Absolutely American

15. Jan 2004 | von | Kategorie: Politisches Buch

Der amerikanische Journalist David Lipsky hat vier Jahre lang Kadetten der "West Point Academy” begleitet und seine Beobachtungen in einem Buch veröffentlicht. Von Michael Kolkmann.

Buch-CoverAls George Washington kurz vor seinem Tod im Jahre 1799 an Alexander Hamilton schrieb, dass “die Etablierung einer Militärakademie meiner Ansicht nach eine Priorität von allerhöchster nationaler Bedeutung” sei, war das der Beginn der United States Military Academy at West Point, die drei Jahre später ihren Dienst aufnahm und bis heute als Elite-Militärakademie gilt. Der Journalist David Lipsky, der seit vielen Jahren für das Musikmagazin Rolling Stone schreibt, ist der erste Journalist in der Geschichte der Academy, dem unbeschränkter Zugang zu allen Bereichen der Einrichtung gewährt wurde. Er konnte bleiben, so lange er wollte, besichtigen, was er wollte, und sprechen, mit wem er wollte – und das in einer Einrichtung, die der frühere Präsident Roosevelt einst als "absolutely american” bezeichnet hatte. Lipsky hat nun unter eben diesem Titel seine Beobachtungen als Buch publiziert.

Kadetten und ihre Vorbilder

Seit Gründung hat die etwa 50 Meilen nördlich von New York City gelegene Academy berühmte und bekannte Absolventen verzeichnet: die früheren Präsident Ulysses S. Grant (Abschlussjahrgang 1843) und Dwight Eisenhower (1915) gehören ebenso dazu wie die Generäle Douglas MacArthur (1903), Alexander Haig (1947) und H. Norman Schwarzkopf (1956), der spätere Coca-Cola-Boss John G. Hayes oder der spätere Astronaut Frank Borman (1950).

Eine Handvoll Kadetten hat Lipsky von 1998 bis 2002 begleitet, und zwar vom Anfang bis zum Ende, von der Einkleidung bis zur Abschlussfeier. Nicht alle Kadetten halten bis zum Schluss durch: durchschnittlich zehn Prozent von ihnen geben in den ersten Wochen auf, weitere zehn Prozent in der verbleibenden Zeit bis zur Abschlussprüfung. Das sind wenige im Vergleich mit den achtziger Jahren, als vierzig Prozent eines Jahrgangs vorzeitig ausgeschieden.

Vielfältige Herausforderungen

Dass so viele Kadetten die Anforderungen nicht schaffen, liegt daran, dass sie während ihrer Zeit in West Point gleich in drei Bereichen äußerst harten Prüfungen stellen müssen: im akademischen Bereich, in militärischen Fragen sowie bei den physischen Herausforderungen. So muss ein Student zweimal jährlich nachweisen, dass er in der Lage ist, 42 Liegestütze und 53 sit-ups in jeweils zwei Minuten zu machen sowie zwei Meilen in 15:54 Minuten zu laufen. Scheitert man in dieser Prüfung, darf man sie innerhalb weniger Wochen wiederholen. Scheitert man erneut, "trennt” sich die Academy vom Studenten, wie der Rausschmiss euphemistisch heisst.

Probleme und Perspektiven

Ausführlich schildert Lipsky in seinem Buch die massiven Nachwuchssorgen der Academy in den Jahren nach dem Ende des Kalten Krieges. Um so wichtiger war es für die Academy, Anreize für potenzielle Studenten zu schaffen, die über das rein Militärische hinausgehen. So erhalten die Studenten beispielsweise eine College-Ausbildung im Wert von 250.000 US-Dollar. Mindestens fünf Jahre müssen die Absolventen nach ihrer Abschlussprüfung in der Army dienen, bevor sie zurück ins zivile Leben wechseln können. In den letzten Jahren hat die Zahl derjenigen Absolventen, die ihr ganzes Leben lang in der Army verbleiben, signifikant abgenommen. Von der 1986er Abschlussklasse etwa dienen heute nur noch 30 Prozent der Absolventen in der Army.

Neue Generation an Absolventen

Von der Affinität, die frühere Generationen an Kadetten gegenüber dem Militär an sich zeigten, ist bei vielen Rekruten laut Lipsky nicht mehr viel zu spüren. Sie sehen die Army als Dienstleistungsbetrieb, dem sie nach Ableisten der fünfjährigen Pflichtzeit nichts schuldig zu sein meinen. Stattdessen können sie an der Wall Street ein Einstiegsgehalt von 120.000 US-Dollar verdienen. Auch in anderen Bereichen, etwa als Anwalt oder in Wirtschaftsunternehmen, sind die West-Point-Absolventen begehrt.

Weitreichende Veränderungen

Lipsky ist ein eindringliches Portrait der Eliteschule der US Army gelungen. Er berichtet von den Motivationen der Kadetten, ein solche Laufbahn zu wählen, begleitet sie in ihrem Alltag, beobachtet sie im Dienst und in ihrer Freizeit. Lipsky beschränkt sich aber nicht auf reine Beschreibung, sondern geht den Fragen nach, inwieweit die von der Academy traditionell symbolisierten Werte Gleichheit, Patriotismus und Ehre noch aktuell sind und welchen Stellenwert das Militär in der amerikanischen Gesellschaft hat.

Detailliert schildert Lipsky dabei die Entwicklungen, die die Academy in den letzten Jahren durchlaufen hat, beispielsweise den sukzessive steigenden Anteil an Frauen, denen erst seit 1976 der Zugang zur Academy erlaubt ist. Heute sind 15 Prozent der Studenten weiblich. Verändert hat sich die Academy laut Lipsky auch mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Seit diesem Zeitpunkt sind die Bewerberzahlen deutlich angestiegen. Konsequenterweise sind im aktuellen Jahrgang mehr Kadetten aufgenommen worden als jemals zuvor. Einige der letztjährigen Absolventen sind in den vergangenen Monaten im Irak getötet oder verletzt worden.

David Lipsky:

"Absolutely American. Four Years at West Point”,

Houghton Mifflin Company, New York 2003,

322 Seiten, 25 US-Dollar,

ISBN: 0-618-09542-X.

Das Copyright des Fotos liegt beim Internet-Angebot des Verlages, http://www.houghtonmifflinbooks.com.


Weiterführende Links:

West Polint Academy im Internet

 


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