Die “Fast Food”-Gesellschaft

05. Sep 2002 | von | Kategorie: Politisches Buch

fastfood.jpgMehr als 110 Milliarden Dollar haben die US-Bürger im Jahre 2000 für Fast Food ausgegeben, jeden Tag besucht ein Viertel der US-Bevölkerung ein Fast-Food-Restaurant. Der amerikanische Journalist Eric Schlosser widmet sich in seinem neuen Buch der “Fast Food”-Industrie in den USA. Michael Kolkmann hat sein Buch gelesen.

 

Als Carl N. Karcher sich im Jahre 1941 311 Dollar lieh, um in Südkalifornien einen gebrauchten Hotdog-Stand zu kaufen, konnte niemand ahnen, dass damit der Grundstein gelegt wurde für ein Unternehmen, das in den 1990er Jahren selbst Coca-Cola im weltweiten Bekanntheitsgrad übertreffen sollte: McDonald's. Karcher war Teil einer ganzen Reihe von jungen Entrepreneuren von “Schnellköchen, Waisen und Aussteigern, unverbrüchlichen Optimisten, die ein Stück vom großen Kuchen abhaben wollten”. Aus einigen kleinen, zunächst regionalen Unternehmen entstand eine Fast-Food-Industrie, die zu einem wichtigen Bestandteil der amerikanischen Wirtschaft wurde.

Wirtschaftsfaktor Fast Food

Mehr als 110 Milliarden Dollar haben die US-Bürger im Jahre 2000 für Fast Food ausgegeben, jeden Tag besucht ein Viertel der US-Bevölkerung ein Fast-Food-Restaurant. Im Focus steht dabei automatisch die größte Fast-Food-Kette der Welt: 28.000 Restaurants betreibt McDonald's derzeit weltweit, und jedes Jahr kommen 2000 neue Restaurants hinzu. Heute gibt es kaum einen Lebensbereich, in dem man auf die goldenen Doppelbögen von McDonald's verzichten muss: McDonald's Restaurants finden sich in den USA in Stadien und Flughäfen, Zoos und Universitäten, Tankstellen und sogar in den Cafeterien von Krankenhäusern. Immerhin 30 Prozent der staatlichen High Schools bieten in ihren Cafeterien Fast Food der großen Markenunternehmen an. Welche Bedeutung McDonald's für die amerikanische Volkswirtschaft spielt, wird an zwei Zahlen deutlich: Etwa eine Million Mitarbeiter stellt McDonald's jedes Jahr neu ein; man schätzt, dass einer von acht Werktätigen in den USA irgendwann einmal bei McDonald's beschäftigt war. Der Begriff der “McDonaldisierung Amerikas” (Jim Hightower) hat Schule gemacht.

Umfassender Ansatz

In seinem Buch “Fast Food Gesellschaft” erzählt der Journalist Eric Schlosser die Geschichte der amerikanischen Fast-Food-Industrie. Das Buch basiert auf dreijährigen Recherchen, die Schlosser ursprünglich für das Musikmagazin Rolling Stone durchführte. Schon bald wurde ihm jedoch klar, dass die Ergebnisse seiner Studie den Umfang der ursprünglich geplanten zwei Artikel weit übersteigen würde. Letztendlich handelt das Buch nämlich nicht nur von der Fast-Food-Industrie, sondern weitet sich unter der Hand zu einer detaillierten Beschreibung der amerikanischen Wirtschaft aus. So erzählt Schlosser die Geschichte der ersten Fast-Food-Restaurants und ihrer Besitzer, besucht Zulieferbetriebe und Kartoffelbauern im Mittleren Westen, beschreibt die Lebensmittel-Lobby in Washington, spricht mit Wissenschaftlern, kurz: “in diesem Buch geht es um Fast Food, um die Werte, die es verkörpert, und um die Welt, die es geschaffen hat … denn die Revolution der Fast-Food-Industrie veränderte nicht nur die Ernährung der Amerikaner, sondern auch ihre Umwelt, Wirtschaft, Arbeitsbedingungen und Populärkultur”.

Suche nach Ursachen

Schlosser ist sich jedoch bei aller Kritik im klaren darüber, “dass Fast Food nicht der alleinige Grund für jedes soziale Übel in den USA” ist. Oftmals war der Trend zum Fast Food allerdings Katalysator und Symptom allgemeiner wirtschaftlicher Trends wie etwa der Verbreitung des Franchise-Systems oder der Beförderung der Fettleibigkeit der Amerikaner. Laut Schlosser gelten 44 Millionen Amerikaner als fettleibig, davon sechs Prozent als superfettleibig, d. h. sie wiegen mehr als 50 Kilogramm zu viel. Jedes Jahr sterben 280.000 Amerikaner an den Folgen ihres Übergewichts. Günstig für den Erfolg des Fast Food waren laut Schlosser zudem Entwicklungen, die den Siegeszug der Fast-Food-Restaurants infrastrukturell begünstigten: die Ausbreitung der Einkaufszentren etwa oder der Wildwuchs der Städte im Westen, wo sich die Drive-In-Restaurants auf der grünen Wiese niederlassen konnten.

The American Way of Life

Letztlich vermittelt Schlosser, und vor allem das macht das Buch so lesenswert, “nicht nur Einblicke in die Funktionsweise einer wichtigen Industrie, sondern auch in eine typisch amerikanische Lebenseinstellung”. Dort ist man anderen Ländern schon wieder einen Schritt voraus, was die Folgen des Fast Food angeht: seit kurzem kann man in den USA Diätkuren von der Steuer absetzen.

Eric Schlosser: “Fast Food Gesellschaft.Die dunkle Seite von McFood & Co.” aus dem Amerikanischen von Heike SchlattererRiemann Verlag, München 2002, 451 Seiten23,90 Euro, ISBN: 3-570-50023-3

Copyright des Fotos liegt beim Riemann-Verlag, http://www.riemann-verlag.de.


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