Kolonialer Übermut – Teil 2
In seinem neuen Buch “Das verleugnete Imperium” schreibt Niall Ferguson über Chancen und Risiken amerikanischer Macht. Seine Begeisterung für den alten und neuen Imperialismus ist jedoch allzu ausgeprägt. Von Werner Schäfer.
Auch die Briten begründeten ihre Herrschaft zumindest rhetorisch oft damit, lediglich so lange in ihren Kolonien bleiben zu wollen, bis diese zur Selbstregierung fähig waren. Im Gegensatz zu den meisten Amerikanern glaubten sie aber nicht wirklich an die eigene Rhetorik. Stattdessen erkannten sie die Notwendigkeit, mit Hilfe eines liberalen Imperiums für Recht, Ordnung und Stabilität sorgen zu müssen, um Investitionen und wirtschaftliche Entwicklung zu ermöglichen. Darin sieht Ferguson den entscheidenden Unterschied zwischen dem britischen und amerikanischen Imperialismus.
Während die Briten bereit waren, langfristig die Kontrolle und damit auch die Verantwortung für fremde Länder und Kontinente zu übernehmen, bleiben die Amerikaner im Grunde am liebsten zu Hause. Im Gegensatz zu den damaligen Absolventen von Oxford und Cambridge, haben die heutigen Studenten von Harvard und Yale kein Interesse daran, Statthalter im Irak zu werden. Die Bürger der Vereinigten Staaten konsumieren lieber, als Kapital und Macht in Übersee zu investieren.
Und hier liegt für Ferguson eine große Gefahr. Ohne amerikanischen Imperialismus wird der Welt die nötige Stabilität fehlen, die für ausländische Investitionen in armen Ländern notwendig ist. Ohne Investitionen wird es keine wirtschaftliche Entwicklung geben, was die Ungleichheiten und die Frustration der Unterprivilegierten erhöhen und letzten Endes zu einem Chaos führen wird, wie es die Welt seit dem 9. Jahrhundert nicht mehr erlebt hat.
Damals gab es zum letzten Mal eine Periode ohne Imperien, so Ferguson. Völlig von der Hand zu weisen sind seine Argumente nicht. Das Empire hatte sicher auch positive Auswirkungen auf die beherrschten Länder. Was Amerika in Japan und Deutschland geleistet hat, als es sich auf die imperiale Rolle zumindest halbwegs einließ, ist beeindruckend und es wäre schön, wenn ähnliches im Kosovo, in Afghanistan und im Irak gelänge.
…doch kann er funktionieren?
Ferguson stellt sich jedoch nicht ausreichend die Frage, inwiefern sich von der Vergangenheit auf Gegenwart und Zukunft schließen lässt. Anti-koloniale Bewegungen und "Siege" hatte es zur Zeit des britischen Empire noch nicht gegeben. Heute sind sie Teil der kollektiven Erinnerung, sowohl bei den ehemaligen Kolonialherren, als auch bei den befreiten Völkern. Britische Massaker an ihren kolonialen Subjekten erreichten selten die Heimatfront und noch seltener andere Kolonien.
Jedes Scharmützel der Amerikaner, ganz zu schweigen von den Folterbildern von Abu Ghraib, geht indes um die Welt. Widerstand kann selbst im entferntesten Land der Welt noch über Handys und Internet organisiert werden. Allein technisch wäre ein aktiver Imperialismus, wie ihn Ferguson vorschlägt, also viel schwieriger zu bewältigen als zu Gladstones und Disraelis Zeiten. Vermutlich wäre er selbst dann zum Scheitern verurteilt, wenn die Amerikaner tatsächlich ihre imperiale Rolle wahr- und ernst nähmen.
Abgesehen von der Machbarkeit stellt sich natürlich auch die Frage, wodurch sich ein amerikanischer Imperialismus gegenüber denjenigen legitimieren würde, die er beherrscht. Für Ferguson besteht diese Legitimation darin, dass es den Beherrschten unter den Amerikanern besser ginge als unter den einheimischen Despoten. Zu einem gewissen Grad scheint dies in Afghanistan und dem Irak tatsächlich der Fall zu sein.
Das Argument ist also nicht ganz von der Hand zu weisen: Wenn Amerika tatsächlich langfristig Rechtsstaatlichkeit und liberale Prinzipien in den von ihm beherrschten Gebieten einführen würde, wäre seine Herrschaft sicher als legitimer einzustufen als die eines Muanmar al-Gaddafi, Hosni Mubarak oder Robert Mugabe. Doch Rechtsstaatlichkeit benötigt Ordnung, und die herzustellen ist für heutige "Kolonialmächte" extrem schwierig. Die "Output"-Legitimation Fergusons würde also kaum funktionieren. Eine andere Legitimation für den Imperialismus gibt es nicht.
Bleibt die Frage, ob die Welt ohne Imperialismus tatsächlich im Chaos versinkt. Auch das ist zweifelhaft. Gerade heute ist jede imperialistische Aktion Wasser auf die Mühlen der Gegner Amerikas, ob europäische Linke und Globalisierungsgegner, islamische Fundamentalisten oder chinesische Nationalisten. Folgten die USA tatsächlich Fergusons Ratschlägen und kolonisierten fleißig die Welt, würden sie damit vor allem eine vielköpfige Hydra des Widerstandes hervorbringen. Statt Stabilität bräche Chaos aus, siehe Irak.
Insofern ist es gut, dass Ferguson demnächst in Boston und nicht in Washington arbeitet, wo seine Ideen in einigen Kreisen schon jetzt allzu gut ankommen. Das ist nicht verwunderlich: Ferguson kennt die Historie, er argumentiert schlüssig, er schreibt geist- und abwechslungsreich und vertritt eine klare Linie. Kurz: Er verführt. Wer der Verführung widerstehen kann, sollte das Buch lesen. Trotz und wegen seiner Fehler.
Niall Ferguson
"Das verleugnete Imperium, Defizite amerikanischer Macht"
2004, Berlin, Propyläen-Verlag,
24,- Euro, 300 S., ISBN: 3-549-07213-9
Lesen Sie hier Teil 1 der Rezension.
Das Copyright des Bildes liegt beim Propyläen-Verlag.
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