Kino auf Rädern
Filme vorführen, Reisen, Surfen. Alex aus München ist seit einem Jahr in Europa unterwegs, um nicht kommerzielle Filmhighlights zu präsentieren. Nicht in einem normalen Kino versteht sich. Am Strand, auf der Straße – überall. Das Cinémobile macht's möglich. Von Daniela Recht.
“Ich könnte gar nicht mehr in einem normalen Kino Filme vorführen”, sagt der 36-jährige Alex und lacht. Jahrelang war er als Filmvorführer im MünchnerWerkstattkino tätig. Heute stellt das Reisen einen zu großen Reiz für ihn dar, immer entlang an der Atlantikküste. Frankreich, Spanien, Portugal, Afrika – das wäre seine Traumroute. Senegal der Höhepunkt schlechthin. Dorthin hat er es bisher noch nichtgeschafft.
Das französische Baskenland ist derzeit seine Heimat. Die Idee mit einem Bus durch Europa zu reisen und an verschiedenen Flecken der Erde Filme zu zeigen, kam ursprünglich von Dede – einem Freund. Der konnte die Idee jedoch aus Geldnöten nicht realisieren – und so ist Alex ohne seinen Kumpel aufgebrochen.
“Cinémobile gibt es schon immer”, erzählt er, “speziell im Surfbereich, die Idee kommt eigentlich aus Australien. Surffilme sind nicht kommerziell”. Vorgeführt wird meistens im Freien, die Leute sitzen dann am Boden und trinken nebenbei ihr Bierchen. Da kein Eintritt verlangt wird – was ja auch gesetzlich illegal wäre – wird nach Ende der Vorstellung gesammelt.
Wie die Gelsomina aus LA STRADA kann man sich das vorstellen: Alex oder Armin - letzterem gehört übrigens das Cinémobile gehört - gehen herum und hofften auf die Spendierfreudigkeit der Leute. “Dort, wo es ein Essen mit Apero gibt, führen wir am liebsten vor”, so Alex. Dann wird eine lange Nacht des Films daraus, getrunken und gefeiert bis in den frühen Morgen. Alles Hippies unter freiem Himmel?
Zufällige Bekanntschaften
Das Cinémobile ist politischer, als man auf den ersten Blick glaubt. Nicht nur,dass Alex Filme zeigt, die nicht dem Mainstream entsprechen, und damit ganz klar eine Botschaft herüberbringen. Es geht hierbei nicht nur um Fun und Surfen in erster Linie, auch wenn letzteres eine echte Leidenschaft von ihm geworden ist. Sondern Filme mit Tiefgang sind auch dabei.
So machte Alex rein zufällig dieBekanntschaft mit Manuel Sorto. Der spanische Regisseur gewann mit seinem Dokumentarfilm LA DECISION DE VENCER (DIE ENTSCHEIDUNG ZU SIEGEN) den nicht unbedeutenden Preis La Habana Cuba. Sorto – ehemaliges Mitglied des Kollektivs – thematisiert in seinem Film die Revolution von El Salvador im Jahre 1981:
Als 1980 der Erzbischof Oscar Arnulfo Romero – Gegner der seit 1979 herrschenden Militärjunta in El Salvador – von Rechtsextremisten ermordert wird, bricht ein Bürgerkrieg zwischen der Nationalen Befreiungsfront Farabundo Marti (FMLN) und den von den USA unterstützten Regierungstruppen aus. Bis Ende 1982 kamen bei den Kämpfen fast 40.000 Menschen ums Leben, über 600.000 flüchteten in die Nachbarländer des kleinsten Lands Mittelamerikas. Links gerichtete spanische Zeitungen verglichen die Tat mit dem Holocaust.
Von der Idee des Cinémobiles angetan, schenkte Filmemacher Sorto dem Münchner spontan eine Kopie dieses Films. Gleiches tat der deutsche Regisseur Wolfgang Bült. Für das Projekt Cinémobile hat er Alex eine Kopie seines Films “PUNK IN LONDON” geliehen – unter anderem sind dort Auftritte von den Sex Pistols, Clash und Adverts zu sehen. Bült besuchte 1977 die Filmhochschule in München und macht auch heute noch Filme.
Hippieroadmovie aus den 60ern
Ein anderes Schmankerl aus Alexs Filmarchiv ist “PACIFIC VIBRATION” aus den 60er Jahren von John Severson. Der bekannte Filmemacher war der Gründer des ersten Surfermagazins und lebt heute als Maler und Fotograf auf Hawaii. PACIFICVIBRATION ist einer der großen Klassiker unter den Surferfilmen und nicht nur wegen der grandiosen Szenen auf den Wellen sehenswert. Aufgrund seiner ökologischen Thematik präsentierte Alex diesen Film mit der Surfrider Foundation. Diese Gruppe von jungen Leuten kämpft für ein sauberes Meer mit dem Slogan “Rettet die Meere” und leistet Aufklärungsarbeit. In der Nähe von Biarritz – das Surfmekka par excellence – wurde Seversons Film wieder aufgeführt. “Ich würde gerne einen eigenen Surffilm machen, aber nur 16mm”,schwärmt Alex. 16mm war das Format des klassischen Dokumentarfilms der 60erJahre.
Baskische Zukunft
Das Projekt Cinémobile hat noch lange nicht seinen Höhepunkt erreicht. Ein buntes Kinoprogramm schwebt dem Cineasten vor. “Ich würde auch gerne mal andere Filme vorführen, zum Beispiel baskische. Das ist Zukunftsmusik.” Dass er damit ein heikles Terrain betritt, ist ihm bewusst. Wenn man jedoch wie Alex ständig mit Basken zu tun hat, kommt man an der Politik nicht vorbei: “Ein Film, der zwar keine Antworten auf die baskische Frage liefern, dafür aber die Blockade aufbrechen kann, ist der Dokumentarfilm LA PELOTA VASCA – LA PIELCONTRA PIEDRA (Das Baskische Ballspiel – Die Haut gegen den Stein) von Julio Medem”, erzählt er. Diese Doku, die sich mit der baskischen Heimat von Medem auseinandersetzt und in Spanien für hitzige Debatten gesorgt hat, lief auch auf dem diesjährigen Filmfest in München.
Alex selbst sieht sich zwar nicht als ein Experte für die politische Situation im Baskenland, aber es ist ein Thema, bei dem er wie ein richtiger Baske reagiert: “Ohne Zweifel gibt es Repression gegen die baskische Sprache! Ein Supermittel, um Franzosen und Spanier zu ärgern, ist einfach baskisch reden!”
Alex tourt mit seinem Cinémobile weiter an der Atlantikküste im Baskenland zwischen Frankreich und Spanien. Die nächsten Termine für die Surfer:
10.7. Rochefort
17.7. Getaria
25.7. Guéthary
17.8. Guéthary
21.-23.10. Donostia (St. Sebastian), Surffilm Festibal
Weitere Links:
Cinémobile: www.sweetride.de (nicht aktualisiert)
Surfrider Foundation: www.surfrider-europe.org
Filmfest: www.filmfest-muenchen.de
Baskenland: www.net-lexikon.de/Basken.html
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