Kerry oder Dean

29. Jan 2004 | von | Kategorie: Wahlen und Demokratie

Im Ringen um die Kandidatur gegen US-Präsident George Bush hat John Kerry in der ersten Vorwahl in New Hampshire deutlich gesiegt. Das ist die Nachricht, die seit Dienstagnacht die Nachrichten in Amerika dominiert. Dennoch könnte am Schluss Howard Dean als der wahre Gewinner dastehen. Denn der ehemalige Favorit Dean hat überlebt. Von Philip Hiersemenzel

“A week is a long time in politics” ist eine alte poltische Weisheit. Nicht nur in Amerika, aber doch besonders hier. Nirgendwo ist dieser Spruch so relevant wie im Mutterland der Mediendemokratie. Amerikanische Wahlen sind notorisch schwer vorherzusagen. Trotz aller Versuche selbst der ausgefuchstesten “spin doctors” den Nachrichtenzyklus und damit die öffentliche Wahrnehmung ihrer Kandidaten zu kontrollieren, kann ein Ausrutscher vermeintliche Sicherheiten umstoßen. So erging es auch Präsidentschaftskandidat Howard Dean. Noch vor drei Wochen kürten die führenden amerikanischen Medien den ehemaligen Gouverneur des Bundesstaates Vermont zum Herausforderer von Amtsinhaber George Bush. Der konservative Kolumnist William Safire verkündete gar in der New York Times, noch nie sei ein Kandidat bereits so früh im Vorwahlkampf klar als Sieger erkennbar gewesen. Der Medienhype um Dean und seinen sensationellen Spendenerfolg im Internet schien auch den politischen Gegner zu überzeugen. Aus dem Weißen Haus sickerte durch, Chefstratege Karl Rove bereite sich bereits auf die Auseinandersetzung mit dem Irakkriegskritiker vor.

Unverhofft kommt oft

Doch dann kam Iowa. Der eisige Wind im Norden blies Dean stärker entgegen als erwartet. Der vermeintliche Favorit war plötzlich der große Verlierer. Statt mit seinem riesigen “grass-roots” Netzwerk an Unterstützern und seinem phänomenalen Spendenerfolg beschäftigten sich die Medien plötzlich eine Woche lang mit Deans missratener Rede nach seinem enttäuschenden dritten Platz im dortigen “Caucus” und dem Überaschungserfolg Kerrys. Nicht zuletzt dieses Momentum war es, dass den selbsternannten “Comeback-Kerry” acht Tage noch Iowa, bei der ersten “echten” Vorwahl mit 38 Prozent wiederum auf Platz eins beförderte. Zweifelsohne ein sensationeller Erfolg für einen Kandidaten, dessen Umfragewerte noch vor drei Wochen im einstelligen Bereich herumkrebsten. Indes, Kerrys Stern könnte schnell verglühen. Zwar liegt der ebenso charmante wie vornehme Senator in der augenblicklichen (Medien-) Wahrnehmung nach wie vor klar vorne, doch die kann sich bekanntlich schneller ändern, als Verteidigungsminister Donald Rumsfeld Allierte verprellt oder sein Chef Schurkenstaaten den Garaus macht. Wer über den Tag hinaus denken will, muss versuchen, auf die Fakten hinter dem schnelllebigen Wahlkampf zu schauen.

Die Fakten

Fakt Nummer eins: New Hampshire wird notorisch überschätzt. Viele Kandidaten, sogar viele spätere Präsidenten haben hier verloren. Bill Clinton verlor hier 1992 gegen Paul Tsongas, wie Dean ein Linker aus dem benachbarten Massachusetts. John McCain triumphierte gegen George Bush und wurde doch am Schluss deutlich von dem Texaner besiegt. Zwar kann ein Erfolg in dem kleinen Neu-England-Staat gerade Außenseitern viel Aufschwung geben. Nützen wird das aber immer nur dem, der dieses Momentum auch in den folgenden Wahlen behaupten kann. Neue Spielregeln. Genau das dürfte aber jetzt für den neuen Favoriten Kerry schwer werden.

Denn, Fakt Nummer zwei, in den sieben gleichzeitigen Entscheidungen, die am 3. Februar anstehen, gelten andere Spielregeln als bisher. Einmal gilt es wesentlich, mehr Wähler zu überzeugen als in den kleinen Staaten Iowa und New Hampshire, in denen die Kandidaten praktisch mit jedem Wähler persönlich reden können. Im Kampf um die Stimmen aus South Carolina, Missouri, Delaware, Arizona und North Dakota zählen Organisation und Geld mehr als persönlicher Charme. Der bleibt zwar weiter wichtig, doch gewinnen jetzt Anrufe, Fernsehspots an Bedeutung und nicht die Armeen von Freiwilligen, die um die Häuser tingeln. Hier kann Dean seine Vorteile ausspielen. Als Kerry im kalten Norden um jede Stimme rang, verbrachte der “Doktor” wesentlich mehr Zeit im Süden. Kerry hat noch keinen Cent ausgegeben für Werbespots in den Süd- und Grenzstaaten, um die es am 7. Februar geht. Dean dagegen hat seine Botschaft für Millionen von Dollar in die Wohnzimmer der Wähler transportiert.

Bis “Super-Tuesday” ist der Weg noch lang

Dabei ist der 7. Februar bestenfalls eine Vorentscheidung. Richtig zur Sache geht es erst am “Super-Tuesday”, am 2. März. Dann geht es in 10 Staaten, darunter New York und Kalifornien, um über ein Viertel aller nötigen Delegierten. Ein gigantisches und teures Unterfangen. Natürlich muss und wird Kerry jetzt nachziehen mit dem Geld, das ihm nach seinen Erfolgen zufliegt. Doch Dean kann dank seiner fast unlimitierten Finanzmittel hart kontern. Kerrys Finanzen dagegen stehen auf weit weniger solidem Boden. Kerry ist damit zum Siegen verdammt. Nur solange er auch Favorit bleibt, wird auch die Kasse stimmen. Somit könnte gerade die Favoritenrolle Kerrys zum Verhängnis werden, hat er doch nicht nur aufgrund von Organisation und Geld im Süden schlechtere Karten als bisher. Denn jetzt kommt auch die letzte Chance für die beiden Südstaatenkandidaten John Edwards und Wesley Clark. Selbst wenn sie sowohl Dean als auch Kerry Stimmen wegnehmen, trifft das Kerry härter als Dean, der schon ein gutes Abschneiden als Comeback verkaufen kann und damit in der langen Zeit vom 7. Februar bis zum “Super-Tuesday” die Nase wieder vorne hätte.

Weiterführende Links:

Dean for America

John Kerry for President


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