Die Mär vom Bär
Es gibt einen einfachen Unterschied zwischen Amerikanern und Europäern, behauptet Robert Kagan in seinem neuesten Buch Macht und Ohnmacht. Florian Baumann hat es gelesen.
Der Schriftsteller John Gray hat einmal behauptet, Frauen kommen von der Venus und Männer vom Mars. Deswegen verstehen beide Geschlechter einander auch nicht. Ähnliches gilt wohl für Amerika und Europa, zumindest für “Old Europe”. Glaubt man dem amerikanischen Politologen Robert Kagan, dann stammen seine Landsleute vom Mars und die Europäer von der Venus – natürlich nur sinnbildlich. Seit dem Konflikt über die Vorgehensweise im Irak ist offensichtlich, was schon länger im Verborgenen gärte. Europa und Amerika mögen vielleicht die selben Ziele verfolgen. Aber über den Weg, diese zu erreichen, herrscht Uneinigkeit. Frankreich und ein neues, selbstbewussteres Deutschland forcieren eine starke europäische Position, notfalls auch gegen die USA.
Fabelhafte Außenpolitik
Kagans Erklärung für diese Differenzen ist denkbar einfach: unterschiedliche Ideologien. Während die Europäer noch den Traum vom Kantschen Friedensbund zu verwirklichen suchen, haben die Amerikaner erkannt, dass die Welt nach “Hobbes'schen Regeln” funktioniert. Hinzu kommt, dass Europa gar nicht über die Mittel verfügt, um Machtpolitik zu betreiben. Nur mit einem Messer bewaffnet, flieht es vor einem Bären, auf den es zufällig trifft. Amerika hingegen, das Gewehr immer griffbereit, stellt sich der Bedrohung. Für Robert Kagan wird internationale Politik von drei Faktoren beeinflusst: Ideologie, (militärischer) Macht und historischen Erfahrungen.
Amerika, der sanfte Riese
Auf den ersten Blick mag Kagans These schlüssig erscheinen. Einer genaueren Betrachtung hält sie jedoch nicht stand. So behauptet er beispielsweise, dass die Rolle der USA als “Weltpolizist” nicht aus reinem Eigeninteresse verfolgt werde. Vielmehr sei das Wohl der gesamten Menschheit erklärtes Ziel der amerikanischen Außenpolitik. Als abschreckendes Exempel wird dafür mehrfach die Appeasement-Politik vor dem zweiten Weltkrieg genannt. Nach der einfachen Formel “Saddam & Co gleich Hitler” ließe sich so nahezu jede bisherige und zukünftige militärische Intervention der Amerikaner rechtfertigen.
Feige Europäer
Kagan übersieht weitere, ganz entscheidende Punkte. Die europäischen Kriegsgegner haben sich nicht aus Feigheit oder auf Grund fehlender Mittel dem Irak Krieg verweigert. Deutschland und Frankreich – und mit ihnen viele andere – haben nur die Bedrohung, die von Saddam Hussein ausging, anders bewertet. Als Vorwurf an die Europäer formuliert er, dass sie – im Gegensatz zu den Amerikanern – keine koordinierte Außenpolitik betreiben. Die Tatsache, dass es sich bei der EU im einen Verbund relativ souveräner Einzelstaaten handelt wird vom Autor dabei ignoriert.
Kant oder Hobbes?
Zu den bereits erwähnten Fehlern kommt ein ganz entscheidender hinzu. Es ist wohl richtig, dass Europa aus dem zeitgeschichtlichen Kontext heraus außenpolitische Probleme anders bewertet, als die USA. Auch der Amerikanische Vorsprung im Bereich der Waffentechnik spielt mit Sicherheit eine Rolle. Aber Kagan übersieht dabei, dass Macht, beziehungsweise deren Ausübung, kein Allheilmittel ist. Macht und Ohnmacht liefert etliche Interessante Ansätze zur Beurteilung der aktuellen außenpolitischen Perzeptionen. Als Lehrbuch für internationale Politik kann es auf Grund der zahlreichen Fehler jedoch nicht gesehen werden.
Robert Kagan: “Macht und Ohnmacht”, 128 Seiten, 16 Euro, Siedler-Verlag, Berlin/München 2003, ISBN 3-88680-794-0.
Copyright des Bildes liegt beim Internet-Angebot des Siedler-Verlages, http://www.siedler-verlag.de.
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