Kolonialer Übermut
In seinem neuen Buch “Das verleugnete Imperium” schreibt Niall Ferguson über Chancen und Risiken amerikanischer Macht. Seine Begeisterung für den alten und neuen Imperialismus ist jedoch allzu ausgeprägt. Von Werner Schäfer.
“Unsere Armeen kommen nicht als Eroberer oder Feinde in Ihre Städte und Länder, sondern als Befreier… Es ist unsere Hoffnung, dass die Vorstellungen Ihrer Philosophen und Schriftsteller verwirklicht werden, dass das Volk von Bagdad erneut unter Institutionen blüht und gedeiht, die im Einklang mit ihren geheiligten Gesetzen und ihren rassischen Idealen stehen, und Frieden und Wohlstand genießt.”
Der das gesagt hat, war nicht George W. Bush. Nein, dieses Zitat stammt von Frederick Stanley Maude, dem britischen General, der 1917 im Namen der Krone die Herrschaft in Mesopotamien übernahm. Doch die Ähnlichkeit mit der Rhetorik des amerikanischen Präsidenten ist nicht zufällig. Sie verdeutlicht vielmehr die Gemeinsamkeiten des heutigen Amerika mit dem britischen Empire des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Auch bei Amerika handelt es sich um eine imperiale Macht. Und weil das gut so ist, sollten die USA diese Tatsache endlich akzeptieren und sich entsprechend verhalten. Denn ohne die stabilisierende Wirkung eines liberalen Imperiums versinkt die Welt im Chaos. So etwa lautet die Hauptaussage von Niall Fergusons jüngstem Buch “Das verleugnete Imperium”.
Zweifellos, der 40-jährige Schotte und Star-Historiker provoziert gerne. In ” The Pity of War” interpretierte er den Ersten Weltkrieg neu: Schuldig am Ausbruch des Krieges war nicht Deutschland, sondern England, dessen Eingreifen nach der deutschen Invasion Belgiens aus einem regionalen Konflikt einen Weltkrieg machte. Hätten die Engländer stillgehalten, hätten die Deutschen den Kontinent mit einer Zollunion, also einer Art proto-EU, befriedet. In “Empire” (nicht zu verwechseln mit dem Titel von Hardt/Negri) versucht er aufzuzeigen, dass sich die britische Kolonialherrschaft insgesamt positiv auf die Welt und die beherrschten Länder ausgewirkt habe.
Ferguson ist das “enfant terrible” der jüngeren britischen Geschichtsschreibung. Neben den genannten Werken hat er unter anderem bereits eine zweibändige Geschichte der Rothschild-Dynastie und eine Studie über die Zeit der Inflation in Deutschland veröffentlicht. In den angelsächsischen Medien ist er als Kommentator ständig präsent. Nach Stationen in Oxford und der New York University, tritt er im Herbst eine Professur in Harvard an.
Imperialismus ist gut…
Man kann seine Ideen also nicht einfach als Hirngespinste abtun. Den Begriff des Imperiums legt er breit aus: Es kann formeller oder informeller, direkter oder indirekter Natur sein. Entscheidend ist nur die Vorherrschaft eines bestimmten Staates. Ferguson zeigt schlüssig auf, dass die USA schon seit ihrer Gründung gewisse imperiale Züge tragen. So sah etwa die Verfassung von vornherein eine Expansion der Union vor. Auf dem eigenen Kontinent hatten es die Amerikaner dabei leicht, oft konnten sie neues Land einfach kaufen. Die einheimische Bevölkerung stand der Ausdehnung nicht wirklich im Weg.
Schwerer taten sich die Amerikaner in Übersee, ob in der Karibik oder auf den Philippinen nach dem Spanisch-Amerikanischen Krieg von 1898. Immer wieder versuchten sie kurzfristig zu intervenieren und hofften, mittels freier Wahlen für Stabilität und Amerika-freundliche Regierungen zu sorgen, was meistens missglückte. Langfristiges Engagement zeigten sie nur in Japan und Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Doch selbst hier wollten die Besatzer baldmöglichst eigenständige Regierungen einsetzen, um nicht selber direkt herrschen zu müssen.
Niall Ferguson
“Das verleugnete Imperium, Defizite amerikanischer Macht”
2004, Berlin, Propyläen-Verlag,
24,- Euro, 300 S., ISBN: 3-549-07213-9
Lesen Sie hier den Teil 2 der Rezension.
Das Copyright des Bildes liegt beim Propyläen-Verlag.
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