Kampf der Giganten?

14. Mrz 2002 | von Thomas Mehlhausen | Kategorie: Russland

Putin&Beresowski.jpgDer russische Oligarch Boris Beresowskij will Beweise dafür liefern, dass der russische Geheimdienst FSB für die blutigen Bombenanschläge im September 1999 in Moskau verantwortlich ist. Eine leere Drohung? Thomas Mehlhausen analysiert.

Diese offene Kampfansage könnte der Höhepunkt eines langen Krieges zwischen dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und dem russischen Medienmogul und Milliardär Boris Beresowskij werden.

Im September 1999 starben in einer Serie von Bombenanschläge in Moskau und in anderen russischen Städten binnen weniger Tage fast 300 Menschen. Der damalige Premier Wladimir Putin machte tschetschenische Terroristen dafür verantwortlich und nutze die Gelegenheit, um den stark umstrittenen Krieg in Tschetschenien wiederaufleben zu lassen.

Schon früh wurden Zweifel an der offiziellen Sichtweise des Kreml laut. Auch die Theorie, der russische Geheimdienst FSB stecke hinter diesen Anschlägen, ist nicht neu. Doch nun will Beresowskij Beweise liefern.

Beresowskij – vom mittellosen Wissenschaftler zum mächtigen MilliardärBoris Beresowskij ist habilitierter Mathematiker. 1989 stieg er in den Autohandel ein, einer der kriminellsten Sektoren der postsowjetischen Wirtschaft, indem er das russisch-schweizerische Joint-Venture LogoVAZ gründete. Im Laufe der kommenden Jahre stieg er von einem mittellosen Wissenschaftler auf dubiosen Wegen zu einem der mächtigsten und reichsten Männern Rußlands auf – nichtzuletzt durch fragwürdige Kontakte mit der tschetschenischen Mafia.

In dieser Zeit entstand auch eine Erzfeindschaft zwischen Beresowskij und seinem Konkurrenten, dem Medienmogul Wladimir Gussinskij. Für den Wahlkampf Jelzins 1996 jedoch legten sie ihre Feindschaft für kurze Zeit nieder. Während Beresowskij vier Jahre später im Gegensatz zu Gussinskij auf das richtige Pferd setzte und den Präsidentschaftskandidaten Putin unterstützte, wurde Gussinskij nach dessen Wahl wegen Betrugs verhaftet, konnte aber kurz nach seiner Freilassung ins Ausland fliehen.

Das gleiche Schicksal scheint nun Beresowskij ereilt zu haben. Er steht auf der nationalen Fahndungsliste und befindet sich im Großbritannien. Sein Sender TV6 wurde ebenso geschlossen wie der Sender NTV von Gussinskij. Jetzt schloß sich Beresowskij erneut mit seinem Erzrivalen Gussinskij zusammen, um gemeinsam aus dem Ausland gegen Putin anzukämpfen.

Putin – vom KGB-Offizier zum Präsidenten Sollte er seine Behauptung beweisen können, dürfte es Putin in arge Erklärungsnot bringen. Putin ist, bekanntermaßen ein alter KGB-Kader, diente sich nach der Perestroika stetig nach oben. Bis kurz vor den ersten Bombenanschlägen war er von Juli 1998 bis August 1999 Direktor des Inlandsgeheimdienstes FSB, der Organisation, die Beresowskij nun der Planung jener Anschläge auf Moskauer Wohnhäuser im September 1999 bezichtigt. Sein Nachfolger Nikolai Patruschew ist ein enger Vertrauter Putins. Er rückte stets auf die Ämter, die vorher Putin inne hatte.

Der frisch gewählte Premierminister Putin sah hinter der Serie von Anschlägen auf Wohnhäuser in Moskau und in anderen Städten als Drahtzieher kaukasische Terroristen, die er in Tschetschenien vermutete. Putin befürwortete stets ein hartes militärisches Eingreifen und nutzte den Tschetschenienkrieg ohne Zweifel sehr geschickt aus. Der bis dato recht unbekannte Putin führte damit einen überraschend erfolgreichen Wahlkampf, in dem er sich als starker Mann profilierte. Zwar sind die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen, doch bisher befindet sich unter den bisher Festgenommenen kein einziger Tschetschene.

Rachefeldzug oder Verschwörungstheorie? Politisch profitierte Putin also zweifelsohne von diesen Anschlägen. Doch die Anschuldigung Beresowskijs könnte genauso nur eine trotzige Reaktion eines Verbitterten sein, der sich mit allen Mitteln an dem undankbaren Präsidenten rächen und seiner Glaubwürdigkeit und hohem Ansehen schaden wollte. Schließlich war Beresowskij selbst kurz nach den Anschlägen durch Kontakte mit tschetschenischen Politikern wie dem radikal-moslemischen Ideologen Mowladi Udugow in Bedrängnis geraten.


Bild: Das Copyright liegt bei www.moskau.ru


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