Deutschland, deine Quote
Die Forderung nach einer Popquote für deutschsprachige Musik oder auch Musik aus Deutschland ist nicht neu. Mit zwei neuen Initiativen aus der Musikwirtschaft und seitens der Künstler gewinnt die Diskussion jedoch an Fahrt. Ein Kommentar zu einem unsinnigen Unterfangen. Von Jochen Groß.
Eine Quote für deutschsprachige Musik oder auch Musik aus Deutschland wird bereits seit Mitte der 90er Jahre, damals angeregt unter anderen von Heinz-Rudolf Kunze, regelmäßig zur Musikmesse PopKomm gefordert. Doch weil auch innerhalb der Künstler alles andere als Einigkeit herrschte und nicht wenige die Initiatoren in deutschschwiemeligen Ecken sahen, versandet die Forderung wieder. Dennoch wird sie als fortwährender Gähner der politischen Gäste der PopKomm alljährlich wieder aufgewärmt.
Neue Initiative, neues Glück?
Zuletzt war sich 2003 Ex-Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin nicht zu schade, mit Blick nach Frankreich erneut eine Quote zu fordern. Dieses Jahr sind es vor allem zwei Initiativen, die sich für mehr deutschsprachige Musik stark machen wollen. Die eine wird getragen von Musikerinnen und Musikern und firmiert entsprechend unter dem Namen “Musiker in eigener Sache”. Die andere Initiative wurde von der deutschen Musikwirtschaft ins Leben gerufen und nennt sich “50:50″.
Der Unterschied zu Kunze und Co. ist, dass “50:50″ und die “Musiker in eigener Sache” größere Chancen haben, ihre Forderung durchzusetzen. Denn heute kreist über den Initiatoren keineswegs mehr der Vorwurf der Deutschtümelei. Nein, vielmehr erfreuen sich die Vorstöße wachsender Unterstützung unter den Künstlern, als auch bei Spitzenpolitikern wie Antje Vollmer oder Wolfgang Thierse. Selbst im Bundestag fand am 29. September eine gemeinsame öffentliche Anhörung der Enquetekommission “Kultur in Deutschland” und des Ausschusses für Kultur und Medien zu diesem Thema statt.
“Wetten dass nicht …?”
Warum die Forderung zum jetzigen Zeitpunkt immer lauter wird, ist einfach zu beantworten: Der immense Erfolg deutscher Künstlerinnen und Künstler sorgt für die nötige Breitenwirkung. So schafft es die Popquote sogar zum Thema bei Thomas Gottschalks “Wetten Dass..?”, wo sich Yvonne Catterfeld und Udo Jürgens in den Armen liegend unter Beifall über die Chancenlosigkeit des deutschen Nachwuchses angesichts der Pop-Übermacht USA beschweren dürfen. Doch zu Unrecht! Wer konnte sich vor zehn Jahren vorstellen, dass etwa deutscher HipHop zum Erfolgsmodell wird und deren jugendliche Protagonisten Titelstorys im Stern abgreifen? Im Übrigen sind die Albumcharts momentan fest in deutschen Händen. Sieben der Top 10-Alben stammen aus Deutschland, fünf davon sind deutschsprachig.
Angesichts dieses Erfolgs und der offensichtlich zunehmendem Präsenz deutscher und auch deutschsprachiger Musik schürt dies den Verdacht einer gezielten Kampagne zur Sicherung eines weiteren regulierten Marktes zur Rettung der gebeutelten deutschen Musikindustrie nach merkantilistischem Muster. Und das in Zeiten, in denen der Zeitgeist politischer Reformen unter dem Zeichen neoliberaler Deregulierung steht.
Zielsetzung: unklar
Die breite Unterstützung der Kampagne scheint nicht nur vom Erfolg deutscher Künstler begünstigt, sondern auch daher zu rühren, dass weder die Macher noch diejenigen, die ihre Unterschrift für die “Musiker in eigener Sache” geleistet haben, so genau wissen, was denn eigentlich gefordert wird: eine Quote für deutschsprachige Musik oder für Musik aus Deutschland. Dass dies mehr als eine sprachliche Spitzfindigkeit ist, dürfte klar sein. Denn es ist keineswegs so, dass deutsche Produktionen so schlecht in Funk und Fernsehen repräsentiert wären, wie die ARD in ihrer Stellungnahme zur Aussprache in der Enquetekommission deutlich macht. Denken kann man hier an Sarah Connor oder Mousse T., die sich sicher nicht über mangelnde Rundfunkpräsenz beschweren können, oder aber auch an den aktuell Zweitplatzierten der deutschen Albumcharts: Gentleman, ein Kölner Wahljamaikaner, der mit seinem neuen Album vor drei Wochen von 0 auf 1 in die Charts eingestiegen ist – und zudem auf einem “urdeutschen” Label veröffentlicht, Four Music, das Label der Fantastischen Vier. Letztere haben gerade auch wieder ein neues Album vorgelegt, nach wochenlanger Heavy Rotation der ersten Singleauskoppelung “Troy” ist das Album direkt auf Platz 2 in die Charts eingestiegen.
Smudo, rappender Kopf der Schwaben, gehört übrigens ebenfalls zu den Unterzeichnern der Forderung – unverständlich, wenn es um deutschsprachige Musik gehen sollte, zumal die Fantastischen Vier vor langer Zeit mit englischen Raps angefangen haben und mit ihrem Label ein Erfolgsmodell schlechthin repräsentieren, das nicht nur deutschsprachige Künstler beheimatet. Die Initiatoren der Kampagne kennen diesen semantischen Unterschied zwischen “deutsch” und “deutschsprachig” offenbar nicht, oder verschleiern ihn bewusst. Ihre zentrale Forderung lautet: “Quote für Musik aus Deutschland” während auf der Homepage dies nur mit der “skandalösen Unterrepräsentation der Musik deutschsprachiger Künstler” untermauert wird. Durch diese Verschleierung der eigentlichen Absicht ist die Vielschichtigkeit der Unterzeichner sicher auch zu erklären. Da findet sich der, wenn, dann englischsprachig singende Jazzmusiker Till Brönner ebenso wie Alt-Rocker Wolfgang Niedecken oder Udo Lindenberg und die sicher noch mehr Erfolg durch steigenden deutschen Einheitsbrei witternden Yvonne Catterfeld oder Xavier Naidoo.
Wider den Einheitsbrei, für die Vielfalt und die Künstler?
Dass durch eine Quote die Vielfalt im Radio und Fernsehen gestärkt wird, wie es Nida-Rümelin auf der PopKomm 2003 in Einklang mit dem Phonoverband postulierte, ist indes kaum zu vermuten. Nicht die künstlerische Vielfalt wird anwachsen, sondern einzig der Anteil deutschsprachiger (oder in Deutschland produzierter) Musik.
Dass dies der (deutschen) Plattenindustrie zugute kommt, kann man sich denken, denn man weiß, dass viel Geld nur mit wenigen verdient wird. Folge wird ein Ansteigen von vorproduzierten Superstars sein, die qua Quote in den Airplay-Charts gehalten werden können (was nach deren Rechnung bei manipulierbaren Konsumenten zu hohen Verkaufszahlen führt) und bewährte Erfolgsbringer wie Yvonne Catterfeld, Wir Sind Helden oder die Sportfreunde Stiller werden einfach noch häufiger gespielt – nicht zuletzt auf Kosten anderer Künstler.
Anstelle von Vielfalt ist eine zunehmende Konzentration auf wenige erfolgsversprechende Künstler als Folge der Quotierung zu erwarten, da für die deutschen Künstler der Markt nicht größer wird, sondern nur hart umkämpfter, was in aufgeblähten Promotionbudgets für Einzelne endet und letztlich die Situation für den Nachwuchs keineswegs bessert.
Deutschland, quo vadis?
Trotz der verwirrenden Forderung ist klar, dass man mit gesetzlichen Regelungen keine zum Großteil sich selbst den Garaus machende Branche retten kann und auch nicht sollte. Denn weder Qualität noch Vielfalt lassen sich juristisch erzwingen, noch könnte dies eine Quote überhaupt erreichen. Am derzeitigen Erfolg deutscher Künstler und auch Labels wie Four Music sieht man, dass Konzepte mit Potenzial auch ohne Quotierung erfolgreich sind – unabhängig vom Herkunftsland und der dahinter stehenden Markmacht der Musikindustrie.
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