Die Party ist vorbei
Am Freitag will Bundeskanzler Gerhard Schröder sich erklären. Das ist seine letzte Chance, sagt Nikolaus Röttger. Ein Essay über die Party, die schon lange vorbei ist.
Gestern war das Leben eine Party. Es war sehr schön. Wir sind viel weggegangen. Wir haben geliebt und getanzt. Wir haben getrunken und gefeiert. Wir haben bei GAP, H&M, Diesel und Levis eingekauft. Unser Auto war der Golf. Und die Welt gehörte uns. So haben sie uns beschrieben und nannten uns die Spaßgeneration.
Vielleicht hatten sie mit manchen Dingen sogar Recht. Die Welt schien gut und feiernswert. Man nahm sich auf der Berliner Mauer in den Arm. Es verschwand die Angst vor dem Feind im Osten oder im Westen. Europa wuchs zusammen. Und sie erzählten uns von blühenden Landschaften.
Das Internet kam, wir trafen uns mit virtuellen Freunden. Verschickten Emails in die ganze Welt, aus virtuellen wurden echte Freunde. Und sie sprachen von der Revolution des Internets, das alles noch besser und lebenswerter machen würde.
Der Wirtschaftsboom der New Economy kam. Es gab massenweise Jobs. Mit ein bisschen Glück war man nicht nur im Internet und im Mobilfunk zuhause, sondern gleich Vorstandsvorsitzender des eigenen Unternehmens, das schon bald Millionen von Umsatz machen sollte. Viele hatten einen Porsche. Die Welt wurde reich. Und sie sagten, das würde so weitergehen.
Allein am dreckigen Küchentisch
Irgendwie verpassten wir den richtigen Augenblick, um vom Fest nach Hause zu gehen. Und dann kann aus der schönsten Party ein unangenehmer Abend werden. Es fängt mit leichten Kopfschmerzen an. Das schönste Mädchen knutscht plötzlich mit dem größten Deppen. Und man sitzt allein am dreckigen Küchentisch mit seiner Flasche Bier.
So fühlten wir uns Mitte der 90er Jahre. Alles war sehr behäbig. Seitdem wir denken konnten, saß Helmut Kohl auf unseren Schultern. Der Papst war Johannes Paul II. und war immer noch gegen Kondome und die Pille. Wir schüttelten den Kopf, nahmen uns ein Bier und gingen auf die Love Parade. Und protestierten gegen die Welt auf unsere Art. Denn das hatten sie vergessen: Party war Protest. Gegen die Politik. Mit Kondom.
1998 reichte es. Kohl musste gehen. Und wir hofften, dass nicht alles anders, aber doch vieles besser werde. Nicht, weil nun SPD und Grüne am Start waren, sondern weil wir Neues wollten.
Blühende Landschaften blieben aus
Das war alles gestern. An morgen haben wir nicht gedacht. Bis der Morgen nach der Party kam. Plötzlich wachten wir auf und merkten, dass es anders war, als man uns erzählt hatte. Die Landschaften blühten nicht. Das Internet ist keine Revolution. Reich sind wir auch nicht. Schluss mit lustig.
Wir begreifen: Die Politik hat uns jahrzehntelang betrogen. Die CDU hatte einen fetten Spendenskandal am Hals. Kohl ist sein Ehrenwort wichtiger als das Gesetz. Und wir können nichts machen. Wir dachten, nur die CDU habe ihren Spendenskandal, die CSU ihre Amigoaffären. In Köln war es später die SPD. Politik wird gekauft. Ach ja, und Roland Koch ist ein Lügner, aber hat die Wahl trotzdem wieder gewonnen.
Der Kosovokrieg kam und Deutschland zog in den Krieg. Die Welt war nicht mehr gut. Deutsche Soldaten starben. Unsere Friedenspolitiker von den Grünen schickten zusammen mit der SPD Bomben. Was außenpolitisch richtig war, stellte alle pazifistischen Grundsätze in Frage. Wem konnten wir noch glauben?
Als wir in Genua protestierten, starb Carlo Giuliani. Italien, ein demokratischer Staat in der Mitte Europas, beugte das Recht. Polizisten behandelten friedliche Demonstranten wie Dreck.
Stell dir vor, es ist Krieg …
Am 11. September 2001 rasten zwei Flugzeuge in das World Trade Center: Über 3.000 Tote. Wir hatten Angst. Vor den Terroristen. Vor der Reaktion der USA. Vor Atombomben. Unsere Großeltern erzählten von damals und gleichzeitig fanden wir terroristische Schläfer mitten in Deutschland. Wenig später schmissen die USA Daisy Cutter auf afghanische Berge, Bomben, die alles im Umkreis von 500 Metern töten. Und US-Präsident George W. Bush definierte die Achse des Bösen: Nordkorea, Irak, Iran.
Die Börsen waren schon lange zusammengebrochen. Die Arbeitslosigkeit sank nicht. 1998 versprach uns Schröder die Zahl der Arbeitslosen auf 3,5 Millionen zu senken. Nach offiziellen Statistiken sind inzwischen fast 4,7 Millionen Menschen ohne Arbeit. Inoffiziell sind es noch mehr.
Heute stehen wir kurz vor einem Krieg. Die USA werden den Irak angreifen. Lieber mit, notfalls wahrscheinlich auch ohne UN-Mandat. Bundeskanzler Schröder sagte im Wahlkampf Nein zum Krieg. Was wir richtig fanden. Denn wir sind in Frieden aufgewachsen und wollen Frieden. Keiner von uns ist für Gewalt. Was viele nicht richtig finden, ist, wie Schröder sich in der Diplomatie verhalten hat – nämlich sehr undiplomatisch, ja tölpelhaft.
Vor einem halben Jahr bekam Schröder eine zweite Chance. Noch mal wurde er ins Amt gewählt. Jetzt – nach viereinhalb Jahren ohne wirtschaftspolitischen Erfolg, aber mit vielen Konsensrunden, und ein halbes Jahr nach seinem zweiten Amtsantritt – will der Kanzler sich endlich erklären. Endlich will er sagen, wie er den wirtschaftspolitischen Karren aus dem Dreck ziehen will. Es ist Schröders letzte Chance.
Wir wollen, dass sich etwas ändert
Zwei Dinge müssen passieren. Erstens: Schröder muss uns klare Perspektiven geben und einen Weg zeigen. Zweitens muss er seine Reformideen umsetzen. Schnell. Das ist sein Job. Wir wollen keine Ausflüchte mehr hören. Wir wollen keine Konsensrunden mehr. Wir wollen keine Wahlkämpfe und inszenierte Politik mehr. Wir wollen, dass Politik wieder von Politikern gemacht wird. Wir wollen, dass sich etwas ändert.
Sie nennen uns noch immer die Spaßgeneration, die sich für Politik nicht interessiere, und vergessen dabei, dass der Spaß schon lange vorbei. Wir sind nicht politikverdrossen. Wir sind enttäuscht von Parteien und Politikern. Sie haben versprochen – und nichts gehalten.
Wir wissen nun schon sehr lange, dass die Party vorbei ist. Wir waren die ersten, die nach der Schule oder nach der Uni keinen Job bekommen haben. Die, die schon eine Ich-AG hatten, bevor dieses Unwort überhaupt erfunden wurde. Wir wissen, dass wir aus der Rentenkasse sowieso kein Geld mehr bekommen. Wir wissen, dass man auch privat vorsorgen muss. Dass die Lohnnebenkosten runter müssen. Dass die Arbeitslosen- und Sozialhilfe reformiert werden muss. Dass mehr Geld in die Bildung muss. Dass wir trotzdem sparen müssen. Dass das Gesundheitssystem kollabiert, wenn sich nicht schnell etwas ändert. Und dass sich sehr viel ändern muss, wissen wir auch. Jetzt muss das Chaos nach der Party aufgeräumt werden. Die leeren Bierflaschen müssen weggebracht, der Boden gewischt und vielleicht sogar ein neuer Teppich verlegt werden. Nur Abspülen reicht nicht.
Am Freitag ist Schröders letzte Chance. Denn von untätigen Politikern lassen wir uns unsere Zukunft nicht mehr nehmen. So wie wir feiern konnten, können wir die leeren Flaschen nämlich auch wieder raustragen.
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