Gewalt als Ökonomie

10. Mrz 2004 | von | Kategorie: Flucht und Asyl

Nach dem Ende des Kalten Krieges hat die Welt eine Reihe von bürgerkriegsähnlichen Konflikten refugees easttimor.jpgerlebt, die in ihrem Ausmaß blutiger und grausamer waren, als frühere Kriege. Die Sozialwissenschaft spricht von neuen Kriegen oder low intensity conflicts.

Solche Kriege haben bereits auf dem Balkan und in einigen afrikanischen Ländern, Ruanda etwa, stattgefunden. Sie zeichnen sich in erster Linie durch eine Privatisierung der Gewalt und zum Teil unmenschliche Grausamkeiten aus. Die Grenzen zwischen normalem Erwerbsleben und der Gewalt verschwimmen. Das Gewaltmonopol liegt nicht mehr beim Staat, vielmehr muss man fürchten von seinem Nachbarn umgebracht oder von paramilitärischen Verbänden verschleppt zu werden. Kriegsherren, Warlords, benutzen den Krieg, um sich selbst zu bereichern. Indem der Krieg sich irgendwann nur noch durch den Krieg ernährt, schwindet die Friedensperspektive. Die Soldaten erhalten keinen oder nur wenig Sold, sie werden zu „marodierenden Banden“, die sich einfach nehmen, was sie glauben zum Leben zu brauchen.

Gewaltmärkte

Der Krieg als Ökonomie ist ein verbrauchendes System. Der in der Literatur so genannte Gewaltmarkt produziert keine Güter er verbraucht sie nur. Deshalb „docken“ Kriegsökonomien mittels internationalem Schwarzmarkt, Frauenhandel und anderen illegalen Geschäften an die Globalisierung an. Sie machen sich die Grenzenlosigkeit des modernen Marktes zunutze, um noch zu profitieren, wenn die landeseigenen Ressourcen bereits aufgebraucht sind.

Besondere Bedeutung kommt den Flüchtlingslagern zu, die unweigerlich an den Rändern der Konfliktgebiete entstehen. Mit ihrem Auftreten kommen die Hilfsorganisationen ins Land, bringen Lebensmittel und Medikamente und liefern so gleichzeitig Nachschub für die Kriegsherren. Sie errichten „Zollstationen“ und lassen die humanitären Hilfskonvois erst passieren, wenn sie ihren Güterbedarf gedeckt haben.

Gleichzeitig dienen die Lager als Rekrutierungsstätte. Mit dem Versprechen auf materiellen Reichtum werden zumeist Jugendliche gelockt, deren Zukunftsperspektiven unter normalen Umständen Armut und Elend gewesen wären. Kindersoldaten sind ebenfalls Teil der Kriegsökonomie. Billig im Unterhalt und zumeist unbesoldet legen sie oft überraschende Grausamkeit an den Tag. Während des Krieges in Sierra Leone etwa sollen Kindersoldaten im Drogen- und Alkoholrausch ihren Spaß darin gefunden haben, völlig unbeteiligten Zivilisten mit ihren Buschmessern die Glieder abzuhacken. „Die Entscheidung darüber, welcher Körperteil bei welcher Person mit der Machete oder dem Beil abgetrennt wurde, soll in der letzten Phase dieses Horrors unter großer Gaudi durch Los entschieden worden sein.“, schreibt Peter Scholl-Latour in seinem Buch Afrikanische Totenklage.

Parastaatlichkeit

Die Kriegsherren errichten eine staatsähnliche Verwaltung, ohne jedoch staatliche Verpflichtungen einzugehen. Es entsteht eine Parastaatlichkeit, die sich festigt, je länger sie Zeit hat, sich auszubilden. Die Privatisierung der Gewalt manifestiert sich. Es gibt nichts Ziviles mehr. Jeder Jeep, jeder Wagen, jeder Pickup kann als Truppen- oder Waffentransporter verwendet werden. Low intensity conflcts müssen billig sein und die Vermischung zwischen öffentlich, privat und militärisch kommt dem entgegen. Das Überleben ist nur noch mit der Waffe in der Hand gesichert. In dem Maße, in dem Zukunftsperspektiven für das Individuum schwinden, wachsen auch die Schwierigkeiten zum Friedensschluss.

Anders als bei den Staatenkriegen des 19. und 20. Jahrhunderts gibt es keine Kriegserklärung und keinen Friedensschluss. Ohne strategisches Ziel, wird der Krieg selbst zum Zweck. Es herrscht kein ständiger Kriegszustand, nur die ständige, berechtigte Angst davor. Kampfhandlungen können zu jederzeit und überall wieder aufflammen und genauso schnell wieder verebben. Das was General von Clausewitz im 19. Jahrhundert als Konzentration der Kräfte in Zeit und Raum genannt hat, wird hier ins Gegenteil verkehrt.

Begrenztes Verständnis

Die internationale Gemeinschaft scheint nur begrenzt fähig zu sein, angemessen auf die neuen Kriege zu reagieren. Noch immer werden sie als Bürgerkriege gedacht. Sie verkennen, dass die Perspektive Bürgerkrieg immer auch die Noch-Existenz eines Staates umfasst. Denn das ist das Ziel der Teilnehmer an einem Bürgerkrieg, die Macht im Staat zu übernehmen, oder staatliche Strukturen zu verändern. Strategien also die auf den klassischen Bürgerkrieg fokussieren müssen ins Leere greifen. Die neuen Kriege kennen höchstens Parastaatlichkeit und das Ziel der Kombattanten ist nicht die Macht im Staat, sondern ökonomischer Erfolg.

Ethnizität

Im übrigen sind die ethnischen Unterschiede, die regelmäßig in so genannten ethnischen Säuberungen enden, weniger Ausdruck einer menschenverachtenden Fremdenfeindlichkeit. Hassgefühle gegenüber dem Fremden werden von den Initiatoren bewusst geschürt, um eine möglichst breite Anzahl von Menschen zu mobilisieren – als Kombattanten und als Flüchtlinge.

Vor allem die Europäer tragen besondere Verantwortung für viele der gescheiterten Staaten. Während der Kolonialzeit versuchten sie mit Gewalt ihre westliche Herrschaftsutopie zu exportieren und zerstörten dabei oft genug lokale gewachsene Herrschafts- und Gesellschaftsstrukturen, aus Unkenntnis oder Ignoranz heraus. Ruanda ist ein Beispiel dafür. Obwohl die Tutsi die Minderheit waren, stellten ihre Vertreter immer den Monarchen. Die ethnischen Unterschiede waren nebensächlich, „Mischehen“ an der Tagesordnung. Erst die Europäer schürten die ethnischen Unterschiede, bevorzugten die Tutsi von den Hutu und statteten sie mit einer nie gekannten Machtfülle aus. Seit seiner Unabhängigkeit ist Ruanda nie zur Ruhe gekommen. Der Völkermord in den 90er Jahren, bei dem binnen weniger Tage fast eine Million Menschen starben, lässt sich direkt auf die Kolonialzeit zurückführen.

Der Kalte Krieg hatte viele dieser schwelenden Konflikte eingedämmt oder ausgeblendet. Nach seinem Ende fehlten Erklärungsmuster und Konzepte. Das tun sie zum Teil bis heute. Medien und Politik begegnen den neuen Kriegen mit alten Denkmustern, zwängen sie in Strukturen des Bürgerkrieges und verstehen nicht, weshalb ihre Strategien nicht greifen.


Kindersoldaten in Konflikten

Rwanda the Genocide, Report von Human Rights Watch


Elwert, Georg: Gewaltmärkte Beobachtungen zur Zweckrationalität der Gewalt, in: Trotha, Trutz von (Hrsg.): Soziologie der Gewalt, Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 37, Opladen 1997.

Münkler, Herfried: Die neuen Kriege, Hamburg 2002.

Scholl-Latour, Peter: Afrikanische Totenklage, München 2001.


Das Copyright des Bildes liegt beim Foto-Service der Vereinten Nationen. Es zeigt Flüchtlinge in Ost-Timor.


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