Die Strippenzieher
Kay Müller und Franz Walter blicken in die Küchenkabinette der deutschen Bundeskanzler. Entstanden ist eine unterhaltsame Reise durch die Geschichte der Republik. Doch öffnen sich wirklich Geheimnisse? Von Bert Große
“Alle kennen sie. Nur die Verfassung nicht. In den Gesetzbüchern der Bundesrepublik
Deutschland findet sich kein Wort über die so genannten Küchenkabinette. Formal
sind sie nicht legitimiert. Und doch bestimmen sie zu einem guten Teil unseren
Regierungsalltag.”
Die beiden Autoren haben sich aufgemacht, die “Strippenzieher” der Republik
zu untersuchen. Was im ersten
informelle Beraterzirkel, in denen die politischen Entscheidungen offen und kontrovers diskutiert werden. Das so genannte Küchenkabinett bezeichnet den engsten Beraterkreis des Bundeskanzlers. Es dient der Koordinierung des politischen Tagesgeschäfts, vor allem aber der Mittel- und Langfristplanung.
Von Globke bis Steinmeier
Müller und Walter nähern sich der Fragestellung aus historischer Sicht. Kurze,
gut lesbare Übersichtsartikel kennzeichnen den Regierungsstil des jeweiligen
Bundeskanzlers. Vom misstrauischen Konrad Adenauer, über den “Philosophen” Kurt
Georg Kiesinger bis zum “pragmatischen Macher” Gerhard Schröder.
Biographische Skizzen der jeweiligen Berater und eine Einschätzung der Kräfteverhältnisse
komplettieren die Übersicht. Illustre Namen und heute fast vergessene Mitarbeiter
begegnen dem interessierten Leser. Hans Globke, Egon Bahr, Klaus Bölling oder Wolfgang Schäuble haben
den Regierungsstil “ihres” Kanzlers an prominenter Stelle mit geprägt. Weniger bekannt oder heute fast vergessen sind dagegen Felix von Eckardt, Ludger Westrick, Manfred Schüler oder Eduard Ackermann, die auf ihre Art ebenfalls maßgeblichen Einfluss ausübten.
Das Ende einer jeden Kanzlerschaft wird immer in Verbindung mit dem zugehörigen
Küchenkabinett gesehen. So führen die Autoren das Ende der Regierung Erhard
neben der Amtsmüdigkeit des Kanzlers auch darauf zurück, dass dem Beraterkreis
die Verbindung zu den anderen politischen Akteuren fehlte. Der Rest der ursprünglichen “Brigade
Erhard” um Ludger Westrick, Karl Hohmann und Alfred
Müller-Armack verbarrikadierte sich im Kanzleramt.
Das “Kleeblatt” um Helmut Schmidt, bestehend aus Kanzleramtschef Manfred Schüler,
Regierungssprecher Klaus Bölling, Referentin Marie Schlei und Hans-Jürgen “Ben Wisch” Wischnewski war nach der Bundestagswahl 1980 nicht mehr in der Lage, die politischen Fäden zusammen zu halten.
Im Falle des “ewigen Kanzlers” Helmut Kohl wird konstatiert, dass kritische Ratgeber wie Horst Teltschik oder Wolfgang Bergsdorf dem starrsinniger werdenden Regierungschef entflohen. Dem Küchenkabinett mangelte es damit an seiner zentralen Aufgabe: kritischer Reflexion.
Das ideale Küchenkabinett
Meist ist der Beraterkreis beim Kanzleramtschef angebunden. “Idealerweise sind die Mitarbeiter in einer institutionellen Stellung, haben persönlichen Zugang zum Kanzler, sind gut informiert, vertreten zuweilen andere Auffassungen.
Sie sind belastbar, ergänzen ihren Chef, weiten seine Perspektive, verstehen sich auf Machtkämpfe, sind organisatorisch stark, behalten den Überblick.” Die Autoren sehen in der relativ festen Zusammensetzung der Beraterkreise nicht nur ein Macht sicherndes Element. Entlang aller Regierungsmannschaften ließe sich nachweisen, dass Zusammenbruch und Machtablösung mit der Auflösung des Küchenkabinetts einherginge. Sei es, weil die Regierungschefs zum Ende ihrer Amtszeit keinen kritischen Ratschlag mehr duldeten, wie bei Adenauer oder Kohl, oder weil Ratgeber nach Jahren exzessiver Arbeit inhaltlich und gesundheitlich ausgebrannt waren. Beredtes Beispiel dafür ist das Ende der Ära Helmut Schmidt.
Spannende Lektüre, aber kaum politische Geheimnisse
Nun liegt es in der Natur der Sache, dass der politische Arkanbereich von außen nur schlecht eingesehen werden kann. Wenn die am Küchenkabinett Beteiligten sich einig sind, bleibt der interessierten Öffentlichkeit fast kein Zugang. Darin liegt auch der zentrale Mangel des Buches. Die ebenso detaillierte wie fundierte Auswertung der Sekundärliteratur – gut 700 Fußnoten auf 200 Seiten Text – reicht einfach nicht aus, um den Schleier des Verborgenen zu lüften.
Sollten außer Memoiren oder Artikeln aus der Tagespresse auch Interviews mit den (noch lebenden) Beteiligten zur Forschung genutzt worden sein, so fehlt zumindest jede Erwähnung. Außerdem ist es schlicht merkwürdig, wenn auch das Kapitel zum aktuellen Kanzler in der Vergangenheitsform daher kommt. Auch wenn der flüssige und unterhaltsame Text sicher für Wissenszuwachs sorgt, so gelingt der Einblick in den eigentlich spannenden Bereich doch nur zum Teil.
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Müller, Kay; Walter, Franz:
“Graue Eminenzen der Macht. Küchenkabinette in der deutschen Kanzlerdemokratie.
Von Adenauer bis Schröder”
VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 2004, 214 Seiten
19,90 Euro
ISBN 3-531-14348-5
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