Joschka, komm nach Hause! Wir brauchen Dich.
Ein neuer Film ist in den deutschen Kinos: Agnes und seine Brüder von Oskar Roehler versteht sich als eine bewusste Abrechnung mit einer Generation
auf dem Ego-Trip. Lohnt sich ein Besuch? Von Konrad Kögler.
Ein neuer Film mit Katja
Riemann? Das ist doch bestimmt wieder so eine seichte, oberflächliche
Beziehungskomödie – wie damals, irgendwann tief in den Neunzigern, als unsere
Kinos von einer ganzen Lawine derartiger Stoffe überschwemmt wurden! Die
ist doch mittlerweile eher ein Fall für die Rubrik “Was macht eigentlich…?” als
für die Leinwand! Gut, sie spielte in dem Polit-Melodram Rosenstraße mit,
aber sonst ist es sehr still um sie geworden.
Den deutschen Film nach der
Jahrtausendwende repräsentieren andere: Der Shootingstar Daniel
Brühl überstrahlt spätestens seit Good
Bye, Lenin! alles und in der Trash-Ecke kommt niemand an den zotigen
Komödien von Bully
Herbig vorbei. Nach den mageren Jahren mit Katja Riemanns Stadtgespräch, Die
Apothekerin oder Der
bewegte Mann hat uns das Berliner X-Filme-Team seit Lola
rennt gezeigt, dass man auch mit deutschen Filmen einen anregenden
Kinoabend verbringen kann. Und jetzt taucht Katja Riemann ausgerechnet in einer
Produktion dieses Verleihs auf, der mit seiner unnachahmlichen Mischung aus
Tiefgang und Leichtigkeit gemeinhin als der erlösende Kontrapunkt zum Einheitsbrei
der Neunziger gilt? Klingt ziemlich bizarr! Aber genauso bizarr ist auch der
gesamte Film Agnes und seine Brüder.
Drei Lebenswege, drei
Schicksale, ein Schuldiger
Oskar
Roehler entfaltet ein schillerndes Panoptikum, das uns die sehr unterschiedlichen,
fiktiven Lebenswege von drei Brüdern vorstellt: Da wäre erstens der sexsüchtige
Uni-Bibliothekar Hans-Jörg (Moritz
Bleibtreu), der keine Studentin im Minirock an sich vorbeiziehen lassen
kann, ohne sie mit vor Gier sabbernden Röntgenaugen zu sezieren.
Da wäre zweitens der grüne Berufspolitiker
Werner (Herbert
Knaup), der sich in einem Zwei-Fronten-Krieg verkämpft: Er versucht seit
zehn Jahren, ein europaweites Dosenpfand durchzusetzen und telefoniert deshalb
verzweifelt einem gewissen Joschka in die USA hinterher, dass er ihn doch bitte
bei seinem wichtigen Anliegen mehr unterstützen möge. Was ein prominenter Politiker
selben Namens zu dieser – so viel sei verraten – im wahrsten Sinne des Wortes
nicht ganz stubenreinen Passage meint, ist der Redaktion bisher leider nicht
bekannt. Außerdem besteht Werners Ehe mit der hysterisch-zickigen Signe (Katja
Riemann) nur mehr auf dem Papier. Ihr Lebensmittelpunkt sind diverse Schönheitskuren
und esoterische Entspannungstherapien. Die Zärtlichkeit holt sie sich statt
von ihrem Angetrauten lieber von ihrem halbwüchsigen Sohn Ralf (Tom
Schilling). Der dritte im Bunde ist Agnes, formerly known as Martin, ein
transsexueller Tänzer (Martin
Weiß).
Sie alle stolpern orientierungslos
durch ihr Leben und suchen verzweifelt nach Halt. Die Schuld daran trägt letztlich
ihr “böser Vater” Günther, ein Alt-68er aus dem Bilderbuch mit wallenden, grauen
Haaren (Vadim
Glowna), der nach dem Tod seiner Frau im RAF-Gefängnis Stammheim mit seinem
Lebensgefährten Heinz in der ländlichen Idylle lebt.
Generation auf dem Ego-Trip
Der Regisseur Oskar Roehler
versteht seinen Film als bewusste Abrechnung mit einer Generation auf dem Ego-Trip,
die es zwischen all ihren Träumen von freier Liebe, Weltrevolution und dem “neuen
Menschen” versäumt hat, ihren Kindern die nötige Zuwendung und Geborgenheit
zu geben. Letztlich spiegelt sich in den erfundenen Figuren wohl Roehlers Verbitterung über
seine eigene Kindheit als Sohn einer engagierten Schriftstellerin.
Extreme Szenen – mutig
gespielt
Anders als bei seinem früheren
Film Die
Unberührbare beweist Roehler diesmal bei der Besetzung ein sehr glückliches
Händchen: Der damalige Film litt allzu sehr daran, dass er ganz auf Hannelore
Elsner zugeschnitten war, die einmal mehr mit ihrer Attitüde als “große
Künstlerin” kokettierte. Ihr ständiger “Oh mein Gott, was bin ich schön!”-Gestus
wirkt auf die Dauer ziemlich nervtötend und wurde von der Kabarettistin Luise
Kinseher brillant parodiert.
Dagegen ist die Ensembleleistung in Agnes und seine Brüder eine wahre
Wohltat. Besonders gelungen sind die Auftritte von Katja Riemann und Moritz Bleibtreu.
Riemanns divenhaft-neurotische Allüren als Politikergattin sind eine augenzwinkernde
Hommage an ihre Rollen aus den Neunzigern, die zum Stereotyp des beziehungsunfähigen
Großstadt-Singles erstarrten. Ihr selbstironischer Umgang mit dem eigenen Image
beweist einigen Mut. Noch mehr Courage zeigt allerdings Moritz Bleibtreu – auch
er ist ja ein Schauspieler, um den es nach Das
Experiment verdächtig ruhig zu werden drohte: Allein sein Outfit ist
eine wahre Augenweide. Seine Kleidungskombination ist an Geschmacklosigkeit kaum
zu überbieten und in der Form wohl nicht einmal im Berliner Problembezirk Neukölln
anzutreffen.
Der
Film besticht durch viele kleine, absurde Szenen, deren ambivalente Komik satirisch überhöht
und ins Extrem getrieben wird. Dabei geht die Doppelbödigkeit der Charaktere
allerdings nie verloren. Im Berliner Stadtmagazin tip wurde
Roehler bereits als der neue Fassbinder gefeiert.
Dieser Vergleich hinkt aber beträchtlich. Es stimmt zwar, dass Roehler sich
für die Figur der “Agnes” von einem unbekannteren Film des Altmeisters Rainer
Werner Fassbinder inspirieren ließ: In
einem Jahr mit dreizehn Monden, doch die Handschrift der beiden sehr
individualistischen Regisseure ist jedoch sehr unterschiedlich.
Der Film erinnert in seiner
satirischen Zuspitzung und in seiner bitteren Melancholie eher an die Romane
von Michel Houellebecq. Deshalb
ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass Roehler derzeit die Verfilmung
des Buches Elementarteilchen vorbereitet.
In manchen Passagen von Agnes und seine Brüder sind auch leichte Anklänge
an die Juwelen des amerikanischen Independent-Films spürbar, die Roehler sehr
schätzt. An Meisterwerke wie Eissturm von
Ang Lee und Happiness von
Todd Solondz reicht die deutsche Neuerscheinung zwar leider nicht heran. Auf
jeden Fall ist aber ein spannender Film entstanden, der die Zuschauer auf eine
skurrile, zweistündige Entdeckungsreise mitnimmt.
Agnes und seine Brüder
Deutschland 2004
Regie: Oskar Roehler
Darsteller: Moritz Bleibtreu,
Herbert Knaup, Martin Weiß, Katja Riemann, Tom Schilling, Vadim Glowna u.a.
115 Minuten
Kinostart: 14.10.2004
Weiterführende Links:
Über den Film: www.agnes-derfilm.de
Über die Filmproduktion: www.x-filme.de
Das Copyright des Bildes liegt
bei X-Filme.
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