film wird einer der hoffnungsvollsten Nachwuchsschauspieler vom langen Schatten einer Politlegende erdrückt, ohne dass der Zuschauer allzu großen Gewinn aus dem Kinoabend ziehen könnte.


Die Reise des jungen Ché Argentinien/Brasilien/USA 2003 Regie: Walter Salles Darsteller: Gael García Bernal, Rodrigo de la Serna, Mía Maestro u.a. 126 Minuten Kinostart: 28.10.2004


Weiterführende Links:

Zum Film

Zu Ché Guevara

Zum Hauptdarsteller Gael García Bernal

Chés Tagebuch


Die Bildrechte liegen bei der Constantin Film AG.


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