Nachbarn – der Mord an den Juden von Jedwabne

27. Feb 2002 | von | Kategorie: Politisches Buch

Mit seinem Buch rief der polnische Historiker Jan T. Gross in Polen eine heftige Kontroverse um das Geschichtsbild Polens während des 2. Weltkrieges hervor. Von Thomas Mehlhausen.

Jan Tomasz Gross ist Professor für Politik und Europäische Studien an der New York University. Er hat neben anderen das Buch “Revolution from Abroad: Soviet Conquest of Poland´s Western Ukraine and Western Belorussia” (1988) geschrieben.

 

Das Anliegen des Autors

Gross betrachtet dieses Buch als “eine Herausforderung an die übliche Geschichtsschreibung des Zweiten Weltkriegs”, der zufolge die polnische Bevölkerung nur in der Opferrolle gesehen wird. Gross versucht, die in Polen gängige Geschichtsauffassung zu widerlegen, die Judenverfolgung sei während der deutschen Besatzung ausschließlich von Deutschen betrieben worden. Er dokumentiert mit akribischer Genauigkeit am Beispiel des Progroms in Jedwabne am 10.Juli 1942, wie polnische Bewohner ihre jüdischen Nachbarn aus eigenem Antrieb auf bestialische Weise ermordeten. Gross betont mehrfach, dass die notwendige Bedingung dieser menschlichen Katastrophe zweifellos der Einmarsch der Deutschen gewesen sei. In einem gesonderten Kapitel der deutschen Ausgabe gibt er den deutschen Lesern zu Bedenken, dass dieses Buch in keiner Weise die Dimension der Grausamkeit des von den Deutschen betriebenen Holocausts relativiere oder als Entlastung empfunden werden soll.

Das Progrom

 

Jedwabne ist ein Städtchen im Nordosten Polens, dessen jüdischer Bevölkerungsanteil vor dem Krieg ca. 60% betrug. Nach kurzer Besetzung der Deutschen geriet es bis zum deutschen Überfall auf die Sowjetunion für 20 Monate gemäß des Geheimprotokolls des Hitler-Stalin-Pakts unter sowjetische Besatzung. Mit dem Einmarsch der Deutschen am 22.Juni 1941 kam es zu zahlreichen Plünderungen, Demütigungen und Übergriffen der nichtjüdischen Polen auf ihre jüdischen Nachbarn, die in der “effizienten” Lösung der Verbrennung von beinahe der gesamten jüdischen Bevölkerung in einer Scheune tragisch gipfelte. Überwacht und dokumentiert wurde es von Deutschen, doch “es entbehrt nicht an Ironie, dass der deutsche Gendarmerieposten für die Juden an diesem Tag der sicherste Ort in der Stadt war, denn einige überlebten nur deshalb, weil sie sich zur fraglichen Zeit zufällig dort befanden”. Auch die Kirche, in Jedwabne repräsentiert durch den Ortspfarrer, der “nichts Gutes über die Juden sagen könne”, verweigerte der bedrohten jüdischen Bevölkerung jegliche Unterstützung.

 

Das Täterprofil

Gross beschreibt die Täter als “ganz gewöhnliche Männer” in Bezug auf Alter und Beruf. Es waren Zivilisten, keine unter Befehl stehenden Uniformierten, die aus freien Stücken ihre Nachbarn massakrierten. Fast die Hälfte der erwachsenen, nichtjüdischen Männer des Städtchens war an dem Progrom aktiv beteiligt. Andere – erschreckend und unfassbar zugleich – wohnten lachend dem Massaker bei!

Als Motive werden neben dem in Polen damals weit verbreiteten Antisemitismus die angebliche, jedoch empirisch widerlegte, verstärkte Kollaboration der Juden mit den Sowjets genannt. Nicht zu unterschätzen ist dabei die antisemitische Indoktrination des reaktionären Klerus, der die Juden stets nur als Mörder Jesu Christi diffamierten.

 

Als weitere Motive seien auch die persönliche Bereicherung am jüdischen Eigentum denkbar sowie die Bestrebung, sich bei den neuen Herrschern lieb Kind zu machen. Als unbedingte Vorbedingung seien jedoch die Verrohung der zwischenmenschlichen Beziehungen anzusehen sowie die Demoralisierung und der Freibrief der Deutschen zur Gewaltanwendung.

 

Die aktuelle Debatte

Sein Buch löste mit seinem Erscheinen im Mai 2000 in Polen heftige Reaktionen aus. Die offizielle Entschuldigung des polnischen Präsidenten Kwasniewski für jene Verbrechen in Jedwabne stellte öffentlich eine der wichtigsten Prämissen der polnischen Geschichtsschreibung in Frage: die ausschließliche Opferrolle während des 2. Weltkrieges. Gross hat mit seinem Buch einen sensiblen Nerv getroffen und damit eine Debatte ausgelöst, die möglicherweise mit dem “Historikerstreit” in Deutschland zu vergleichen ist

“Nachbarn” liest sich flüssig und versetzt den Leser durch Augenzeugenberichte und zahlreiche Details in die beklemmende Position des unmittelbaren Beobachter.

 

Jan T. Gross: "Nachbarn – der Mord an den Juden von Jedwabne"

Verlag C.H.Beck, München, 2001, 196 Seiten

18,50 EURO

ISBN: 3406482333


Weiterführende Links:

Berliner Zeitung über die Reaktion der Kirche


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