Professorenleid: Vom Regen in die Traufe
Kürzungen an den Hochschulen bedeuten nicht nur schlechtere Studienbedingungen und den Wegfall ganzer Fächer. Auch der so genannte akademische Mittelbau ist besonders betroffen. Markus Kink hat mit Jungprofessor Jürgen Neyer gesprochen.
Nachwuchswissenschaftler sind gezwungen jede Stelle überall anzunehmen. Jürgen Neyer kann ein Lied davon singen. Der Berliner Politikwissenschaftler hat seit dem Wintersemester 2003/04 einen Vertretungslehrstuhl am Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaft (GSI). Er pendelt zwischen München und seiner Heimat Berlin, wo auch seine Familie sitzt.
Im Gespräch mit /e-politik.de/ zeigt sich der Politologe besorgt über die geplanten Kürzungen. Kritische Sozialwissenschaft sei wohl nicht immer im Sinne der Mächtigen, fügt er nachdenklich an, nachdem das Interview eigentlich schon vorbei ist.
/e-politik.de/: "Herr Professor Neyer, was hat sie von Berlin nach München verschlagen?"
Prof. Dr. Jürgen Neyer: "Wir haben in Berlin ja massive Stellenkürzungen, wahrscheinlich in einem Ausmaß, das das noch übersteigt, was auf München zukommt. Generell hat man als Nachwuchswissenschaftler derzeit gar nicht so die große Wahl. Man muss froh sein, überhaupt irgendwo unterzukommen.
Davon ganz abgesehen wäre München ein hochattraktiver Standort gewesen. Zu der Zeit als ich mich beworben hatte, stand die Idee im Raum, das ganze GSI grundsätzlich neu aufzubauen, die vakanten Stellen mit jungen Leuten zu besetzen, insgesamt sieben Professoren zu haben und als frisches Institut dazustehen, das die gesamte Palette der Politikwissenschaft abdeckt. Das sieht jetzt natürlich ein wenig anders aus."
/e-politik.de/: Man kann also nicht sagen, das GSI hätte anderswo einen schlechten Ruf gehabt.
Neyer: Es hatte keinesfalls den Ruf unproduktiv zu sein, im Gegenteil. Außerdem: Die Gelegenheit fünf Professuren neu zu besetzen wäre eigentlich eine riesen Chance für das Institut.
/e-politik.de/: Sie lehren Politische Ökonomie. Könnte man sich aus dieser Warte rationale Gründe für eine Bildungspolitik vorstellen wie sie in Bayern, aber auch anderswo derzeit betrieben wird?
Neyer: Der Trend geht allgemein dahin, Bildung als konsumtive Ausgabe zu betrachten, sowohl in Berlin, als auch hier in München. Diese ganze Idee ist absurd, Bildung ist keine konsumtive, sondern eine investive Ausgabe.
Gerade wenn man sparen möchte, wenn man den Haushalt konsolidieren möchte, wenn man ökonomisch mit Bildung umgehen möchte, dann kann es nicht der richtige Weg sein Bildung zu kürzen. Vielmehr müsste man konstruktiv investieren. Bildung ist ein Standortfaktor.
/e-politik.de/: Bildung also gleich Investition?
Neyer: Bildung ist vielleicht sogar der wichtigste Rohstoff, den wir in Deutschland überhaupt haben. Wenn es zutreffend ist, dass unsere Ökonomien sich von Industrie- zu Dienstleistungs- und Wissensgesellschaften entwickeln und wenn es weiterhin zutrifft, dass intellektuelles Kapital der entscheidende Produktionsfaktor ist, dann kann es nur sinnvoll sein, in Bildung zu investieren.
/e-politik.de/: Glauben Sie, dass die Situation für Lehrende und Lernende in Zukunft noch schlechter wird?
Neyer: Das ist natürlich spekulativ, aber ich glaube, dass an öffentlichen Unis weiter gekürzt wird und sich parallel dazu ein privatwirtschaftlich finanziertes Universitätssystem entwickelt, das auf Studiengebühren aufbaut und wo weiterhin fantastisch ausgebildet wird. In Bremen gilt dieses etwa für die International University Bremen und in Berlin wohl auch für die geplante School of Government. Das bedeutet zumindest für die nächste Studentengeneration, dass sie sich entscheiden müssen, ob sie zunächst Schulden machen wollen und dafür am Ende die Chance auf eine Stelle mit relativ hoher Vergütung haben wollen, oder ob ihnen eine nur mittelprächtige Ausbildung genügt. Ersteres müsste dann auch ein System beinhalten, in dem die Professoren verstärkt nach Leistung bezahlt würden, aber das ist ja auch heute schon der Trend.
/e-politik.de/: Glauben Sie, die Studenten können eine politische Entscheidung "herbeidemonstrieren"?
Neyer: Man sagt, dass in Zeiten, in denen die Verteilungskämpfe härter werden, dort gespart wird, wo der Widerstand am geringsten ist. Insofern wäre es das schlimmste, sich jetzt nicht auf die Hinterbeine zu stellen. Andererseits: protestiert wird überall, denn die Kürzungen betreffen fast alle Bereiche der Gesellschaft. Es besteht also durchaus die Gefahr, dass sich die Forderungen wechselseitig aufheben.
/e-politik.de/: München ist ja nicht die einzige Hochschulstadt mit Problemen. Die Berliner Unis, speziell das Otto-Suhr-Institut, Deutschlands größte politologische Einrichtung, sind ja auch von Kürzungen gebeutelt.
Neyer: Berlin ist eine einzige Katastrophe. Die erste Sparwelle Anfang der Neunziger hat zu einer Reduktion des Lehrpersonals um 30 Prozent geführt. Jetzt scheint es wieder neue Kürzungsmaßnahmen zu geben. Man geht davon aus, dass die jetzige Zahl von 21 Professoren um weitere 30 Prozent auf 14 reduziert werden soll. Im Kontext aller drei Berliner Universitäten spricht man davon, 240 Professorenstellen zu kürzen und etwa 10.000 Studienplätze zu streichen.
/e-politik.de/: Wie sieht Ihre persönliche Perspektive nach dem Kahlschlag aus?
Neyer: Das wird so aussehen, dass ich ein erhöhtes Maß an Flexibilität an den Tag legen muss. Das bedeutet im Umkehrschluss ein völliges Wegfallen der Freiheit sich für oder gegen eine Stelle zu entscheiden. Letztlich muss man für alle Angebote offen sein. 100 Prozent flexibel, 100 Prozent ortsungebunden, das bedeutet es für mich, aber auch für meine Familie
/e-politik.de/: Würden Sie jungen Hochschulabsolventen raten, in die Wissenschaft zu gehen?
Neyer: Ich würde Ihnen raten, es sich sehr gut zu überlegen. Wissenschaft ist reizvoll und verspricht viel Freiheit und intellektuelle Befriedigung. Sie verlangt aber auch ein zunehmend hohes Maß an Flexibilität und setzt eine ebenso hohe berufliche Risikobereitschaft voraus.
Prof. Dr. Neyer lehrt Internationale Politische Ökonomie. Sein aktuelles Forschungsprojekt trägt den Titel "Entwicklung einer internationalen Regierungslehre".
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