Max Goldt, ehemaliger Kolumnist der Titanic und hochproduktiver Buchautor, bringt sein neuestes Werk auf den Markt. Auch der Titel seiner neuen Textsammlung aus den Jahren 2009-2012, Die Chefin verzichtet auf demonstratives Frieren, irritiert auf den ersten Blick, fügt sich aber gut in die Ahnengalerie von Vorgängern wie Wenn man einen weißen Anzug anhat oder Vom Zauber des seitlich daran Vorbeigehens ein.
Am Berliner Ensemble sind seine Lesungen mittlerweile eine feste Institution, auch bei der Buchpremiere am vergangenen Mittwoch blieb kaum ein Platz im Publikum frei, sehr viele junge Besucher mischten sich darunter. Die Chronisten hatten sich die Mühe gemacht, seine Auftritte nachzuzählen, und konnten seinen 20. Auftritt an Brechts Bühne vermelden.
Mit gewohnt spitzer Feder spießte Goldt die Alltagsbeobachtungen auf: die Verfechterinnen der Frauenquote bekamen ebenso ihr verdientes Fett weg wie die titelgebenden Friseurangestellten, die dick eingepackt vor dem Salon rauchen und dabei demonstrativ frieren.
Während bei den ersten Geschichten ein gelungener Spannungsbogen souverän in die Pointe mündete, wirkte ein langer Monolog aus Satzfetzen und disparaten Beobachtungen nach der Pause doch recht ermüdend. Mit zweieinhalb Stunden, nur unterbrochen von einer kurzen Pause und in der zweiten Hälfte von Hustenbonbons und Wasser unterstützt, bewies Max Goldt eine gute Kondition. Weniger wäre angesichts der sinkenden Qualität im zweiten Teil in diesem Fall mehr gewesen.
Das Buch Die Chefin verzichtet (Rowohlt Verlag)
Zum Abschluss des Literaturfestivals und einer Woche entscheidender Weichenstellungen (Parlamentswahl in den Niederlanden, Bundesverfassungsgerichtsurteil zum ESM) standen die Krise des Euro und der europäischen Integration im Mittelpunkt. Gemeinsam mit dem Auswärtigen Amt, der Stiftung Mercator und der Allianz Kulturstiftung spannten Schriftsteller mit ihren subjektiven Texten zur Lage Europas im Fokus Europe now einen "literarischen Rettungsschirm" auf.
Vielversprechend war die Idee, unter dem Titel Rating Europe - Was ist Europa wert? zwei Autoren aus den kriselnden Südländern Spanien (Pilar Velasco) und Griechenland (Dimosthenis Kourtovik) mit dem in Paris lebenden Niederländer Adriaan van Dis und dem deutschen Journalisten Daniel Schreiber diskutieren zu lassen.
Leider kratzte dieses einstündige Gespräch nur an der Oberfläche, die bekannten Positionen und Fakten wurden noch einmal ausgetauscht. Dass das Publikum der endlosen Debatten zur Eurokrise überdrüssig ist, zeigte der schwache Besuch dieser Veranstaltung, während die Resonanz auf andere Lesungen und Diskussionen meist sehr gut, sogar besser als in den vergangenen Jahren war.
In den ersten Tagen des Festivals gab es einige weitere recht interessante Lesungen aus politischen und zeithistorischen Romanen. Amir Hassan Cheheltan stellte Teheran, Stadt ohne Himmel vor. Im Zentrum des letzten Teils seiner Trilogie stand Gerammt, Wärter im berüchtigten Foltergefängnis Evin. Joachim Krol las in seiner spröden Art die lakonischen Beschreibungen aus dem Innenleben des Mullah-Regimes in deutscher Übersetzung.
Etwas zu langatmig gerieten die Antworten von Raj Kamal Jha, einem indischen Journalisten, der sein bereits 2006 erschienenes Buch Die durchs Feuer gehen, vorstellte. Darin schildert er das Massaker fanatischer Hindus an Muslimen in Ahmedadabad im Jahr 2002, das wenige Monate nach 9/11 von der Weltöffentlichkeit weitgehend ignoriert wurde. Erst in diesem Jahr hat der Oberste Gerichtshof verantwortliche Politiker zur Rechenschaft gezogen. Immerhin konnte der Publizist und Romanautor das hoffnungsvolle Fazit ziehen, dass sich die politische Landschaft mittlerweile so verändert hat, dass den rechtsgerichteten Hindu-Nationalisten ein starkes Gegengewicht aus anderen Lagern gegenübersteht.
Ein Höhepunkt der ersten Festival-Woche war die Benefiz-Lesung zu Ehren von Pussy Riot. Die Große Bühne des Festspielhauses war restlos ausverkauft, so dass die Veranstaltung auch ins Foyer übertragen werden musste. Das Bolschewistische Kurorchester spielte Klassiker von Brecht/Eisler bis Rio Reiser und gab eigene Songs zum besten, in denen sie sich Prinzipiell dagegen aussprachen, dass politische Gefangene in Haft landen. Zwischen den unterhaltsamen und rebellischen Liedern lasen Künstler aus der Neuübersetzung von Michail Bungalows Roman Der Meister und Margarita, in dem er die absurden Auswächse von Stalins totalitärem Regime karikiert und in einer surrealen Handlung mit Auftritten von Pontius Pilatus und dem Teufel kenntlich macht.
Am Sonntag Abend lasen Schauspielerinnen des Maxim Gorki Theaters und Ulrich Matthes vom Deutschen Theater in der Beletage der Heinrich Böll-Stiftung eine interessant gestaltete Collage aus den Moskauer Prozessakten im Fall Pussy Riot und der griechischen Tragödie Antigone von Sophokles.
Das internationale literaturfestival berlin erlebt in diesem Jahr seine 12. Auflage. Im Mittelpunkt der beiden Eröffnungstage stand Liao Yiwu, Schriftsteller, Musiker, Dissident, Exilant und aktueller Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels. Im Saal des Deutschen Theaters sollte Liao Yiwu zusammen mit seinem Freund, dem kanadischen Sinologen Michael Day, über sein Leben, das Massaker am Platz des Himmlischen Friedens und die Repression in China sprechen. Am Tag zuvor provozierte er die Machthaber in Peking mit seiner Eröffnungsrede, in der er Freiheit für Tibet forderte.
In der relativen Freiheit der 1980er Jahre genoss Liao Yiwu das Leben als einer der bekanntesten, jungen, wilden Schriftsteller Chinas. Erste Probleme mit der Staatsmacht bekam er zwar schon 1987, aber der entscheidende Einschnitt in seinem Leben war die blutige Niederschlagung der Proteste im Juni 1989. Er schrieb das Gedicht Massaker und nahm es gemeinsam mit Michael Day auf Tonband auf. Die Kopien verbreiteten sich schnell im Untergrund, fielen aber auch den Behörden in die Hände und führten zu einer vierjährigen Haftstrafe des Dichters. Die zermürbenden Bedingungen im Gefängnis und Arbeitslager schildert Liao Yiwu in seinem neuen Buch Ein Lied und hundert Lieder, das in den Feuilletons glänzende Kritiken erhielt.
International bekannt wurde Liao Yiwu mit seinem 2007 veröffentlichten Buch Fräulein Hallo und der Bauernkaiser, mit dem er die Führung der Kommunistischen Partei bis aufs Blut reizte. Die Interviews und Reportagen zeichnen ein schonungsloses Bild Chinas von unten, Falun Gong-Anhänger kommen ebenso zu Wort wie Prostituierte und Klomänner. Über mehrere Jahre zog sich ein Konflikt mit den chinesischen Behörden: Zensur und Ausreiseverbote wie vor der Frankfurter Buchmesse 2009 waren an der Tagesordnung, Lockerungen wie die Erlaubnis seines Auftritts beim internationalen literaturfestival berlin 2010 blieben Ausnahmen. Im vergangenen Jahr gelang ihm die Flucht nach Deutschland, derzeit lebt er in Berlin.
Liao Yiwu und Michael Day hätten zum Titel der Veranstaltung Lyrik zwischen Gefängnismauern und die Freiheit der Liebe einiges zu erzählen gehabt. Leider wurden sie und ihre Dolmetscherin von der Moderatorin Silke Behl schon nach einer knappen halben Stunde von der Bühne komplimentiert, so dass sie sich für die nächste halbe Stunde dem Lyriker Gerald Schorsch widmen konnte, der zu DDR-Zeiten ebenfalls im Gefängnis saß.
Das Gespräch mit Yiwu und Day blieb in der kurzen Zeit fast zwangsläufig an der Oberfläche und hatte mit der deutsch-chinesisch-englischen Sprachverwirrung der Protagonisten auf der Bühne zu kämpfen. So blieb von dieser Veranstaltung leider ein negativer Eindruck zurück. Sie bot nicht mehr als einen ersten Eindruck des Autors, der immerhin noch eine kurze Passage vom Schluss seines neuen Buches im chinesischen Original vortragen durfte. Auch wenn kaum jemand im Raum die Sprache so gut beherrschte, dass er den Text verstand, wurde in Liao Yiwus emotionalem Vortrag der Schmerz der Gefängnisfolter durch Wärter und Mithäftlinge spürbar.
Das internationale literaturfestival berlin
Einer der Höhepunkte des Internationalen Literaturfestivals Berlin war der Auftritt von Gary Shteyngart auf der Großen Bühne des Festspielhauses.
Sigrid Löffler würdigte ihn in ihrer kompetenten Einführung als einen der interessantesten und komischsten Autoren der Gegenwart. Nachdem er gemeinsam mit seinen Eltern 1979 von den USA aus der Sowjetunion freigekauft worden war, widmete er sich in seinen beiden ersten Büchern dem Untergang des Sowjet-Imperiums.
Verfall und Abstieg haben es ihm auch in seinem dritten Buch angetan: Super Sad True Love Story widmet sich dem Defizit des US-Haushalts und den Ängsten einer verunsicherten Nation vor dem Hintergrund einer Liebesgeschichte.
Bemerkenswert ist, dass Shteyngart bereits 2006 mit der Arbeit an seinem satirischen Zukunftsszenario begann und schneller als erwartet von der Realität eingeholt wurde. Die Passagen in seinem Buch über die Kritik der chinesischen Zentralbank, dass es mit dem US-Schuldenberg so nicht weitergehen könne, erinnern sehr an tatsächliche Medienberichte aus diesem Krisensommer, als das Buch längst veröffentlicht war und bereits für Furore sorgte.
Etwas unglücklich gewählt waren allerdings die Textausschnitte, die bei dieser Autorenlesung vorgetragen wurden. Darin kam der besondere Reiz des Buches nicht gut zur Geltung.
Ins Obere Foyer des Festspielhauses haben die Veranstalter des ilb zu
einer Diskussion unter dem Titel Berlusconisierung Europas? geladen. Die
Debatte in der Reihe Reflections war zwar mit Freitag-Herausgeber
Jakob Augstein, dem ungarischen Publizisten György Dalos und Dramatiker
Moritz Rinke interessant besetzt, scheiterte aber an der Konzeptlosigkeit. Vor allem die Moderatorin wirkte indisponiert, wie meine beiden Nachbarinnen mehrfach murmelnd monierten.
Schon nach wenigen Minuten kritisierte Augstein der wie gewohnt scharfsinnig argumentierte, dass hier zu viele Phänomene miteinander verrührt wurden und das eigentliche Thema der nachmittäglichen Runde nicht trennscharf definiert wurde.
So hüpfte man auf dem Podium von Berlusconi über Ungarn zum Freiherrn Karl-Theodor Guttenberg und zurück, bevor man immer mal wieder bei Strauss-Kahn. Deshalb hat die Diskussion wenig Gewinn für die Zuhörer gebracht: dass Berlusconi inzwischen auch den Italienern peinlich wird, war schon vorher klar. In Deutschland haben wir keine vergleichbaren Phänomene. Die fleissigen Aktenleser dominieren die politische Bühne, der schillernde Freiherr scheiterte schnell an seinen Plagiaten und durchsichtigen Inszenierungsstrategien. Besorgniserregend bleibt die Situation in Ungarn, wo die rechtspopulistische Regierung im Schatten der Euro-Krise rechtsstaatliche Standards schleift. Das Problem ging aber auf diesem Podium eher unter.
Wie eine solche Veranstaltung besser gelingen kann demonstrierte am gestrigen Montag Gabriele von Arnim, die in ihrer gewohnt souveränen Art Raoul Schrott über sein Werk und seine Gedankenwelt befragte. Auf dem Podium entwickelte sich ein ruhiges Gespräch, das Schrotts eigenständigen Kosmos innerhalb des hektischen Literaturbetriebs reflektierte, und genug Raum für Nachfragen ließ. Schrott wurde vor einigen Jahren durch seine Thesen zur Entstehung von Homers Werken bekannt, mit denen er die Fachwissenschaft zum Teil heftig gegen sich aufbrachte. Aktuell bereitet er einen epischen Text über seine Grenzerfahrungen u.a. in der Wildnis von Nordwest-Kanada vor, aus dem er erste Notizen und Fragmente vortrug.
Interessant war auch das Gespräch des Sinologen Tilman Spengler mit Jung Chang über die fast 1.000seitige Mao-Biographie, für die sie international viel Lob bekam, die aber in China der Zensur zum Opfer fiel. Gemeinsam mit ihrem Mann zeichnet sie darin akribisch Maos Lebensstationen und Leseerfahrungen nach. Vor allem dekonstruiert sie einige Mythen, die in der KPCh immmer noch gepflegt werden. Jung Chang wurde international durch ihren vielgelobten Roman Wilde Schwäne bekannt, worin sie ihre autobiographischen Erlebnisse während der Kulturrevolution verarbeitet.
Zum Auftakt des Internationalen Literaturfestivals Berlin, das in diesem Spätsommer zum 11. Mal stattfindet, führte Sigrid Löffler im Saal des Deutschen Theaters durch einen gelungenen Abend zu Ehren von José Saramago.
Der streitbare portugiesische Autor wurde hierzulande 1998 einem breiteren Publikum bekannt, als er mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde. Bis zu seinem Tod im vergangenen Jahr machte er mit geschliffenen, gescellschaftskritischen Novellen und Romanen sowie mit seiner harten Kritik an Sarkozy, Berlusconi und Co. in Interviews und Blogs auf sich aufmerksam.
Die Literaturkritikerin Sigrid Löffler, langjährige Antipodin von Marcel Reich-Ranicki, gab eine sehr kurzweilige und fundierte Einführung in Leben und Werk Saramagos. Im Vergleich zu früheren Jahren war dies ein sehr gelungener, informativer Einstieg, der als Standard hoffentlich auch in den kommenden Festivaltagen eingehalten wird.
Höhepunkt des Abends war die Lesung von Sven Lehmann mit seinem charakteristischen Timbre, mit dem er seit Jahren auf der Bühne des Deutschen Theaters vor allem als Mephisto, aber auch in vielen Fernsehfilmen zu erleben ist. Er las einige Passagen aus Saramágos letztem Roman Kain: Der Kommunist und Atheist erzählt darin den biblischen Mythos des Brudermords neu. Der alttestamentarische Gott wird bei Saramago als grausam und despotisch dargestellt, wie Sven Lehmann mit seiner Stimme gut nuanciert herausarbeitet.
Das Internationale Literaturfestival Berlin ilb
Zwei sehr unterschiedliche ilb-Autoren: Mahmud Doulatabadi und Assaf Gavron
18:41
Mittwoch, 22. September 2010
Am Dienstag waren beim ilb zwei sehr unterschiedliche Autoren im Theatersaal des Hauses der Kulturen der Welt zu erleben, die aber beide mehr Besucher verdient hätten:
Zunächst las Mahmud Doulatabadi aus seinem neuen Buch Der Colonel: Ein düsteres Buch über die Zeit direkt nach der islamischen Revolution im Iran. Man merkt dem Text seine Entstehungsgeschichte an: Der Stoff quälte den Autor als Alptraum bereits vor knapp 25 Jahren. Doulatabadi machte sich erste Notizen und ließ die Erzählung weiter in seinem Kopf und in ersten Manusktiptentwürfen reifen. Erst im vergangenen Jahr hielt er die Zeit für gekommen, den Roman zu Papier zu bringen und als Erstveröffentlichung beim Züricher Unionsverlag zu publizieren. In der iranischen Theokratie hätte ein solch düsterer und brutaler Text, der auch Verhöre und Folter nicht ausspart, natürlich keine Chance, publiziert zu werden.
Die Titelfigur, ein ehemaliger hoher Militär in der Armee des Schahs leidet unter dem plötzlichen Machtverlust nach dem Regimewechsel und wird eines Tages verhaftet, als er seine Frau aus Eifersucht ermordet hat. Nach und nach verliert er auch seine fünf, die sich entweder gegen ihn stellten und als "Märyter" der Revolution starben oder vom Geheimdienst verschleppt und getötet wurden.
Wer nach so viel politischer Tristesse gute, humorvolle Unterhaltung sucht, ist bei Assaf Gavrons rasantem Roadmovie Alles paletti gut aufgehoben. Der Roman des israelischen Autors erscheint leider erst jetzt auf Deutsch, obwohl er in seiner Heimat 2003 ein großer Erfolg war. Bereits die temporeiche Reflexion über verschiedene Gründe, umzuziehen, weckt die Lust, diesen Text kennenzulernen. Auf den kommenden Seiten entspinnt sich eine wilde Verfolgungsjagd der ukrainischen Mafia, da Mitarbeiter einer Umzugsfirma einfach den LKW geklaut haben, in dem eine wertvolle, geheimnisvolle Fracht versteckt war. Von New York aus beginnt eine wilde Reise quer durch die USA. In Alles paletti verzichtet Gavron bewusst auf die Problematisierung des Nahost-Konflikts, die seine sonstigen Bücher prägen, und bietet stattdessen amüsante Unterhaltungsliteratur.
In Deutschland wurde Gavron durch ein Buch begann, dessen Titel Ein schönes Attentat in Israel heftige Wellen der Empörung auslöst: Ein Yuppie aus Tel Aviv überlebt mehrere Selbstmordattentate, in geschickten Montagen beleuchtet der Autor die Biographien des Yuppies und seiner Attentäter und schafft es, wie ihm viele Kritiker bestätigten, ein beklemmendes, aber differenziertes Bild des Nahostkonflikts zu zeichnen.
Aktuell arbeitet Gavron im Rahmen eines DAAD-Stipendiums in Berlin an einem nächsten Roman, der ebenfalls wieder hochpolitisch sein wird und im Milieu der israelischen Siedlungsbewegung spielt.
An diesem Sonntag waren zwei beeindruckende, streitbare Köpfe beim Internationalen Literaturfestival Berlin zu erleben.
Der chinesische Dissident Liao Yiwu durfte erstmals ausreisen. Warum die Pekinger Politbürokratie diesmal nachgegeben hat, konnte auch der Autor selbst nicht schlüssig erklären: Erst 2008 bekam er nach knapp zehnjähriger Wartezeit einen Pass, wurde seitdem aber immer wieder an der Grenze zurückgeschickt oder bereits vorab an der Reise gehindert: Deshalb konnte er weder die Einladung zur Frankfurter Buchmesse mit Schwerpunkt China im vergangenen Herbst noch zur Lit.Cologne im Frühjahr wahrnehmen.
Mit der Staatsmacht geriet er erstmals 1989 durch sein Gedicht Massaker über die brutale Niederschlagung der Proteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Konflikt. Nach diesem einschneidenden Erlebnis und der mehrjährigen Haft entschied er, sich von fiktionalen Texten zu verabschieden und sich auf eine hyperrealistische Schilderung der chinesischen Verhältnisse zu konzentrieren.
Für Aufsehen sorgte vor allem sein Interviewband Fräulein Hallo und der Bauernkaiser. China von unten, der bei seinem Erscheinen im Herbst 2009 von der Kritik einhellig gelobt wurde: Liao Yiwu traf sich mit Wanderarbeitern und prekarisierten Existenzen, die nicht in das ideologische Bild maoistischer Gleichheit und auch nicht in die westlichen Träume prosperierender Boom-Towns passen, so dass der Text nur im Ausland erscheinen konnte.
Liao Yiwus sprachliche Eleganz und seine Wut zeigte sich vor allem in zwei kurzen Gedichten und einem Offenen Brief an Angela Merkel, dessen Übersetzung der Moderator Hans Christoph Buch vortrug. Hat dieser Brief vielleicht zum Kurswechsel in Peking beigetragen, Liao Yiwu diesmal reisen zu lassen?
Erfreulicherweise war der Moderator dieser Veranstaltung im fast bis auf den letzten Platz besetzten Theatersaal des Hauses der Kulturen der Welt nicht so indisponiert wie Arno Widmann anschließend an der Schaubühne am Lehniner Platz: Der Feuilletonchef der Frankfurter Rundschau stellte Ernst Stötzner, langjähriges Ensemble-Mitglied am Deutschen Theater, Hauptdarsteller vieler wichtiger Inszenierungen im deutschen Sprachraum und nun an der Schaubühne, peinlicherweise unter falschem Namen vor und hielt ihn für den Übersetzer von Vladimir Sorokins Erzählungsband Der Zuckerkreml. Als ihn Stötzner höflich darauf aufmerksam machen wollte, dass er lediglich Passagen aus dem Text vortragen wird, verstrickte sich Widmann noch tiefer in seinen Faux-Pas, bis ihm Stötzner einen kleinen Zettel während einer Pause rüberreichte.
Nach dieser sehr unprofessionellen Eröffnung entwickelte sich doch noch eine interessante Diskussion über Sorokins Text und seine negative Utopie von Russland im Jahr 2027. In seinem neuen Werk spinnt der Autor die Konstruktion seines grotesken Romans Der Tag des Opritschniks weiter: Russland hat sich zur Monarchie entwickelt und mit einer "Großen Mauer" völlig vom Westen abgeschottet. Mit Brutalität wird jeder Widerstand niedergeschlagen. Während sich dieser Roman von 2007 ganz auf die Mechanismen der Herrschaft konzentrierte, nehmen die Episoden des neuen Bandes die Perspektive der "kleinen Leute" ein, die versuchen, halbwegs unbeschadet in der Schreckensherrschaft ihrem Alltag nachzugehen.
Michael Stavaric bot bei seiner Lesung auf dem Internationalen Literaturfestival Berlin einige Häppchen aus seinen Büchern Böse Spiele (2009) und Europa. Eine Litanei, dessen 2. Auflage gerade erschien.
In diesen kurzen Eindrücken wird deutlich, dass wir es bei dem Autor, der 1972 in Brno geboren ist, noch als Kind seinen Eltern nach Österreich emigrierte, lange an der tschechischen Botschaft in Wien arbeitete und nun als freier Schriftsteller dort lebt, mit einem facettenreichen Autor zu tun haben.
In Böse Spiele geht es um eine schwierige Viereck-Beziehung, die mit mythischen Motiven und Klischees aus dem Zusammenleben der Geschlechter spielt. In dem Ausschnitt zeigt sich eine sehr rhythmisch-spielerische Komposition seiner Sprache.
Stilistisch und inhaltlich gibt es einen deutlichen Kontrast zum neu aufgelegten satirischen Buch Europa. Eine Litanei. Darin verknüpft er in einem assoziativen Kaleidoskop viele Kuriositäten aus den verschiedenen Regionen und Kulturen Europas. Ein Lesebuch, in das man wie bei einem Lexikon an beliebiger Stelle einsteigen kann.
Es wäre wesentlich interessanter gewesen, noch längere Passagen aus seinem Werk zu hören, anstatt die ohnehin knappe Veranstaltungszeit von nur 1 Stunde mit recht belanglosen Standardfragen á la "Wie arbeiten Sie? Mit dem Computer oder schreiben Sie mit der Hand?" zu füllen.
Ein sehr düsteres Bild zeichneten die Diskutanten im Theatersaal des Hauses der Kulturen der Welt vom System Putin-Medwedew. Der Philosophie-Professor Michail Ryklin, die Publizistin Sonja Margolina, die seit 1986 in Berlin lebt,und die junge russische Journalistin Natalja Kljutarscharjowa konnten keine hoffnungsvollen Ansätze ausmachen, wie die autokratische Struktur des heutigen Russland überwunden werden könnte.
Nach dem Fall des Kommunismus und der jähen Enttäuschung der Hoffnung auf eine schnelle demokratische Transformation während der späten Gorbatschow- und frühen Jelzin-Jahre entzündet sich zwar immer wieder Protest wie eine Stichflamme an einigen Orten des gewaltigen Territoriums.
Die Panelisten waren sich aber einig, dass keine tragfähige Idee für einen Wandel in Sicht sei. Ob bei der nächsten Präsidentschaftswahl Medwedew wiedergewählt werde oder doch Putin wieder vom Amt des Ministerpräsidenten in den Kremlpalast wechsele, sei recht irrelevant.
In solch deprimierenden Moll-Tönen verlief die Diskussion, begleitet von Kopfschütteln, Unmut und giftigen Kommentaren über den Stil des Moderators Manfred Sapper von der Fachzeitschrift osteuropa. Er zelebrierte seine ausführlichen Hinführungen zur nächsten Frage in seiner Rhetorik, die in einigen Facetten an Guido Westerwelle und Reinhold Beckmann erinnerte, bis nach fortgesetztem Grummeln einige Besucher mit den Worten "Davon kriege ich Kopfschmerzen" gingen.
In der Reihe "Reflections" diskutierten drei ältere Herren über das Verhältnis von Schriftstellern und Intellektuellen zur Macht: Ausgehend von ihren persönlichen Erlebnissen im Jahr 1968 räsonierten der polnische Publizist Adam Krzeminski (Polityka), der ungarische Schriftsteller und Freitag-Mitherausgeber György Dalos und der deutsche Romancier Peter Schneider über ihr politisches Engagement und ihre Irrwege.
Über weite Strecken verengte sich die Podiumsdiskussion auf die Verführbarkeit durch Ideologien: György Dalos verstand sich in seiner Jugend als Maoist, Peter Schneider hatte als einer der Wortführer der West-Berliner Protest-Szene engen Kontakt zu einigen Mitstreitern, die sich radikalisierten und der RAF anschlossen. Auch die Moderatorin, Tissy Bruns, wusste dazu einiges Zweifelhafte aus ihrer Biographie beizutragen, da sie in den 1980er Jahren bis zum Mauerfall der DKP anhing.
In den Momenten, als sich die Diskussion etwas von Anekdoten löste und nicht gerade wieder eine der zahlreichen Spitzen gegen den abwesenden Günter Grass gesetzt wurde, konnte man durchaus Nachdenkenswertes über die Situation von Intellektuellen in Osteuropa hören: auf die Zeit der Zensur, als die Leser begierig zwischen den Zeilen lasen und auf jede Nuance achteten, folgt in den Transformationsstaaten eine Ära, in der es immer schwieriger ist, überhaupt Gehör zu finden.
Das Reflexionsniveau von Adam Krzeminski und György Dalos konnte Peter Schneider nicht halten, der eher vom Thema wegführte und dann auch Banalitäten, die mit dem Thema überhaupt nichts zu tun haben, von sich gab, wie z.B. dass er Helmut Schmidt verehre, weil er so unbeirrbar in der Öffentlichkeit raucht.
Am Ende stimmten die drei älteren Herrschaften in ein eher düsteres Bild über den Zustand unserer Demokratie ein: Vor allem Krzeminski bedauerte, dass sich die Medien in immer kürzeren Zyklen auf ein neues Thema stürzten und dann schon die nächste Sensation als Hype der Woche auf allen Kanälen durchgenudelt werde. Die Diskussion über strukturelle Probleme bleibe so auf der Strecke und ohnehin kämen abweichende Meinungen zu selten zu Wort. Tissy Bruns nickte dazu heftig. Dabei könnte sie dies doch ändern und in ihren Tagesspiegel-Artikeln oder bei ihren Auftritten in fast jedem zweiten Presseclub nicht nur den Mainstream-Konsens zum Aufreger der Woche resümieren.
Eine ganz andere Zielgruppe hatte die Internationale SLAM! Revue im etwas zugigen C-Club am Platz der Luftbrücke. 10 internationale Spoken Word Poeten wetteiferten in einem babylonischen Sprachgewirr um die Gunst des Publikums.
Das Applausometer verzeichnete nach knapp drei Stunden die stärksten Ausschläge bei der Australierin Emilie Zoey Baker, die nach 28stündigem Flug und Unfall im Veranstaltungsbüro auf die Bühne humpelte.
So überzeugend war ihr Vortrag aber nun auch wieder nicht. Mit subtileren Pointen und besseren dramaturgischen Mitteln performten einige ihrer Konkurrenten:
Elsa Fitzgerald & Ribi Rimini (Schweiz) erzähltren mit hintersinnigem, feinem Humor über die Begegnung eines heiratswilligen Emmentalers mit einer Ukrainierin, die dringend eine Aufenthaltsgenehmigung braucht. Temye Tesfu (Deutschland) floh in seinem sehr amüsanten Text vor den Lederhosen-Klischees seiner bayerischen Heimat, nur um im gentrifizierten Berlin auf viele Klischee-Neu-Berliner zu treffen. Samian (Kanada) begeisterte mit Hip-Hop auf Französisch und in einer Sprache der First Nations, wo die Wurzeln seiner Familie liegen.
Als Ehrengast aus New York schuf Carlos Andrés Gomez auf Zuruf des Publikums aus den Wort-Bausteinen eine Liebeserklärung an Berlin. Er wird am kommenden Montag in einer Solo-Performance auch in der Berghain Panoramabar zu erleben sein.
Selten ist eine Podiumsdiskussion so missglückt wie diese Kooperation zwischen dem Internationalen Literaturfestival Berlin und dem Zentrum Moderner Orient: Die bekannte Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer und die beiden Herausgeber des Sammelbandes The Global Mufti. The Phenomenon of Yusuf al-Qaradawi sollten dem Publikum den umstrittenen islamischen Rechtsgelehrten vorstellen, der seit 1996 auf al-Jazeera in der Sendung Die Scharia und das Leben Fragen nach der richtigen, gottgefälligen Lebensweise beantwortet.
Leider brachten die 90 Minuten kaum einen Erkenntnisgewinn: Vom Podium kam in unterschiedlichen Varianten immer nur, dass der Mann sehr ambivalent sei und sich in seiner gewaltigen Produktivität zahlreicher Predigten, Fernsehauftritte und Schriften teilweise widersprüchlich äußert.
Aus dem fachkundigen Publikum im Collegium Hungaricum kamen mehrere ungeduldige Nachfragen: Es wurde auf konkrete Videos verwiesen, in denen er Töne mit recht eindeutiger antisemitischer Schlagseite anschlägt.
Fazit der Veranstaltung: Es ist unklar, wie sich dieser Mann einordnen lässt. Ist er ein moderater Mufti, der durchaus für Reformen offen ist? Manches lässt sich angeblich so interpretieren. Warum hat der alte, wenig charismatische Mann in der islamischen Welt so viele Anhänger? All diese Fragen wären sehr interessant, aber an diesem Abend blieb eine Antwort im Dunkeln.
Am 15. September eröffnete die Jubiläumsausgabe des Internationalen Literaturfestivals mit den üblichen Reden und dem obligatorischen Aufmarsch der Praktikantinnen und Praktikanten, die das Programm gemeinsam mit dem Organisationsteam mitorganisierten.
Wegen der Renovierung des Hauses der Berliner Festspiele in Wilmersdorf zog die Veranstaltung an diesem Jahr direkt an die Spree: Im "Haus der Kulturen der Welt", das architektonisch den Mief der West-Berliner Insellage spüren lässt, nahmen zunächst die Grußworte sehr breiten Raum ein.
Als Sigrid Löffler, die Antipodin des Literaturpapstes MRR aus Zeiten des "Literarischen Quartetts", den Hauptredner des Abends vorstellte, nahm die Veranstaltung langsam an Fahrt auf: Juan Goytisolo kann auf ein sehr kurvenreiches Leben zurückblicken. Von Franco ins Exil gedrängt, lebte er zunächst in Paris, tauchte dort in avantgardistische Kreise ein und lebt nun hauptsächlich in der Altstadt von Marrakesch.
In seinem Eröffnungsvortrag Das Pulsieren des Raumes. Wie Ortserkundungen zu Texten werden skizzierte er einige biographische Erinnerungen und verknüpfte Episoden aus seinen Aufenthalten in Berlin Anfang der 1980er Jahre und Paris mit flüchtigen Assoziationen zu Cervantes und Baudelaire. Der Vortrag konnte die hohen Erwartungen, die Löfflers Einführung geweckt hatte, nicht erfüllen. Aus seinen reichen Lebenserfahrungen, seinen politischen Kämpfen und seinen zahlreichen Reisereportagen vor allem in die islamische Welt floss zu wenig in diese Festrede ein, die zwar nicht langweilte, aber etwas konturlos zwischen Assoziationen vor sich hinplätscherte.
Das Programm des 10. Internationalen Literaturfestivals Berlin
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