Die Soziologie ist angekommen

09. Okt 2004 | von Jochen Groß | Kategorie: Wissenschaft

dgs_kongress_kleiner.jpgVergangene Woche beging die Deutsche Gesellschaft für Soziologie ihren 32. Kongress in München. Nicht erwähnenswert könnte man meinen, wenn eine mit sich selbst beschäftigte Disziplin wieder einmal an der Realität vorbeidiskutiert – doch in München zeigten sich Anzeichen eines Aufbruchs. Von Jochen Groß

 

Wissenschaft per se ist nicht besonders sexy für die Öffentlichkeit. Nichtsdestotrotz schaffen es einige Wissenschaftsdisziplinen sich laufend in die gesellschaftlichen Diskussionen einzubringen. Besonders beeindruckend hat die Ökonomik eine Nachhaltigkeit ihrer Disziplin in der Öffentlichkeitswirksamkeit durchgesetzt. Nicht nur die Wirtschaftsberichterstattung der großen Medien jongliert spielend, wenn auch nicht immer besonders kenntnisreich, mit den klassischen Ansätzen der Mikro- und Markoökonomie und selbst die Wirtschaftspolitik scheint blind den Eingaben der gerade einflussreichsten Strömungen blind zu folgen – war dies in den 60er und 70er Jahren maßgeblich der Keynesianismus, so folgt man heute fast weltweit einer modifizierten Neuauflage der neoklassischen Sichtweise, weitläufig unter Neo-Liberalismus geführt.

 

Sozialwissenschaft im Tiefschlaf

 

Nun ist jedoch in Wissenschaftskreisen die empirische Haltbarkeit der reinen ökonomischen Lehre längst nicht mehr umstritten, sondern schlicht widerlegt. Zudem ist es nicht die Ökonomik, die sich professionell der Erforschung des Sozialen verschrieben hat und soweit in gesellschaftliche Belange hineinreicht, wie es in der Debatte scheint, wenn sich Ökonomen äußern. Es wäre an den Sozialwissenschaften, allen voran der Soziologie, sich hier lautstark zu Wort zu melden und die eigenen Ansprüche anzumelden und auch die Kompetenzen offen zu legen. Die Soziologie hatte die Rolle einer gesellschaftspolitisch treibenden Kraft durchaus einmal inne – zu Zeiten der Studentenbewegung als Soziologen wie Adorno die intellektuelle Speerspitze sozialer Diskussionen bildeten. Mit dem Bedeutungsverlust der 68er-Bewegung ging auch das Verschwinden der Soziologie als relevante Stimme im öffentlichen Diskurs einher. Vielfach hängt ihr bis heute das linke Etikett am Revers, oder man konnte nur die inneren Streitereien einer mit sich selbst beschäftigten Disziplin wahrnehmen.

 

Das neue Selbstbewusstsein

 

Mit dem derzeit in München stattfindenden 32. Kongress der Soziologinnen und Soziologen ändert sich dies merklich. Nicht nur, dass es die Veranstalter geschafft haben, thematisch punktgenau den Nerv der Zeit, indem sie über "soziale Ungleichheit und kulturelle Differenzen" debattieren, nein, es ist auch ein neues Selbstbewusstsein der Disziplin zu spüren, wenn man diese Tage durch die gut gefüllten Säle der Ludwig-Maximilians-Universität. Nicht verstecken mag man sich mehr vor den Ökonomen, schließlich zeigt die von Prof. Jutta Allmendinger, Direktorin des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit, organisierte Podiumsdiskussion  zu den Hartz-Gesetzen eindrücklich, wie wenig die als Diskutanten geladenen Ökonomen und Juristen zum gesellschaftlich bedeutsamen Thema der Verteilungswirkungen der Gesetze beizutragen haben und dass sie auch durch empirischen Sachverstand (und nicht nur einen mächtigen Begriffsapparat) zu brillieren wissen. Damit ist aber nur ein thematischer Aspekt angesprochen, denn die Soziologie bricht derzeit aus vielen Ecken ihres breiten Themenspektrums in die öffentliche Debatte hinein. Hier überzeugen sie mit spannenden Fragen und theoretischen wie empirischen Analysen des Arbeitsmarktgeschehens oder der Bildungspolitik (Stichwort PISA). Anderswo bringen sie weniger ökonomisch als feuilletonistisch Globalisierung, Terror und lokale Umbrüche des Sozialen auf den Punkt und übernehmen damit die wichtige Impulsfunktion für den intellektuellen Diskurs, der in letzter Zeit stark verkommen schien.

 

Angekommen in der Mitte der Gesellschaft?

 

Die Anzeichen der Rückkehr der Soziologie in die Mitte des gesellschaftlich-intellektuellen Diskurses und damit an die Front der Meinungsbildung und Politikformulierung mehren sich jedoch nicht nur auf dem Kongress, auch die mediale Präsenz steigt. Gleich zwei Berichte im Wirtschaftsteil der Süddeutschen Zeitung am zweiten Kongresstag, eine große Medienpräsenz nicht nur bei der erwähnten Podiumsdiskussion und die steigende Zahl fachfremder Gäste auf dem Kongress belegen dies, wie Pressesprecherin Ursula Mühle unterstreicht. Die Soziologie vermag eine Lücke zu schließen, die etwa Ökonomen nicht füllen zu mögen und "soziale Ungleichheit und kulturelle Differenzen" überschreibt diese Lücke, denn damit tritt die Soziologie "unweigerlich in Kontakt mit den Gefühlen der Gesellschaft", wie es der Kasseler Soziologe Heinz Bude in der Süddeutschen Zeitung beschreibt. Gefühle, die in der Welt ökonomischer Fragestellungen nicht zu finden sind, bei gesellschaftlichen Analysen aber nicht fehlen dürfen. Trotzdem ist der Weg für die Soziologie zurück in den gesellschaftlichen Diskurs noch prekär, denn die inneren Spannungen – etwa zwischen Systemtheorie und ökonomisch beeinflusster Handlungstheorie – sind immer noch virulent und andere Disziplinen werden ihre bisherige Hoheit der Meinungsbildung sicher nicht widerstandslos aufgeben.


Weiterführende Links:

Homepage zum 32. Kongress der Deutschen Gesellschaft in München

Homepage der Deutschen Gesellschaft für Soziologie

Homepage des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung


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